Cybersecurity ist im Finanzsektor von entscheidender Bedeutung, insbesondere angesichts der zunehmenden Nutzung generativer künstlicher Intelligenz – durch Finanzinstitute und Angreifer. Wie effektives Schwachstellenmanagement dabei unterstützt, die Sicherheit von Kernbankensystemen zu gewährleisten.
(Bild: rawpixel.com auf Freepik)
Banken und Finanzunternehmen verfügen über eine Menge an Geld und Kundendaten. Allein deshalb sind sie beliebte Angriffsziele für Hacker. Allein im vergangenen Jahr sind die Bedrohungen durch Cyberkriminelle in der deutschen Bankenlandschaft um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Auch deshalb hat die EU mit dem Digital Operational Resilience Act (DORA) eine finanzsektorweite Regulierung für Cybersicherheit, IKT-Risiken und digitale operationale Resilienz geschaffen.
Diese Verordnung gilt ab Januar 2025 und soll dazu beitragen, den europäischen Finanzmarkt gegenüber Cyberrisiken und Vorfällen der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) zu stärken.
Doch was genau können und müssen Finanzinstitute jetzt tun, um ihre Kernbanksysteme effektiver zu schützen als bislang? Sie sollten bedrohungsorientierter agieren. Denn das Core-Banking-System selbst ist zwar besonders gut geschützt, die weiteren IT-Systeme sind es häufig aber nicht im gleichen Ausmaß. Weit vom Kernbankensystem entfernte Assets werden tendenziell als nicht so schützenswert erachtet, da die Auswirkungen im Falle eines erfolgreichen Angriffs eher gering sind. Genau hier liegt ein Trugschluss. Mehrere Studien bestätigen, dass es genau diese peripheren Systeme sind, die für mehr als vier von zehn erfolgreichen Cyberangriffen genutzt werden – die Dunkelziffer könnte noch höher liegen.
Mehrere Lagen schützen Innerstes
Ähnlich wie eine Zwiebel, deren Inneres durch ihre zahlreichen Blätterlagen vor Schädlingen geschützt ist, sollten Finanzinstitute alle Schichten ihrer IT-Infrastruktur berücksichtigen und entsprechend schützen – nicht nur die als kritisch eingestuften Kernbereiche. Denn wenn ein Angreifer einmal in eine äußere Schicht eindringt, hat er zwar das zentrale Ziel, den Kern, noch nicht erreicht, doch er befindet sich bereits innerhalb der Sicherheitsstruktur.
Ohne angemessene Überwachung des äußeren Perimeters bleibt dieser Eindringling möglicherweise unbemerkt, sammelt Informationen und bewegt sich ungestört weiter in Richtung des Kernsystems. Auf seinem Weg kann er weitere Privilegien erlangen, Logs kompromittieren und Schadsoftware installieren.Umso wichtiger ist es, dass Finanzinstitute ihren Security-Ansatz anpassen.
Ganzheitliches Schwachstellenmanagement
Ein ganzheitlicher Ansatz für das Schwachstellen-Management schafft Abhilfe. Es umfasst unter anderem ein kontinuierliches Testing, das die gesamte IT-Infrastruktur – sowohl von innen als auch von außen – auf bekannte und neue Schwachstellen hin überprüft. Hier zeigt sich die große Bedeutung der Threat Intelligence. Durch eine proaktive Bedrohungsüberwachung, die über das bloße Monitoring bekannter Schwachstellen hinausgeht, können Finanzunternehmen aufkommende Bedrohungstrends identifizieren und rechtzeitig gegensteuern. Konkret helfen etwa Breach-and-Attack-Simulation-Tools, um Angriffspfade in der Infrastruktur zu ermitteln und diese mit der Risikobewertung abzugleichen. Für den Blick von außen kommen Attack-Surface-Management-Tools zum Einsatz.
Generative KI verändert Angriffe und Abwehr gleichermaßen
Kontinuierliches Testing ist essenziell für die ständige Verbesserung der Resilienz einer IT-Infrastruktur. Das Geschehen wird zunehmend dynamischer, auch durch generative künstliche Intelligenz. Diese Technologie hat das Potenzial, sowohl als leistungsstarkes Werkzeug zur Verbesserung von Sicherheitsmaßnahmen eingesetzt zu werden – etwa im Security Information Event Management (SIEM) –, als auch die Angriffsszenarien zu verändern.
Phishing oder gefälschte Inhalte: KI macht hochpersonalisierte Angriffe möglich
Generative KI-Systeme, die in der Lage sind, realistische Texte, Bilder und sogar Codes zu erzeugen, könnten Angreifer nutzen, um ausgeklügelte Phishing-Kampagnen, gefälschte Inhalte oder Malware zu erstellen. Solche Angriffe können schwerer zu erkennen sein, da sie oft hochpersonalisiert und überzeugend wirken. Zugleich lassen sich jedoch auch durch die gezielte Integration fortschrittlicher KI-Algorithmen in das Schwachstellenmanagement bestehende Sicherheitsrisiken effizient identifizieren. Zudem können Finanzunternehmen so auch präventiv gegenüber neuartigen Bedrohungen handeln, indem die KI kontinuierlich Daten analysiert, Muster erkennt und Prognosen über potenzielle Schwachstellen erstellt. Selbstverständlich erfordert der Einsatz von KI in Sicherheitssystemen ebenfalls eine ständige Überwachung und Anpassung, da KI-Modelle selbst Angriffsziele sein können. In diesem dynamischen Umfeld kann ein durchgeführter Scan das Geschehen anhand einer Angriffssimulation (Threat-Led Penetration Testing, TLPT) deutlich verbessern. TLPTs sollten ebenfalls als ein integrales Überwachungswerkzeug im Schwachstellenmanagement eingesetzt werden – nicht nur einmalig, sondern regelmäßig.
Stand: 16.12.2025
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Zwiebelstrategie macht den Unterschied im Schwachstellenmanagement
Eine ganzheitliche Herangehensweise, die ein kontinuierliches Testing der gesamten IT-Infrastruktur, eine proaktive Bedrohungsüberwachung und die Integration von Threat Intelligence umfasst, ist unerlässlich, um Sicherheitslücken und Prioritäten für Financial-Services-Unternehmen zu identifizieren und zu beheben, bevor sie von Angreifern ausgenutzt werden können. Oder anders ausgedrückt: Eine umfassende Cybersicherheitsinfrastruktur erfordert eine Zwiebelstrategie, bei der mehrere Lagen das Innerste schützen. Immerhin ist die Zwiebel – die bei den alten Ägyptern bereits eine Art Zahlungsmittel für die beim Pyramidenbau eingesetzten Arbeiter war – mit dieser Methode zu einer der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit avanciert.
Christian Nern Partner und Head of Security bei KPMG im Bereich Financial Services