DB Podcast

Persönlichkeit der Praxisinhaber im Fokus Digitalisierung in der Arztpraxis: Wo stehen wir?

Ein Gastbeitrag von Professor Dr. Sven Meister und Lisa Weik 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Digitale Reife in der ambulanten Versorgung: Wie lässt sie sich messen und was beeinflusst die Entscheidung zur Digitalisierung bei Hausärzten? Eine aktuelle Untersuchung der Universität Witten/Herdecke gibt Antworten.

(Bild: AdobeStock)
(Bild: AdobeStock)

Mit dem Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung des Gesundheitswesens (Digital-Gesetz - DigiG) sowie dem Gesetz zur verbesserten Nutzung von Gesundheitsdaten (Gesundheitsdatennutzungsgesetz - GDNG) wurden durch das Bundesministerium für Gesundheit zwei weitere Gesetze zur Forcierung der Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland erarbeitet und verabschiedet. Mitunter bedeutet Forcierung jedoch nicht gleichzeitig auch Förderung, sodass sich die Frage nach der realen Situation in der Versorgung stellt. Während in der stationären Versorgung, zuletzt gefördert durch das Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG), IT-Abteilungen bemüht sind, einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen, so sieht dies in der ambulanten Versorgung anders aus: Als Kleinstunternehmen lastet Vieles direkt auf den Schultern der Praxisinhaber.

Digitalisierung Arztpraxis: Wo stehen wir?

Für die strategische Entwicklung einer digitalen Gesundheitsagenda ist es entscheidend, den Status quo der Digitalisierung zu bewerten. Hierfür kann der digitale Reifegrad einer Gesundheitseinrichtung genutzt werden. Die Bewertung des digitalen Reifegrads ermöglicht es, den digitalen Status über verschiedene technologische und organisatorische Dimensionen hinweg zu bewerten. So dient beispielsweise das DigitalRadar im Rahmen des KHZG der Bewertung von Krankenhäusern. Obwohl die digitale Reife, die ihr zugrundeliegenden Dimensionen und Einflussfaktoren in der stationären Versorgung umfassend erforscht wurden, steht es um Möglichkeiten zur Messung des Status quo in der ambulanten Versorgung deutlich schlechter. In den europäischen Gesundheitssystemen kommt jedoch gerade den Hausärzten eine zentrale Rolle bei der Bereitstellung umfassender und kontinuierlicher Gesundheitsdienstleistungen zu. 

Digitale Transformation als Lösung für effiziente Gesundheitsversorgung?

Aufgrund dieser zentralen Stellung stehen diese an vorderster Front der digitalen Transformation. Digitale Technologien werden hierbei vielfach als Möglichkeit betrachtet, die Gesundheitsversorgung zu verbessern, diese effizienter und effektiver zu gestalten: Durch Online-Terminbuchungsplattformen soll das Praxispersonal entlastet werden, durch die Elektronische Patientenakte (ePA) sollen Dokumente beim Wechsel zwischen Haus- und Fachärzten immer zur Verfügung stehen und die Kombination von elektronischem Rezept (eRezept) und einer Videosprechstunde soll unnötige Arztbesuche minimieren. Die volle Ausschöpfung der genannten Vorteile hängt hierbei allerdings vom digitalen Reifegrad der Praxis ab.

Digitalisierung in der hausärztlichen Versorgung: Untersuchung der Universität Witten/Herdecke

Für die Verbesserung der Erbringung von Gesundheitsdienstleistungen sowie die Ausschöpfung des vollen Potenzials von digitalen Gesundheitslösungen ist es von entscheidender Bedeutung, ein Verständnis für Faktoren zu entwickeln, die die digitale Reife von Hausärzten beeinflussen. Bislang haben nur wenige Studien einen hausarztbezogenen Ansatz gewählt und den Einfluss individueller Merkmale auf die digitale Reife analysiert. Obwohl bestehende Studien einen Zusammenhang zwischen Technologienutzung und Persönlichkeit kenntlich machen, gibt es bislang wenig Forschung zum Einfluss der Persönlichkeit auf die digitale Reife im weiteren Sinne. Eine aktuelle Untersuchung von Allgemeinmedizinern und Gesundheitsinformatikern der Universität Witten/Herdecke setzt sich mit eben diesen Einflussfaktoren auf den digitalen Reifegrad von Hausarztpraxen in Deutschland auseinander. 

Digitalisierung Arztpraxis: Befragung von 219 Hausärzten

In einer Befragung von 219 Hausärzten werden neben demografischen und praxisbezogenen Merkmalen und der Nutzung digitaler Gesundheitslösungen insbesondere der Einfluss der digitalen Affinität und der Persönlichkeit auf den digitalen Reifegrad untersucht. Ziel der Untersuchung ist es, zielgerichtete und effektive Maßnahmen zur Unterstützung von Hausärzten bei der Implementierung von digitalen Gesundheitslösungen sowie bei der Erarbeitung einer praxisindividuellen Digitalisierungsstrategie zu entwickeln.

Digitalisierung im hausärztlichen Praxisalltag

Von 219 befragten Hausärzten nutzen etwa die Hälfte (45%) digitale Gesundheitslösungen täglich, während fast ein Drittel (29%) diese kaum oder gar nicht nutzen. Etwa 53 Prozent der Hausärzte geht davon aus, digitale Gesundheitslösungen sehr wahrscheinlich in Zukunft zu nutzen. Teilnehmende Hausärzte schätzten ihre Praxisteams sowie sich selbst als mäßig digital affin ein. Die digitale Reife in den Praxen lag entlang der untersuchten Dimensionen ebenfalls im soliden Mittel (Durchschnitt 3,31 von 5), wobei es sich hierbei um eine Selbsteinschätzung der jeweiligen Praxis handelte.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Wie der Faktor Mensch Digitalisierung prägt

Die Studie fand Unterschiede in der digitalen Reife auf der Grundlage des Geschlechts, der erwarteten zukünftigen Nutzung digitaler Gesundheitslösungen, der wahrgenommenen digitalen Affinität der medizinischen Fachangestellten sowie der digitalen Affinität der Praxisinhaber. Zudem zeigten sich Unterscheide in der digitalen Reife auf Basis der Persönlichkeit der Praxisinhaber: Praxisinhaber mit einem hohen Grad an Extraversion (Geselligkeit, Enthusiasmus) sowie einem niedrigen Grad an Neurotizismus (Reizbarkeit, Nervosität), wiesen eine höhere digitale Reife auf. Extraversion und Neurotizismus sind hierbei zwei untersuchte Persönlichkeitsdimensionen der sogenannten Big Five (Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus), welche als Standardmodell in der psychologischen Persönlichkeitsforschung herangezogen werden.

Die Berechnungen zeigten weiterhin, dass sich neben der Persönlichkeit auch ein Blick auf verschiedene weitere Eigenschaften der Hausärzte lohnt: Solche, die erwarten in Zukunft eher digitale Gesundheitslösungen zu nutzen, die digital affiner sind, ein digital affines Praxisteam leiten und eine ausgeglichene Persönlichkeit aufweisen, zeigten eine höhere digitale Reife. Um Hausärzte in der Digitalisierung ihrer Praxen zu unterstützen, sind damit zielgerichtete und maßgeschneiderte Maßnahmen notwendig, die unter anderem die Persönlichkeit und individuelle Ausgangssituation dieser berücksichtigen.

Um Hausärzte in der Digitalisierung ihrer Praxen zu unterstützen, sind zielgerichtete und maßgeschneiderte Maßnahmen notwendig, die unter anderem die Persönlichkeit und individuelle Ausgangssituation dieser berücksichtigen.

Die Studie bietet damit nicht nur einen Einblick in die aktuelle digitale Reife deutscher Hausarztpraxen, sondern zeigt auch, welche Rolle die individuellen Eigenschaften und die Persönlichkeit der Praxisinhaber hierbei spielen können. Die Universität Witten/Herdecke arbeitet deshalb weiter interdisziplinär an der Ausarbeitung eines Reifegradmodells sowie sich daraus ergebender Handlungsstrategien für die ambulante Versorgung. Die vollständige Studie finden Sie hier.

Lisa Weik
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Gesundheitsinformatik Universität Witten/Herdecke

Bildquelle: Lisa Weik

Prof. Dr. Sven Meister
Lehrstuhlinhaber für Gesundheitsinformatik Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit/Department für Humanmedizin

Bildquelle: Prof. Dr. Sven Meister