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Change-Prozesse: Warum sie bei der digitalen Transformation nicht alles sind

Verantwortlicher Redakteur:in: Heiner Sieger 4 min Lesedauer

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Digitale Innovation ist der Motor, der Unternehmen nach vorne bringt. Dennoch schieben viele das Thema auf, weil sie ja auch ihre Unternehmenskultur ändern müssen. Das ist gefährlich. Was deutlich wird: Die Unternehmen sollten keine Zeit mit Change Prozessen verlieren und lieber sofort mit der Digitalisierung starten. Aber wie? Mit vier möglichen Strategien!

(Quelle:  everything possible / Shutterstock.com)
(Quelle: everything possible / Shutterstock.com)

Wenn wir von Digitalisierung sprechen, meinen wir meist Innovation. Denn nur innovative Entwicklungen holen das Beste aus den Chancen der Digitalisierung, verändern eine Branche und bringen Unternehmen nach vorn. Um die Digitalisierung innovativ und erfolgreich anzugehen, versuchen Unternehmen eine solide Grundlage zu schaffen: ein modernes Mindset und entsprechende Strukturen. Also werden Change-Prozesse gestartet – mal mehr mal weniger erfolgreich. In dieser Zeit die Digitalisierung und sogar schon bestehende Ideen beiseite zu schieben, scheint logisch, ist aber grundlegend falsch.

Warum Change-Prozesse die Digitalisierung ausbremsen

Zu langsam und träge

1,5 bis 2,5 Jahre benötigen Änderungen der Unternehmenskultur laut Wissensmanagement Magazin, ehe sie bei den Mitarbeitern etabliert sind. Digitale Innovation hat diese Zeit nicht. Würde man die Umsetzung einer Idee auf danach verschieben, wäre sie rein gar nichts mehr Wert. Zu schnell wandelt sich der Markt. Während der Fernseher 26 Jahre brauchte, um sich durchzusetzen, waren es beim PC nur noch 16, beim Internet 7 Jahre. WhatsApp schaffte es in gerade einmal 2 Jahren und Poke?mon GO brauchte nur 19 Tage für seinen Siegeszug in den App-Stores. Ebenso verkürzt wie der Produktlebenszyklus, müssen auch Innovationsprozesse ablaufen.

Change Management bedeutet: Menschen müssen ihre gewohnten Aufgaben ändern und/oder neue Rollen übernehmen und dazu bestimmtes Know-how aufbauen. Nicht jeder lässt sich gern darauf ein. Vor allem Angestellte, die schon länger im Unternehmen sind, haben Angst durch neue Strukturen, Methoden oder Technologien ihre sichere Stellung zu verlieren.

Schneller digitalisieren ohne Change-Prozesse

Was deutlich wird: Unternehmen sollten keine Zeit mit Change-Prozessen verlieren und sofort mit der Digitalisierung starten. Aber wie?

Ein Großteil der Innovationsideen entsteht im Unternehmen, durch Ideenwettbewerbe (34 Prozent), Innovationsprogramme (16 Prozent) oder das Management (25 Prozent). Viele Innovationen werden also im altbewährten Unternehmenskosmos entwickelt und sind schon deshalb zum Scheitern verurteilt. Denn Innovationsentwicklung innerhalb eines Unternehmens kann nicht so frei und auf der grünen Wiese erfolgen, wie dies bei Start-ups der Fall ist. Indem Unternehmen sich dieses innovative Mindset zu sich holen, können sie gleich mit der Digitalisierung starten, ganz ohne Change Management.

  1. Kooperation mit einem Start-up

    Die Zusammenarbeit oder der Kauf eines Start-ups verschafft Unternehmen Zugang zu Know-how, (bis hin zu Patenten), neuen Technologien, kreativen Köpfen und damit neuen Ideen sowie einer raschen Umsetzung. Denn der größte Vorteil eines Start-ups ist, dass diese (noch) frei sind von starren Strukturen und agil und schnell handeln können. DocMorris etwa kaufte 2020 das Münchner Startup TeleClinic. Ähnlich schlau agierte Teamviewer mit dem Kauf des Datenbrillen-Startup Ubimax. Bei beiden Deals konnten die großen Unternehmen ihr eigenes Geschäftsmodell durch das des Start-ups ergänzen. Über Start-up Challenges, wie sie A1 oder Raiffeisen ins Leben gerufen haben, können Unternehmen nach relevanten Start-ups suchen.

  2. Die Bildung einer internen Task-Force

    Unternehmen fehlt es oft nicht an innovativen Ideen, sondern an Möglichkeiten diese gezielt umzusetzen. Verunsicherte Mitarbeiter ohne das notwendige Know-how und Mindset bremsen lohnenswerte Visionen aus. Umgehen lässt sich dieses Dilemma durch die Bildung einer eigenen Task Force, die losgelöst vom Rest des Unternehmens wie ein Start-up agieren kann – oftmals sogar erfolgreicher, weil auf wertvolle Ressourcen zurückgegriffen werden kann. Ford etwa arbeitet mit seiner neuen Geschäftseinheit Ford Smart Mobility an der Entwicklung von Car-Sharing-Geschäftsmodellen und Apps für die Parkplatzsuche.

    Die Telekom Innovation Laboratories (T-Labs) treiben ebenfalls innovative Ideen von innen voran. Über eine interne Ausschreibung finden sich motivierte Mitarbeiter mit dem Wunsch innovative Ideen voranzutreiben. Wichtig: Sie müssen ihre bisherige Rolle ablegen, um sich voll und ganz dem Innovationsvorhaben widmen zu können. Nur dann hat eine Task Force die Chance, erfolgreich zu sein.

  3. Ein Joint Venture bilden

    Ein Beispiel dafür ist die Verbindung die Fujitsu und Siemens AG bereits 1999 eingingen. Als Fujitsu Siemens Computers (FSC) feierte das Joint Venture beachtliche Erfolge und war zeitweise das größte europäische Computerunternehmen mit Niederlassungen in ganz Europa, Afrika und dem Nahen Osten. Auch der Versicherungsgigant Allianz und die VW-Tochter Volkswagen Financial Services haben sich zusammengeschlossen, um im Sektor der Kfz-Versicherungen eine marktführende Position zu erlangen.

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  4. Kooperation mit einem Innovation Lab

    Eine Umfrage ergibt: Je disruptiver eine neue Innovationsidee, umso wichtiger ist es, diese von der Mutterorganisation zu trennen. Die Lösung: eine vom eigenen Unternehmen entkoppelte Innovationsentwicklung durch ein Innovation Lab. Es ist erfahren darin, systematisch neue digitale Geschäftsmodelle aufzubauen und weiterzuentwickeln. Unternehmen profitieren vom Mindest und dem Know-how ohne selbst Zeit auf Change-Prozesse verschwenden zu müssen. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung der Commerzbank BauFi App. Ausgelagert an die Digital Innovation Factory FLYACTS konnte die Commerzbank ohne ihre komplexen und lähmenden Unternehmensstrukturen innerhalb kurzer Zeit eine erfolgreiche, marktführende digitale Anwendung entwickeln.

Laut einer Befragung digitaler Vorreiter in der Wirtschaft ist der Innovationserfolg mit einem Innovation Lab am größten. Die Kooperation lohnt sich für alle nach außen gerichteten Digitalisierungsvorhaben, bei denen nicht die eigenen Mitarbeiter oder Prozesse im Fokus stehen.

Für alle vier Strategien gilt: Grundlegende Change-Prozesse im eigenen Unternehmen können sie nicht ersetzen, aber: Indem sie eine schnelle und erfolgreiche Digitalisierung ermöglichen, setzen sie Energien frei, die auch bei anschließenden Change-Prozessen beflügeln können. Gibt es eine bessere Motivation für einen Change der Unternehmenskultur als eine erfolgreiche digitale Innovation?

(Bild: FLYACTS)
(Bild: FLYACTS)

Der Autor Marcus Funk ist Gründer und Geschäftsführer der FLYACTS GmbH. Als Unternehmer startete er
bereits im Alter von 22, als er sein eigenes Start-up, der „fliegende Kellner“ alias flywai, gründete. Er scheiterte und ergriff seine Chance, daran zu wachsen. Mit seinen Erfahrungen baute er 2011 FLYACTS auf und unterstützt seitdem Unternehmen und Start-ups bei der Umsetzung ihrer digitalen Innovationen. Mehr als 200 Digitalisierungsprojekte hat
FLYACTS bislang realisiert, davon über 30 Geschäftsmodelle.

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