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Interview „Die Präzisionsmedizin erfordert mehr Investitionen in die Klinik-IT“

Von Heiner Sieger 4 min Lesedauer

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Marten Neubauer, Field Director Healthcare bei Dell Technologies, erklärt im Interview, wie weit deutsche Kliniken im Bereich der Präzisionsmedizin sind und wie sie sich hierfür optimal aufstellen.

(Bild:  ipopba / AdobeStock)
(Bild: ipopba / AdobeStock)

Lange Zeit verfolgte die Medizin einen Gold-Standard in der Patienten-Versorgung. Darunter versteht man ein therapeutisches Verfahren, das bei einer bestimmten Diagnose als die bewährteste und beste Lösung gilt. Angesichts der rasanten Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz und der wachsenden Menge an Gesundheitsdaten rückt eine individuelle, auf das genetische Profil abgestimmte Behandlung für immer mehr Patienten in greifbare Nähe. Man spricht hier von Präzisionsmedizin oder personalisierter Gesundheitsvorsorge.

Dr.-Ing. Marten Neubauer, Field Director Healthcare bei Dell Technologies in Deutschland(Bild:  Dell Technologies)
Dr.-Ing. Marten Neubauer, Field Director Healthcare bei Dell Technologies in Deutschland
(Bild: Dell Technologies)

Das Bundesministerium für Gesundheit sieht in der personalisierten Medizin nicht weniger als einen Paradigmenwechsel – weg von generalistischen Behandlungsansätzen und hin zu individualisierten Behandlungsstrategien, welche durch die Charakterisierung individueller Eigenschaften einer Person und die Identifikation von relevanten Biomarkern möglich werden.

Dr.-Ing. Marten Neubauer, Field Director Healthcare bei Dell Technologies, erklärt im Interview mit Digital Health Industry den Status quo der Präzisionsmedizin in Deutschland und zeigt auf, wie sich Präzisionsmedizin umsetzen lässt.

Wo ist Präzisionsmedizin international schon im Einsatz?

Präzisionsmedizin ist in Einzelfällen schon seit etwa zehn Jahren im Einsatz, so etwa in der Krebstherapie. Einer der ersten erfolgreichen Fälle war Emily Whitehead, die 2012 als Kind mit modifizierten CAR-T-Zellen von Krebs geheilt wurde. Für die experimentelle Behandlung wurden körpereigene T-Zellen mit chimären Antigen-Rezeptoren – kurz CAR – modifiziert und wieder in den Körper zurückgeführt, wo sie sich schließlich vermehren. Die Rezeptoren der CAR-T-Zellen erkennen Krebszellen und sind so konditioniert, dass sie Proteine attackierten, die auf deren Oberfläche zu finden sind. So kann der Krebs effektiv bekämpft werden.

Präzisionsmedizin ist in Einzelfällen schon seit etwa zehn Jahren im Einsatz, so etwa in der Krebstherapie.

Gibt es so ein spektakuläres Beispiel auch aus Deutschland?

Medizinern der Charité gelang es zuletzt, einen Mann vollständig von Aids-Viren zu befreien. CAR-T-Behandlungen sind inzwischen in Deutschland zugelassen, unter anderem für die Behandlung akuter lymphatischer Leukämie sowie diverser Non-Hodgkin-Lymphome wie multiplen Myelomen. Vorreiter der Therapien sind in Deutschland Krankenhäuser wie die Uni-Klinik Erlangen und die Berliner Charité.

Welche deutschen Unternehmen sind in dem Bereich aktuell führend?

In Deutschland ist BioNTech ein Vorreiter in diesem Bereich. Große Bekanntheit haben die Mainzer natürlich während der Corona-Pandemie erlangt. Inzwischen hat das Unternehmen eine Plattform zur Entwicklung von Präzisionsimpfstoffen initiiert.

Im Bereich Impfstoffe zielt die Präzisionsmedizin in diesem Fall nicht auf den Patienten ab, für den explizit ein einzigartiges Therapiemittel entwickelt wird. Vielmehr ist hier der Erreger selbst das Ziel. mRNA-Impfstoffe statten, vereinfacht gesagt, Zellen aller Geimpften mit Informationen aus, um Antikörper gegen einen bestimmten Erreger zu bilden. Das Prinzip ist ähnlich, aber Präzisionsimpfstoffe müssen – anders als Präzisionstherapien – nicht individuell für jeden Menschen entwickelt werden.

Bei fast jeder Neuerung geht es auch immer um Kosteneinsparungen. In welchem Umfang können Kliniken mit personalisierter Medizin Kosten sparen?

Den größten Effekt hätte wahrscheinlich eine personalisierte Vorsorgeplanung für die Patienten. Gezielt individuelle Risiken früh zu erkennen und auch zu behandeln, spart langfristig Kosten im Hinblick auf die Ursachenforschung bestimmter Krankheitsbilder und Symptome. Mit der gesparten Zeit für die Diagnostik können Ärzte eine bessere und effizientere Behandlung durchführen und mehr Patienten besser versorgen.

Mit der gesparten Zeit für die Diagnostik können Ärzte eine bessere und effizientere Behandlung durchführen und mehr Patienten besser versorgen.

Wie müssen sich Kliniken für die neuen Möglichkeiten der Präzisionsmedizin aufstellen? 

Gerade in der Pharmaindustrie, in der an Impfstoffen geforscht wird, sehen sich Unternehmen immer häufiger als eine Art Plattform zur Produktion von Impfstoffen. Der Begriff wird dabei absichtlich so verwendet wie in der IT bei Platform as a Service, kurz PaaS. Solche Unternehmen sind also nicht nur traditionelle Pharma-Unternehmen, sondern arbeiten zu einem gewissen Grad wie ein IT-Dienstleister. 

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Das Beispiel mit Moderna zeigt, dass dies eine komplett neue Herangehensweise an die Entwicklung von Behandlungsmethoden ist, die nur mit detaillierten Daten und guter Interoperabilität möglich ist. Das wiederum bedingt eine solide IT-Infrastruktur – auch mit Kliniken, die dafür allerdings auch mehr in ihre eigene IT investieren oder eben auf zertifizierte und seriöse Servicepartner zurückgreifen müssen.

Es ist wichtig, dass alle Krankenhäuser Patientendaten effektiv auszutauschen können.

Welche Investitionen sind in der deutschen Kliniklandschaft erforderlich, um personalisierte Medizin flächendeckend umzusetzen?

Nicht jedes Krankenhaus braucht unbedingt die Möglichkeiten, um zum Beispiel CAR-T-Zellen zu modifizieren. Dieser Vorgang könnte rein theoretisch auch zentralisiert oder punktuell an speziell ausgestatteten, bestenfalls gemeinnützigen Einrichtungen wie Universitätskliniken stattfinden. Allerdings sollte jeder Patient die Möglichkeit haben, diese zukunftsweisenden und für viele überlebensnotwendigen Therapien zu nutzen. Daher ist es wichtig, dass alle Krankenhäuser Patientendaten effektiv auszutauschen können.