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Rechenzentren Digitale Souveränität: Europäische Alternative zu den Hyperscalern

Ein Gastbeitrag von Dr. Kai Wawrzinek 4 min Lesedauer

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Hyperscaler wie AWS, Microsoft oder Google dominieren den Markt und kontrollieren die Daten europäischer Unternehmen – ein Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit und digitale Souveränität. Europa verfügt jedoch über eine ausgebaute Infrastruktur an Rechenzentren, die isoliert voneinander arbeiten.

(Bild: Antto-AI/Adobe Stock - generiert mit KI)
(Bild: Antto-AI/Adobe Stock - generiert mit KI)

Die europäische Cloud wird weitgehend von internationalen Anbietern dominiert, was zu Machtkonzentration und steigenden Kosten führt. Besonders für kleine und mittlere Unternehmen ist dies problematisch, da sie aufgrund fehlender Alternativen oft an Hyperscaler gebunden sind. Laut dem „State of Cloud 2024 Report“ von Flexera entfallen bei rund einem Drittel der KMUs mehr als 1,2 Millionen US-Dollar der Ausgaben auf die Cloud. Dies stellt ein Risiko für die digitale Souveränität der EU dar.

Die Marktmacht der Hyperscaler zeigt sich in den Rechenzentren: Amazon Web Services, Microsoft und Google betreiben weltweit 41 Prozent aller Datacenter. Ihre zentralisierten Geschäftsmodelle belasten Unternehmen zusätzlich durch ineffiziente Datenübertragungen, hohe Betriebskosten und hohen Wechselkosten. Zudem entstehen oft hohe Gebühren für Datenabzüge, was Wettbewerb und Flexibilität einschränkt.

Auswirkungen auf die digitale Souveränität Europas

Mit der exponentiellen Datenzunahme – bis 2025 werden jährlich rund 175 Zettabyte weltweit generiert – stoßen zentralisierte Cloud-Modelle an ihre Grenzen. Das Phänomen der „Data Gravity“, also der Einfluss großer Datenmengen auf die Rechenleistung durch langsame Antwortzeiten, verdeutlicht die Notwendigkeit, Daten näher am Endnutzer zu speichern. Dezentrale Cloud-Infrastrukturen, die auf geografisch verteilte Rechenzentren setzen, bieten hier einen zukunftsweisenden Ansatz. Diese Architektur erlaubt die Verarbeitung von Daten am Netzwerkrand (Edge), was die Latenzzeiten reduziert und die Effizienz steigert.

Eine dezentrale Cloud-Infrastruktur, die vollständig von europäischen Anbietern betrieben wird, ermöglicht es überdies, Daten innerhalb Europas zu verarbeiten und zu speichern. Dies verleiht Unternehmen nicht nur mehr Kontrolle und Sicherheit über ihre Daten, sondern stärkt auch die Datensouveränität und trägt langfristig zur Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen bei.

Herausforderungen der bestehenden Strukturen

Europa verfügt über eine breite Infrastruktur moderner Rechenzentren, die laut Data Center Industry Report 2023 mehr als 1.600 Standorte umfasst. Diese bleiben aufgrund mangelnder Vernetzung und Kooperation unterausgelastet. Durch die strategische Vernetzung dieser Rechenzentren könnte Europa eine eigene Cloud-Infrastruktur schaffen, die sowohl den Anforderungen moderner Unternehmen gerecht wird als auch die digitale Souveränität sichert. 

Ein Netzwerk dezentraler Rechenzentren würde die Betriebskosten durch effiziente Ressourcennutzung senken und zugleich eine verbesserte Performance bieten. Dies ist besonders in datenintensiven Branchen wie Automobil und Fertigung von Vorteil, da eine dezentrale Infrastruktur Latenzzeiten reduziert und die Flexibilität der Ressourcennutzung erhöht.Die Nutzung intelligenter Algorithmen zur Lastenverteilung stellt sicher, dass Hardware optimal ausgelastet wird und teure Überkapazitäten vermieden werden. Im Gegensatz zu Hyperscalern, die auf zentrale Skalierungsmodelle setzen, können dezentrale Netzwerke Ressourcen dynamisch nach Bedarf zuweisen.

Digitale Souveränität: Zukunftsaussichten für Europa

Ein Vorteil der europäischen Architektur liegt in der DSGVO-Konformität, die Hyperscaler aus den USA oft nicht garantieren können. Europäische Rechenzentren gewährleisten, dass Daten ausschließlich innerhalb der EU bleiben, was die Einhaltung der strengen Datenschutzrichtlinien sicherstellt. Eine dezentrale Cloud-Infrastruktur minimiert zudem das Risiko von Datenzugriffen durch Drittstaaten und ermöglicht durch Geofencing die Speicherung innerhalb spezifischer Regionen. Das dezentrale Modell bietet Unternehmen eine flexible, sichere und anpassbare Infrastruktur, die nicht nur den Datenschutzanforderungen entspricht, sondern auch mehr Effizienz und niedrigere Kosten bietet.

Zentralisierte Cloud-Anbieter wie AWS und Azure basieren auf starren Architekturmodellen, die auf Skalierung ausgelegt sind, jedoch wenig Raum für individuelle Anpassungen lassen. Die Anbieter müssen ihre Kapazitäten oft übermäßig ausbauen, um Belastungsspitzen zu bewältigen, was zu ineffizientem Overprovisioning und höheren Kosten führt. Dezentrale Infrastrukturen ermöglichen es hingegen, Ressourcen dynamisch nach Bedarf zuzuteilen, wodurch Unternehmen eine maßgeschneiderte digitale Infrastruktur erhalten.

Vision einer souveränen europäischen Cloud

Die Vision einer souveränen europäischen Cloud basiert auf einer vernetzten Infrastruktur, die die Unabhängigkeit von Hyperscalern gewährleistet und den spezifischen Anforderungen des europäischen Marktes entspricht. Eine solche Infrastruktur würde die digitale Souveränität Europas langfristig sichern und die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen stärken. Durch die gezielte Förderung von Innovationen und die Vernetzung der bestehenden Rechenzentren kann Europa eine führende Rolle in der globalen Cloud-Infrastruktur einnehmen.

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Staatlich geförderte Initiativen wie Gaia-X versuchen seit einiger Zeit, diese Ziele zu erreichen. Doch die Beteiligung einer Vielzahl von Interessenvertreten und die komplexe Organisationsstruktur erschwerten bisher die Umsetzung. Die Verzögerungen zeigen, dass eine Lösung aus der Privatwirtschaft flexibler und marktnäher sein könnte, um den Anforderungen europäischer Unternehmen gerecht zu werden.

Europa steht vor der einmaligen Chance, seine digitale Zukunft durch die Vernetzung und Optimierung bestehender Rechenzentren zu sichern. Durch den Aufbau einer dezentralen, leistungsfähigen Cloud-Infrastruktur kann der Kontinent seine Unabhängigkeit von Hyperscalern bewahren und die digitale Souveränität für Unternehmen und Bürger gewährleisten.

Digitale SouveränitätDr. Kai Wawrzinek
ist Co-Founder und CEO von Impossible Cloud, dem Anbieter einer Cloud-Plattform für dezentralisierte Cloud-Lösungen.

Bildquelle: Impossible Cloud