Die Bedeutung von Exit-Strategien in der Cloud erläutert Dr. Julia Pergande von Microfin im Gespräch. Außerdem erklärt sie, wie Regulierungen die Risiken mit Hyperscalern minimieren und was für einen Anbieterwechsel spricht, um die digitale Souveränität umzusetzen.
US-Hyperscaler und Datensouveränität: Trotz der Versprechen von Autonomie ermöglichen US-Gesetze wie der Cloud Act und die Executive Order 12333 US-Behörden den Zugriff auf in Europa gespeicherte Daten, was eine rechtliche Abhängigkeit und Sicherheitsrisiken für Unternehmen bedeutet.
Exit-Strategien als regulatorische Forderung: Neue gesetzliche Regelungen wie DORA und der Data Act verlangen von Unternehmen, Exit-Strategien für den Wechsel von Cloud-Anbietern zu planen und zu testen, um Abhängigkeiten von einzelnen Hyperscalern zu minimieren.
Europäische Cloud-Alternativen: Europäische Anbieter setzen auf Compliance, Transparenz und digitale Souveränität, bieten jedoch noch nicht die Innovations- und Service-Tiefe der Hyperscaler, wodurch häufig hybride Multi-Cloud-Modelle zum Einsatz kommen.
Frau Dr. Pergande, viele Unternehmen setzen heute auf Sovereign-Cloud-Angebote der großen US-Hyperscaler. Sie versprechen Autonomie und digitale Souveränität – aber wie realistisch ist das?
Dr. Julia Pergande: Das ist ein sehr wichtiges Thema. Die US-Hyperscaler werben zwar mit Autonomie, aber rechtlich können sie diese nicht garantieren. Das liegt vor allem an US-Gesetzen wie dem Patriot Act, dem Cloud Act und der Executive Order 12333. Diese erlauben US-Behörden grundsätzlich den Zugriff auf Daten, auch wenn diese in Europa gespeichert sind – sofern die Muttergesellschaft in den USA sitzt. Das bedeutet: Auch europäische Daten sind nicht wirklich sicher vor US-Behörden.
Das klingt nach einer echten rechtlichen Abhängigkeit. Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
Unternehmen müssen sich bewusst machen, dass sie mit US-Anbietern immer auch rechtlich an die USA gebunden sind. Die US-Behörden können Daten von Personen außerhalb der USA anfordern – und umgekehrt: Europäische Behörden können US-Anbieter dazu verpflichten, Daten europäischer Bürger herauszugeben. Das führt zu einem rechtlichen Dilemma, das viele Unternehmen unterschätzen.
Die GESPRÄCHSPARTNERin
Dr. Julia Pergande ist Principal Consultant und Projektleiterin bei Microfin, eine deutsche Unternehmensberatung, die sich auf Finanzdienstleistungen und digitale Transformation spezialisiert hat. Julia Pergande unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung von Governance-, Risiko- und Compliance-Projekten und entwickelt systematische Risikobewertungen zur Einhaltung rechtlicher Vorgaben.
(Bild: Microfin)
Neben der rechtlichen Abhängigkeit gibt es ja auch strukturelle Risiken. Wie sehen die aus?
Ja, das ist ein weiterer Punkt. Die US-Hyperscaler haben faktisch Monopole auf dem Markt. Sie bestimmen die Preise, die Verfügbarkeit und die technischen Standards. Das kann zu erhöhten Lizenzkosten und Risiken führen – etwa wenn ein Anbieter eine Software nur noch in der Cloud anbietet und das Preismodell entsprechend ändert. Außerdem gibt es das Risiko sogenannter „Kill Switches“, also Hintertüren in proprietären Softwarelösungen, die nicht öffentlich zugänglich sind. Deshalb setzen viele Sovereign-Cloud-Anbieter bewusst auf Open Source, um diese Risiken auszuschließen.
Gibt es denn auch hybride Modelle, bei denen europäische Anbieter US-Technologien nutzen?
Ja, das gibt es – manche nennen das „Sovereignity light“. Hier werden US-Produkte in abgesicherten Umgebungen eingesetzt, etwa für SAP-Lösungen. Aber auch hier bleibt die Abhängigkeit bestehen: Wenn die US-Anbieter Sicherheits-Updates nicht rechtzeitig liefern, kann die Lösung für einige Tage unbrauchbar werden. Das bedeutet: Unternehmen können zwar auf ihre Daten zugreifen, aber ohne Updates ist die Betriebssicherheit gefährdet – und das kann schnell zu Cyberangriffen führen.
Wie sieht es mit Portabilität und Exit-Strategien aus? Viele Unternehmen planen das inzwischen schon.
Der Mindset ist vor allem in der Finanzbranche schon weit verbreitet – durch DORA und den Data Act werden explizit Exit-Strategien und getestete Konzepte gefordert. Unternehmen müssen also schon in der Designphase überlegen, wie sie im Ernstfall aus einer Cloud-Lösung aussteigen können. Dazu gehören Tabletop-Tests, Notfallressourcen und klare Rollen. Auch der Data Act verpflichtet Cloud-Anbieter, den Wechsel zu anderen Anbietern oder On-premise-Lösungen zu ermöglichen.
Die Abhängigkeit von US-Anbietern ist rechtlich und strukturell problematisch. US-Gesetze wie der Patriot Act oder Cloud Act erlauben US-Behörden Zugriff auf Daten, auch wenn diese außerhalb der USA gespeichert sind, wenn die Anbieter US-Muttergesellschaften haben.
Dr. Julia Pergande
Alternative Public-Cloud-Anbieter in Europa
Sprechen wir über mögliche Lösungen für das Dilemma digitale Souveränität: Sie haben eine aktuelle Marktübersicht zur europäischen Public-Cloud-Landschaft erstellt. Wie stellt sie sich heute dar? Wer sind die relevanten Anbieter. Und worin unterscheiden sie sich von Hyperscalern in Angebotstiefe, Betriebsmodellen und Compliance?
Die europäische Public-Cloud-Landschaft ist heute deutlich vielfältiger und reifer als noch vor wenigen Jahren. Es hat sich ein Markt entwickelt, der zwar in der Breite nicht mit den US-Hyperscalern konkurrieren kann, aber in spezifischen Bereichen – insbesondere rund um Compliance, Daten- und digitale Souveränität sowie sektorale Anforderungen – überzeugende Alternativen bietet.
In der von microfin im September 2025 veröffentlichten Marktübersicht, die microfin werden Anbieter wie OVHcloud, Open Telekom Cloud, Stackit, Scaleway, Cleura, Exoscale und andere analysiert, die sich gezielt auf europäische Anforderungen ausrichten. Sie unterscheiden sich von den Hyperscalern vor allem in folgenden Punkten:
Betriebsmodell: Viele setzen auf Rechenzentren ausschließlich in der EU, überwiegend mit eigener Infrastruktur, eigenen Mitarbeitenden mit EU-Staatsbürgerschaft sowie soliden Basisdiensten und ohne Abhängigkeit von US-Mutterkonzernen.
Rechtsraum: Die Anbieter unterliegen europäischem Recht und bieten – anders als viele "Sovereign Cloud"-Konzepte der US-Anbieter – keine Hintertüren über den Cloud Act.
Transparenz und Compliance: Europäische Anbieter kommunizieren ihre Datenschutz- und Sicherheitsarchitekturen oft klarer, bieten Auditunterstützung, Exit-Klauseln und zum Teil größeren Spielraum bei der Vertragsgestaltung.
Service-Tiefe: In der Breite an PaaS-, ML- oder Edge-Services sind sie den Hyperscalern noch unterlegen, bieten weniger „out-of-the-box Integration“ – in bestimmten Kernfunktionen jedoch absolut konkurrenzfähig.
Ziel unserer Marktübersicht war es, diesen Markt systematisch zu erfassen und strukturiert vergleichbar zu machen – insbesondere für regulierte Unternehmen, die vor konkreten Sourcing-Entscheidungen stehen.
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