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IT-Mittelstand Bürokratie als Innovationsbremse: Wo Europa jetzt ansetzen muss

Ein Gastbeitrag von Dr. Oliver Grün 4 min Lesedauer

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Die größte Sorge europäischer IT-Mittelstandsfirmen ist die Bürokratie. Es muss daher die Aufgabe der neuen EU-Kommission sein, dieses Problem anzugehen. Dr. Oliver Grün stellt folgenden Forderungskatalog auf.

(Bild: Angelov/Adobe Stock)
(Bild: Angelov/Adobe Stock)

Am 1. August ist die erste Stufe des europäischen AI Act in Kraft getreten, der als weltweit erste KI-Verordnung die Entwicklung und Anwendung von künstlicher Intelligenz (KI) regulieren soll, insbesondere der großen außereuropäischen Anbieter. Gleichzeitig trifft die zunehmende Bürokratie auch die mittelständisch geprägte KI-Branche Europas mit belastenden Dokumentations- und Berichterstattungspflichten, Compliance-Kosten sowie Rechtsunsicherheiten und Angst vor drohenden Strafen. 

Damit steht der AI Act exemplarisch für die aktuell größten Hürden unserer heimischen Digitalwirtschaft: Bürokratie und Regulierungen. Dadurch werden Wachstum und Innovationskraft des europäischen Digitalsektors gehemmt und Europa droht weiter im internationalen Wettbewerb zurückzufallen.

Die Gefahr digitaler Abhängigkeit für Europa

Der Anteil der EU am globalen Markt für Informations- und Kommunikationstechnologien hat sich in den letzten zehn Jahren von 21,8 Prozent auf nur noch 11,3 Prozent halbiert. Gleichzeitig ist Europa bei über 80 Prozent der digitalen Produkte und Dienstleistungen auf Importe angewiesen, insbesondere von Technologiekonzernen aus den USA und China. Diese Abhängigkeit birgt erhebliche Risiken – wirtschaftlich und politisch.

Ein Umdenken ist dringend notwendig, um die Digitale Souveränität Europas zu stärken. So auch die Einschätzung unseres mittelständisch geprägten IT-Sektors: Laut einer Umfrage des Bundesverband IT-Mittelstand e.V. (BITMi) in 2024 wird nach Einschätzung von 92 Prozent der Befragten die digitale Zukunft aktuell außerhalb Europas gestaltet. Mit der neuen EU-Legislatur 2024-2029 fordern IT-KMU daher einen „Digital New Deal“, der Europas größtes Potenzial für technologische Unabhängigkeit und Mitgestaltung in den Fokus nimmt: die innovativen IT-KMU, die den Großteil der europäischen Digitalbranche ausmachen und mit ihrer Spezialisierung und Nischenexpertise auch international wettbewerbsfähig werden können.

Regulierung und Bürokratie: Hemmnis für KMU

In der vergangenen EU-Legislatur wurden zahlreiche Initiativen zur Regulierung internationaler Digitalkonzerne auf den Weg gebracht, oftmals mit der Zielsetzung der Digitalen Souveränität. Gesetze wie der Digital Services Act und der Digital Markets Act sind wichtige Schritte, um die Marktmacht großer Konzerne zu beschränken und faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Doch viele andere Regulierungen, wie der AI Act, aber auch der Cyber Resilience Act oder die NIS2-Richtlinie, haben unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Sie belasten vor allem die kleinen und mittelständischen IT-Unternehmen, die den Kern der europäischen Digitalwirtschaft bilden.

Die Umfrage des BITMi wirft ein Schlaglicht auf dieses zentrale Problem der europäischen Digitalwirtschaft. Ganze 82 Prozent der Befragten Unternehmen sehen in der überbordenden Bürokratie die größte Hürde für den Erfolg von IT-KMU in Europa. Compliance-Anforderungen und bürokratische Hürden verursachen hohe Kosten, die für große Konzerne leicht tragbar sind, für kleine und mittelständische Unternehmen jedoch eine ernsthafte Belastung darstellen. Dies drosselt die Innovationskraft genau jener Unternehmen, die für eine unabhängige und wettbewerbsfähige europäische Digitalwirtschaft von zentraler Bedeutung sind.

Ein „Digital New Deal“ für Europa

Der Abbau bürokratischer Hürden muss also die Grundlage eines „Digital New Deal“ bilden. Laut der BITMi-Umfrage fordern 63 Prozent der IT-Mittelständler eine umfassende Digitalisierung der Verwaltung in der EU. Darüber hinaus würden harmonisierte Regeln für Unternehmensgründungen und -führungen, die über die Mitgliedstaaten hinweg gelten, Gründung und Wachstum von IT-Unternehmen fördern. Auch könnte ein erleichterter Zugang zu Fördermöglichkeiten und vereinfachte Börsengänge das Wachstum von IT-Scale-ups in Europa beflügeln. Dies würde es Unternehmen ermöglichen, sich langfristig im europäischen Markt zu etablieren, ohne auf Kapital von Investoren außerhalb der EU angewiesen zu sein.

Spezialisierung statt Generalisierung: Europas Chance im Nischenmarkt

Ein weiterer zentraler Punkt des „Digital New Deal“ sollte die gezielte Förderung von Spezialisierungen sein. Europa muss gar nicht versuchen, den Erfolg des Silicon Valley zu kopieren, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Stattdessen sollten die Stärken der europäischen IT-Branche – insbesondere die Nischenexpertise und die Fähigkeit, maßgeschneiderte Lösungen auf Weltklasseniveau anzubieten – weiter ausgebaut werden.

Viele europäische Mittelständler aus traditionellen Branchen haben es in den letzten 70 Jahren geschafft, sich in ihren Nischen als weltweit führend zu positionieren. Dieses weltweit bewunderte Erfolgsmodell der Mittelstands-Weltmarktführer lässt sich auch auf die digitale Welt übertragen. Statt nur auf allgemeine „All-in-One“-Lösungen zu setzen, sollten europäische IT-Unternehmen gezielt Lösungen entwickeln, die spezifische Bedürfnisse einzelner Branchen oder Bereiche ansprechen. Ein Beispiel dafür könnten spezialisierte Lösungen im Bereich KI sein, die als vertikale Modelle speziell für den öffentlichen Sektor oder die Medizin entwickelt werden.

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Weniger Bürokratie und mehr Innovation

Die Zukunft der europäischen Digitalwirtschaft hängt maßgeblich davon ab, wie die EU auf die drängenden Herausforderungen der nächsten Legislaturperiode reagiert. Die Umfrage des BITMi zeigt: Bürokratie-Abbau muss eine hohe Priorität haben, um dem IT-Mittelstand in Europa Raum für Innovation zu geben. Ein „Digital New Deal“, der sich auf die Entlastung und Stärkung von IT-KMU konzentriert, könnte der Schlüssel sein, um Europas Weg in die Digitale Souveränität zu ebnen. Nur durch eine Fokussierung auf die Stärke der europäischen Digitalwirtschaft – der innovative, nischenspezialisierte IT-Mittelstand – kann Europa seine Unabhängigkeit sichern und im globalen Wettbewerb bestehen.

BürokratieDr. Oliver Grün
ist Gründer, Mehrheitsgesellschafter und Vorstand der Grün Software Group GmbH und Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand e.V. und Präsident des IT-Mittelstand-Europaverbandes European Digital SME Alliance. Er war ferner Mitglied des IT-Beirates „Junge Digitale Wirtschaft“ der Bundesregierung, der das Bundeswirtschaftsministerium zu Fragestellungen der digitalen Wirtschaft beriet.

Bildquelle: BITMi / Isabel Weyerts