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Sicherheit und Transparenz Unternehmenssoftware: Ist das Vertrauen in US-Anbieter am Ende?

Ein Gastkommentar von Martin Hager 2 min Lesedauer

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Wie jetzt bekannt wurde, lockern US-Behörden ihre eigenen Sicherheitsanforderungen und müssen von Software-Anbietern keine detaillierte „Zutatenliste“ (SBOM) mehr verlangen. Doch was bedeutet dieser Schritt für europäische Unternehmen? Welches Risiko entsteht bei der Nutzung solcher Unternehmenssoftware?

(Bild:  © Antto-AI/stock.adobe.com - generiert mit KI)
(Bild: © Antto-AI/stock.adobe.com - generiert mit KI)

Die Meldung, dass US-Behörden die Anforderung an eine „Software Bill of Materials“ (SBOM) – also eine detaillierte Liste aller Komponenten einer Unternehmenssoftware – für ihre Lieferanten de facto aussetzen, ist weit mehr als eine beiläufige IT-Nachricht. Es ist ein fundamentaler strategischer Weckruf für jede Organisation in Europa, die auf US-amerikanische Cloud- und Software-Anbieter setzt. Dieses Manöver offenbart auf dramatische Weise die Grenzen des Vertrauens und unterstreicht die unbedingte Notwendigkeit echter digitaler Souveränität.

Was ist hier genau passiert? Die US-Regierung hat damit begonnen, eine ihrer wichtigsten eigenen Sicherheitsvorgaben zu untergraben. Eine SBOM ist wie eine Zutatenliste für Unternehmenssoftware. Sie schafft eine grundlegende Transparenz darüber, welche Open-Source-Bibliotheken und Drittanbieter-Komponenten in einem Produkt enthalten sind. Ohne diese Transparenz agieren Unternehmen im Blindflug. Sie können nicht eigenständig prüfen, ob eine neu entdeckte Schwachstelle wie Log4j sie betrifft, da sie nicht wissen, ob die verletzliche Komponente überhaupt in ihrer gekauften Unternehmenssoftware steckt.

Vertrauensbruch für Software-Lieferanten

Für europäische Unternehmen ist diese Entwicklung fatal, und zwar aus zwei Gründen:

Die Erosion des Vertrauens: Wenn nicht einmal mehr die US-Regierung selbst volle Transparenz von ihren Software-Lieferanten einfordert, wie können wir in Europa dann noch naiv auf die Marketing-Versprechen dieser Anbieter vertrauen? Es zeigt, dass im Zweifel wirtschaftliche oder administrative Interessen Vorrang vor nachprüfbaren Sicherheitsstandards haben. Das Vertrauen, das viele europäische Firmen in die Sicherheitsarchitektur von US-Hyperscalern und Software-Giganten gesetzt haben, bekommt damit tiefe Risse.

Die Bestätigung des Jurisdiktionsproblems: Dieses Vorgehen ist ein weiteres Beispiel dafür, dass europäische Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen im US-Kontext zweitrangig sind. Ähnlich wie der Cloud Act den Zugriff auf Daten europäischer Kunden ermöglicht, zeigt diese Entscheidung, dass wir als Europäer keinen Einfluss auf die Sicherheitskultur und die Transparenzpflichten unserer Anbieter haben, wenn diese einer fremden Rechtsordnung unterstehen.

Das Vertrauen in die Sicherheitsversprechen von US-Anbietern hat gerade einen neuen Tiefpunkt erreicht. Wenn selbst US-Behörden nicht mehr genau prüfen müssen, was in ihrer Unternehmenssoftware steckt, ist das ein klares Signal: Europäische Unternehmen sind auf sich allein gestellt und müssen Souveränität selbst in die Hand nehmen – durch europäische Partner, die Transparenz nicht nur versprechen, sondern auch beweisen.“

Unternehmenssoftware: Kontrolle durch Transparenz zurückgewinnen

Genau an diesem Punkt verlässt die Debatte um digitale Souveränität die akademische Ebene und wird zu einer drängenden, operativen Notwendigkeit. Es geht nicht um Protektionismus, sondern um Risikomanagement. Echte Souveränität bedeutet, sich aus dieser Abhängigkeit zu lösen und die Kontrolle über die Unternehmenssoftware zurückzugewinnen. Das erfordert Partner, deren Geschäftsmodell auf radikaler Transparenz basiert – nicht, weil eine Regulierung es vorschreibt, sondern weil es Teil ihrer DNA ist.

Retarus Hager UnternehmenssoftwareMartin Hager
ist CEO und Gründer von Retarus, einem Anbieter von APIs, Gateways und Applikationen für Messaging, E-Mail Management und den Austausch strukturierter Daten für Geschäftsprozesse,

Bildquelle: Retarus

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