Beim Europäischen Digitalgipfel wurde ein überfälliges Signal gesetzt: Europa will die digitale Souveränität stärken – mit Kooperationen, Investitionen in Rechenkapazitäten und der „EU AI Champions Initiative“. Digitale Souveränität entsteht aber erst durch technische und vertragliche Beherrschbarkeit von Infrastruktur und Code.
(Bild: Antto-AI/stock.adobe.com)
Darum geht’s:
Souveränität ist eine Architekturfrage: Kontrolle über Infrastruktur, Update-Zyklen und Schlüsselzugänge erhalten – nicht nur neue Cloud-Labels. Staat als Ankerkunde: Nachfrage muss so gesteuert werden, dass Wertschöpfung, Know-how und Code in Europa bleiben. Vereinfachung mit Leitplanken: Die Bürokratie muss abgebaut werden, ohne Datenschutz, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit zu verwässern. Kostenhoheit zurückerobern: Der Weg dahin gelingt über Skalierung von Open Source, Nutzung von BYOL-Modellen und das Ausschöpfen des rechtskonformen Zweitmarkts für unbefristete Lizenzen.
Europa hat in Berlin das überfällige Signal gesetzt. Deutschland und Frankreich holen die digitale Souveränität aus der Sonntagsrede in die erste Reihe und unterlegen sie mit konkreten Ankündigungen zur Kooperation. SAP und Mistral AI, Delos und Bleu, Investitionen in Rechenkapazitäten und KI-Anwendungen, flankiert von der "EU AI Champions Initiative" – die politische Botschaft ist eindeutig: Wir wollen einen eigenen europäischen Weg gehen. Wenn Kanzler Merz betont, dass dieser Weg „in die digitale Souveränität führen“ muss, und Präsident Macron ergänzt, Europa wolle „eigene Lösungen entwickeln“, weist das in die richtige Richtung. Nur reicht ein Weckruf nicht, wenn die Uhr seit Jahren auf fünf nach zwölf steht.
Signal mit Substanz – aber ohne Blaupause
Wirtschaftlich und sicherheitspolitisch ist vieles am Gipfel richtig. Wenn der Staat als erster großer „Ankerkunde“ auftritt, steuert er die Nachfrage so, dass Wertschöpfung, Know-how und Code in Europa bleiben. Denn Resilienz entsteht durch Beschaffung, nicht durch Ankündigungen. Der massive Ausbau von Recheninfrastruktur für KI schafft die Basis, um nicht länger von den Kapazitäten Dritter abhängig zu sein. Ebenso ist der Wille, den regulatorischen Flickenteppich zu ordnen, unabdingbar, damit Start-ups und Mittelstand nicht an 27 Varianten desselben administrativen Hindernisses scheitern. Vereinfachung ist notwendig. Sie darf aber nicht zur Absenkung unserer demokratischen Standards führen. Europas Wettbewerbsvorteil liegt gerade in der Verlässlichkeit von Datenschutz, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit.
Digitale Souveränität ist eine Architekturfrage
Gleichzeitig greift die Erzählung von „Souveränität durch Cloud“ zu kurz, wenn sie die Architekturfrage vernachlässigt. Solange Kerntechnologie, Update-Zyklen und Schlüsselzugänge von US-Hyperscalern kontrolliert werden, bleibt die schönste Sovereign Cloud ein Versprechen auf Abruf. Der US Cloud Act existiert, ebenso die Erfahrung regelmäßiger schwerwiegender Sicherheitsvorfälle. Wer sich allein auf neue Etiketten oder Tochtergesellschaften verlässt, ignoriert die Machtverhältnisse im Hintergrund. Souveränität entsteht nicht auf dem Papier, sondern in technischer und vertraglicher Beherrschbarkeit: Wer kontrolliert Infrastruktur und Code, wer hält die Schlüssel, wer entscheidet im Ernstfall?
Auch der Ruf nach Vereinfachung braucht klare Leitplanken. Ein digitaler Omnibus, der praktischen Hemmnissen begegnet, ist zunächst einmal sinnvoll. Ein Paket, das am Ende intransparente Datenpraktiken legitimiert oder Grundrechte relativiert, wäre jedoch ein Bumerang. Europa gewinnt keine wettbewerbsfähige KI, indem es Standards heruntersetzt. Es gewinnt, indem es verlässlich wird, skaliert und zugleich die eigene Handlungsfähigkeit wahrt.
Kostenkontrolle durch Open Source, BYOL und Zweitmarkt
Was jetzt fehlt, ist die Verbindlichkeit einer Zielarchitektur, die den Ausweg aus der Abhängigkeit nicht nur beschreibt, sondern festschreibt: Kritische Daten und Workloads bleiben On-Premises oder in strikt europäischen, technisch beherrschbaren Umgebungen. Multicloud gibt es nur mit offenen Standards, harten Exit-Kriterien und vertraglich gesicherten Portabilitätsrechten. Jede größere Beschaffung braucht einen Souveränitäts-Check, der vor der Unterschrift beantwortet: Wer besitzt die Infrastruktur? Wer kontrolliert die Schlüssel? Wie gelingt der Anbieterwechsel praktisch und wirtschaftlich?
Open Source muss vom Side-Event zur tragenden Säule werden – Schleswig-Holstein zeigt, dass der Umstieg machbar und finanzierbar ist. Projekte wie OpenDesk brauchen Skalierung, Roadmaps, Professional Services und vor allem verlässliche öffentliche Nachfrage. Europa darf nicht nur einkaufen, sondern muss mitgestalten, damit digitale Souveränität mehr ist als eine Projektankündigung.
Zur Kostenhoheit gehört, dass BYOL‑Modelle (Bring Your Own License) konsequent genutzt und Preispfade entbündelt werden. Der rechtskonforme Zweitmarkt ist seit dem EuGH‑Urteil von 2012 Realität; das Verbreitungsrecht des Herstellers ist nach dem Erstverkauf erschöpft und unbefristete Lizenzen dürfen weiterveräußert werden. Für Beschaffer bedeutet das: Gebrauchtsoftware senkt nicht nur nachweislich die Kosten, sondern ermöglicht es, genau die tatsächlich benötigten Versionen bedarfsgerecht zu erwerben, die der Hersteller regulär nicht mehr anbietet. Für die öffentliche Hand sollte die Prüfung dieser Möglichkeiten Standard sein. Denn wer ohne Plan B in Abo‑Modelle migriert, tauscht vermeintliche Agilität gegen kalkulierbare Abhängigkeit und merkt den (steigenden) Preis erst später.
Europäische Gipfel Digitale Souveränität läutet Zeitenwende ein
Der europäische Gipfel Digitale Souveränität ist richtig und wichtig. Er bündelt politischen Willen und schafft Momentum. Damit daraus mehr wird als ein Foto mit großen Worten, braucht es jetzt harte Kriterien und klare Prioritäten. Souveränität misst sich nicht an Labels, sondern an Kontrolle über Infrastruktur, Code, Schlüssel und Kosten. Wer den Rückweg verbaut, verbaut sich wahre Unabhängigkeit. Europas realistische Kurskorrektur liegt in einer Mischung aus leistungsfähiger Cloud, belastbarer On-Premises-Basis und offenen Standards. Das ist keine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern gelebte Resilienz, Datenschutz und wirtschaftliche Vernunft.
Stand: 16.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die WIN-Verlag GmbH & Co. KG, Chiemgaustraße 148, 81549 München einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://kontakt.vogel.de/de/win abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Die gute Nachricht: Die Bausteine liegen bereit. Wenn Deutschland und Frankreich den Staat als Ankerkunden ernst nehmen, Open Source in die Mitte rücken, Souveränitäts-Checks zur Pflicht machen und Kostenhoheit zurückerobern, wird aus dem Weckruf eine echte Zeitenwende. Dann entsteht eine digitale Souveränität, die nicht auf Gnade und Glauben beruht, sondern auf eigener Kompetenz und Kontrolle – und Europa wird nicht nur Kunde, sondern Gestalter seiner digitalen Zukunft.
Andreas E. Thyen ist Verwaltungsratspräsident der LizenzDirekt AG, einem europäischen Händler von Volumenlizenzen für Unternehmenssoftware und Betriebssysteme in den Segmenten Geschäftskunden und Behörden.