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Interview „Das Feld von hinten aufrollen“

Von Heiner Sieger 5 min Lesedauer

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Professor Dr. Jochen Werner*, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Essen, über die größten Herausforderungen im Zuge der digitalen Transformation des deutschen Gesundheitswesens und die Rolle des „smarten“ Patienten.

Professor Dr. Jochen Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Essen.(Bild: UKE)
Professor Dr. Jochen Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Essen.
(Bild: UKE)

Vor welchen Herausforderungen steht die digitale Transformation im deutschen Gesundheitswesen?

Vor zwanzig Jahren hätten wir entschlossen den Weg der Digitalisierung einschlagen müssen. Das ist leider nicht passiert, sicherlich auch deswegen, weil damals die wirtschaftliche Situation deutlich besser war als heute. Es gab keinen spürbaren Veränderungs- und Innovationsdruck. Wir wissen aus vielen Beispielen, dass die größten Fehler und Versäumnisse in Zeiten des Erfolges gemacht werden, weil man es verpasst, sich auf die Zukunft vorzubereiten. Noch 2018 hieß es dann weiterhin: Wir verfolgen in Deutschland das Ziel, Weltmarktführer für KI-Anwendungen zu werden. Dies war und ist augenscheinlich eine Sprechblase. Der Abstand zu den führenden Nationen und auch den führenden Tech-Unternehmen hat sich vielmehr weiter vergrößert. Dafür sind wir in der EU ganz stark nicht beim Fördern, sondern beim Regulieren dieser wahrscheinlich zentralen Zukunftstechnologie. 
 
Die größte Herausforderung ist demnach, das Delta zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu schließen. Jeder fordert zwar Digitalisierung, aber keiner will sie wirklich machen oder konkret dafür verantwortlich zeichnen. Auch im Zuschnitt politischer Verantwortlichkeiten taucht dieses Thema bislang kaum auf. Das alles erinnert mich fatal an die Ent-Bürokratisierung, die auch ständig gefordert, aber von niemandem konkret in Angriff genommen wird. Kurzum: Es mangelt am Umsetzungswillen, aber als Grundvoraussetzung dafür an digitaler Affinität außerhalb des privaten Bereiches sowie an Aufklärung. Es ist schon bezeichnend, dass das Verwalten von Kontakten und Terminen oder das digitalgestützte Erledigen von Bankgeschäften für die meisten Menschen Alltag geworden ist, aber der konkrete Nutzen der Digitalisierung für ihre Gesundheitsversorgung noch von vielen nicht ausreichend wahrgenommen wird.

Was wären sinnvolle Schritte, damit die digitale Transformation im deutschen Gesundheitswesen schneller voranschreitet?

Interessant ist, dass laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom die Mehrheit der Bevölkerung die Digitalisierung des Gesundheitswesens befürwortet. 83 Prozent halten es für richtig, die Digitalisierung voranzutreiben, 72 Prozent fordern dahingehend ein höheres Tempo. Doch genau daran hapert es. Es dauert viel zu lange, bis den Worten auch Taten folgen. Neben der digitalen Infrastruktur fehlt immer noch die Novellierung des Datenschutzes. Hier brauchen wir eine zeitgemäße Auslegung, der Datenschutz atmet vielfach noch den Geist seiner Gründung aus den späten 1970er Jahren. Aber die Welt hat sich seitdem verändert, die Chancen der Datennutzung für die Medizin haben sich signifikant verbessert. Auch hier gilt: Es gibt zahlreiche konkrete Handlungsfelder, aber der größte Bremsklotz ist die fehlende Überzeugung und Motivation, Dinge wirklich verändern zu wollen. 

Welche Rolle spielt dabei der „smarte Patient“ im Speziellen? Kann er die Veränderung mit antreiben?

Seit Jahren und Jahrzehnten warten wir – bislang vergeblich – auf koordinierte, zielführende Handlungsansätze der eigentlich verantwortlichen Akteure im Gesundheitswesen, also der Bundes- und Landespolitik, dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) als höchstes Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen sowie den involvierten Verbänden. Ich bin in dieser Hinsicht nach mehr als 40 Jahren als Arzt und Manger absolut realistisch – man kann auch sagen desillusioniert – und erwarte in dieser Hinsicht nicht mehr viel, das aktuelle Zerreden von Reformprojekten und der vordringliche Schutz der eigenen Interessen ist dafür ein hervorragendes Beispiel. 
 
Also geht es darum, den Veränderungs-Impuls zu verlagern, gewissermaßen über den smarten Patienten und dessen Anforderungsprofil „das Feld von hinten aufzurollen“. Wir reden über ein neues Selbstverständnis. Die Menschen sollen Souverän ihrer eigenen Gesundheit werden – dies umfasst gleichermaßen Nehmen und Geben. Sie müssen dazu digitale Hilfsmittel nutzen und – ganz wichtig – den Einsatz zugleich auch aktiv einfordern, bei Ärzten, in Kliniken und bei Krankenkassen. Das Smartphone bietet längst alle Voraussetzungen, um zum digitalen Kompass für die eigene Gesundheit zu werden, die Prävention und Früherkennung von Krankheiten zu unterstützen und auch, um die Verwaltung und Nutzung von persönlichen Daten zu verbessern. Andere Länder machen uns längst vor, wie dies ohne Kontrollverlust beim Datenschutz funktionieren kann. Hinzu kommt, dass ich es noch nie erlebt habe, dass Patientinnen und Patienten ihre Daten sowohl für die eigene Gesundheit als auch für den medizinischen Fortschritt nicht hergeben, sofern die ethische korrekte Nutzung sichergestellt ist. Menschen wollen gesund bleiben und gesund werden.

Wir reden über ein neues Selbstverständnis. Die Menschen sollen Souverän ihrer eigenen Gesundheit werden – dies umfasst gleichermaßen Nehmen und Geben. Sie müssen dazu digitale Hilfsmittel nutzen und – ganz wichtig – den Einsatz zugleich auch aktiv einfordern, bei Ärzten, in Kliniken und bei Krankenkassen

Gibt es für diesen Weg richtungsweisende Beispiele?

Hier kommt man nicht umhin, auf Estland zu verweisen, wenngleich die digitale Infrastruktur auch dort langsam in die Jahre kommen dürfte. Nach der Unabhängigkeit von der damaligen Sowjetunion hat sich die Regierung bewusst dazu entschieden, das gesamte Land radikal zu digitalisieren. Wer es heute mit Behörden zu tun hat, muss praktisch nicht mehr aufs Amt. Auch die Gesundheitsdaten sind digital verfügbar. Aber – und das halte ich für sehr wichtig hinsichtlich der Akzeptanz – es herrscht Transparenz im Hinblick auf die eigenen Daten. Bürger haben über ein Portal die Möglichkeit zu sehen, wann welches Amt auf welche Daten zugreift. Und nicht jedes Amt hat das Recht, auf alle Daten zuzugreifen. Damit bleibt man eben auch weiterhin „der Souverän seiner Daten“. Entgegen vielen Bedenken gehört das Land in Sachen Cyber-Sicherheit ebenfalls zur Weltspitze. 
 
Auch von unseren direkten Nachbarn können wir lernen. Dänemark hat über eine Dekade die Struktur seiner Kliniken umgestellt und unterschiedet nunmehr sehr klar zwischen Grundversorgern und spezialisierten Zentren. Von den Niederländern können wir uns in Sachen Telemedizin und Akzeptanz digitaler Lösungen im Gesundheitswesen eine Scheibe abschneiden. E-Health-Anwendungen werden breit akzeptiert. Schon seit Jahren werden Medikamente digital verschrieben, Gesundheitsdaten elektronisch gespeichert. Im Rahmen einer Diskussion zum „smarten Patienten“ habe ich vor einiger Zeit mit einer Niederländerin gesprochen, die die Sorge der Deutschen um ihre Daten nicht nachvollziehen konnte: „Wir Niederländer sind da einfach viel pragmatischer. Wenn etwas einfacher und schneller geht, mir am Ende als Patient besser geholfen werden kann, worüber denkt ihr dann noch nach?“ Das sehe ich genauso. Wir müssen in Deutschland unseren eigenen Weg finden. Noch ist Zeit, doch angesichts wahrlich epochaler Herausforderungen – demographischer Wandel, unsichere Finanzierung des Gesundheitssystems – wird das Zeitfenster jeden Tag kleiner.

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*Professor Dr. Jochen Werner ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Essen. Seit Beginn seiner Tätigkeit in Essen im Jahr 2015 treibt Werner die digitale Transformation der Universitätsmedizin Essen zum Smart Hospital voran. Er engagiert sich zudem als Medical Influencer für die beschleunigte Digitalisierung im Gesundheitswesen.