Gefahren der Abhängigkeit, Kosten und Chancen eines Gegensteuerns
Welche konkreten Gefahren sehen Sie in dieser Abhängigkeit?
Peter H. Ganten: Aus der Abhängigkeit resultieren vielfältige Gefahren. Viele Verwaltungen und Unternehmen wären auf einen Schlag nicht mehr arbeitsfähig, wenn sie die Software und Cloud-Dienste der entsprechenden Closed-Source-Anbieter nicht mehr benutzen können oder diese ihnen den Zugang zu den entsprechenden Accounts sperren würden. Es gibt bereits reale Beispiele dafür, dass US-amerikanische Unternehmen ihren Kunden auf politischen Druck hin den Service gekappt haben. 2019 zum Beispiel veranlasste Präsident Trump, dass das Unternehmen Adobe allen Nutzern in Venezuela die Konten sperrt. Das könnte uns hier auch passieren, wir sind quasi nur eine diplomatische Krise mit Donald Trump davon entfernt, dass hier in Fabriken, Krankenhäusern und Behörden plötzlich die Bildschirme schwarz bleiben.
Es gibt bereits reale Beispiele dafür, dass US-amerikanische Unternehmen ihren Kunden auf politischen Druck hin den Service gekappt haben.
Peter H. Ganten, Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance (OSBA)
Die Software der Closed-Source-Anbieter lässt sich nicht unabhängig überprüfen, somit lässt sich unmöglich sagen, ob die damit gespeicherten Daten wirklich sicher sind. Das bedeutet, dass letztlich nicht kontrolliert werden kann, wer auf sensible Nutzerdaten, Geschäftsgeheimnisse oder vertrauliche Informationen von außen zugreifen kann. Hier droht die Gefahr von Industriespionage und des Abfließens von Informationen an fremde Geheimdienste. Auch die Funktionsfähigkeit unseres Staates und unsere Demokratie sind dadurch direkt bedroht.
Zusätzlich fehlt die Möglichkeit, die mit solchen Closed-Source-Lösungen betriebenen Prozesse oder darauf basierende Produkte selbst innovativ zu gestalten und weiterzuentwickeln. Der Quellcode zu diesen Lösungen steht nicht zur Verfügung und falls doch, verbieten es Lizenzen, ihn an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Da heute praktisch alle Produkte digitale Komponenten haben, bedeutet das, dass deutsche Unternehmen, die auf geschlossene Lösungen setzen, ihre eigene Gestaltungsfähigkeit und damit auch ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Die Wertschöpfung findet dann nur noch im Ausland statt, wir sind nur noch Konsumenten der digitalen Lösungen anderer. Die Folge ist ein langsames Ausbluten der europäischen Wirtschaft.
Aus der Abhängigkeit resultiert auch eine schwache Verhandlungsposition dem Anbieter gegenüber, wenn es um den Preis für Services und Software geht...
Peter H. Ganten: Daher steht ständig das Potential massiver Preiserhöhungen im Raum. Es ist noch nicht lange her, dass eine fast 1.000-prozentige Steigerung der Lizenzgebühren bei Vmware nach der Übernahme durch Broadcom für Kunden insbesondere im Mittelstand wirtschaftlich ruinöse Auswirkungen hatte. Und auch in der öffentlichen Verwaltung steigen die Kosten für Lizenzen und Cloud-Dienste kontinuierlich an, ohne dass in einem angemessenem Verhältnis dazu Mehrwerte geschaffen werden. Im Jahr 2023 zum Beispiel hat die Bundesverwaltung das erste Mal über eine Milliarde Euro an öffentlichen Geldern nur für Lizenzkosten ausgegeben. Wer weiß, dass er jederzeit den Anbieter wechseln könnte, kann ganz anders mit seinem Dienstleister über Preise verhandeln.
All diese Gefahren haben sich durch die geopolitische Situation massiv verschärft. Niemand kann sich mehr sicher sein, dass er oder sie bestimmte IT-Anwendungen, insbesondere wenn sie in der Cloud betrieben werden, morgen überhaupt noch benutzen kann. Funktioniert die Google-Websuche morgen noch? Darf ich Daten morgen noch in amerikanischen Clouds speichern oder habe ich vielleicht noch nicht einmal mehr Zugriff auf meine eigenen Daten? Sind meine Kundendaten in der Cloud ausreichend geschützt?
Das ist ein Narrativ, das die großen US-amerikanischen Anbieter ganz bewusst verbreiten: Wir wären bereits viel zu abgehängt, der Innovationsabstand schon viel zu groß. Wir sollten also gleich aufgeben und die Abhängigkeiten einfach so hinnehmen, da wir ja ohnehin nichts ändern könnten. Das ist Quatsch.
Peter H. Ganten, Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance (OSBA)
Aber ist die Abhängigkeit von außereuropäischen IT-Anbietern nicht schon viel zu weit vorgeschritten? Kann man überhaupt noch gegensteuern?
Peter H. Ganten: Wissen Sie was, das ist ein Narrativ, das die großen US-amerikanischen Anbieter ganz bewusst verbreiten: Wir wären bereits viel zu abgehängt, der Innovationsabstand schon viel zu groß. Wir sollten also gleich aufgeben und die Abhängigkeiten einfach so hinnehmen, da wir ja ohnehin nichts ändern könnten. Das ist Quatsch.
Gerade in der IT sehen wir, dass alle paar Jahre unerwartete und erstaunliche Disruptionen passieren. Der IT-Markt kann sich jederzeit grundlegend durch das Aufkommen neuer Technologien ändern. Und wir haben bereits viel an Knowhow und an leistungsfähigen Open-Source-Alternativen in Deutschland und Europa, wir müssen diese nur entschlossen weiter ausbauen. Und selbstverständlich müssen wir bei den bestehenden Abhängigkeiten gegensteuern.
Was wäre denn die Alternative: Dass wir uns in unser Schicksal ergeben, unsere Daten, unsere Wettbewerbsfähigkeit, ja die Kontrolle über die kommunikativen Grundlagen unserer Demokratie einfach aufgeben, und die zukünftige Entwicklung im Digitalen vollständig anderen überlassen? Wir haben die Gestaltung unserer digitalen Zukunft selbst in der Hand und ich glaube, allen ist bewusst, dass es einen enormen Handlungsdruck gibt. Wir müssen noch viel für unsere digitale Souveränität tun, aber der Zeitpunkt um damit anzufangen ist so günstig wie nie.
Sind denn deutsche und EU-Anbieter überhaupt in der Lage, die Anbieter aus den USA oder China zu ersetzen? Deren technologischer Vorsprung ist doch enorm…
Peter H. Ganten: In die Closed-Source-Angebote der außereuropäischen Anbieter ist natürlich wahnsinnig viel Geld geflossen. Das könnten wir so nicht reproduzieren, aber das halte ich ohnehin nicht für sinnvoll. Der Ansatz in Europa ist ein anderer. Es geht nicht darum, US-amerikanische oder chinesische Geschäftsmodelle zu kopieren und riesige monopolartige Hyperscaler zu schaffen, sondern wir sollten einen eigenen Weg beschreiten, orientiert an europäischen Werten der Gemeinschaft, der Transparenz und der Zusammenarbeit. Und wir starten in Europa längst nicht bei Null. Wir verfügen bereits über ein starkes und breites Ökosystem an Open-Source-Herstellern. Diese sind zum Teil schon lange und erfolgreich am Markt und verfügen über bewährte Produkte, die stetig weiterentwickelt werden. Wenn wir auf Open Source Software, offene Standards und Schnittstellen setzen, dann können wir diese bestehenden Lösungen zu einem großen Ganzen verbinden, das es von der Leistungsfähigkeit mit den außereuropäischen Angeboten aufnehmen kann.
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