Open-Source als Lösung für mehr digitale Souveränität
Viele sehen Open Source als Schlüssel für eine digitale Souveränität. Welche Vorteile bietet Open-Source-Software im Gegensatz zu Lösungen, die einzelne Unternehmen entwickeln?
Peter H. Ganten: Da Sie das „einzeln“ erwähnen: Bei Open-Source-Software gibt es oft eine große internationale Community, die gemeinsam an der Weiterentwicklung und Verbesserung einer Software arbeitet. Diese Kooperation ist ein immenser Vorteil. Entwicklungskosten können geteilt werden, jeder kann sich den Quellcode anschauen und Fehler finden oder Verbesserungen vorschlagen und einbringen. Zugleich muss man nicht immer bei Null anfangen: Open Source bietet die Möglichkeit, auf bestehenden Lösungen aufzusetzen, und diese je nach Bedarf anzupassen und bewahrt dabei zugleich eine erhebliche Skalierbarkeit.
Nicht zuletzt ermöglichen die Transparenz des Quellcodes und die Freiheiten, die die Open-Source-Lizenzen gewähren, eine Kontrolle über die Software, und eine Herstellerunabhängigkeit. Geht mein Dienstleister insolvent, wird aufgekauft oder erhöht die Preise zu sehr, kann ich die gleiche Software-Lösung auch von einem anderen Unternehmen betreiben und weiter entwickeln lassen. Aufgrund der Kontrolle, Gestaltungsfähigkeit und Herstellerunabhängigkeit ist Open-Source-Software eine entscheidende Grundvoraussetzung für digitale Souveränität.
Aufgrund der Kontrolle, Gestaltungsfähigkeit und Herstellerunabhängigkeit ist Open-Source-Software eine entscheidende Grundvoraussetzung für digitale Souveränität.
Peter H. Ganten, Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance (OSBA)
Laut dem Digitalverband Bitkom nutzen drei von vier Unternehmen in Deutschland bereits Open-Source-Software und 73 Prozent sehen in Open Source eine Chance für mehr digitale Souveränität. Das mag bei so mancher Nischen-Software zutreffen. Aber ist es in der Praxis nicht so, dass viele Unternehmen – etwa mit Microsoft 365 und Cloud-Diensten etwa von Amazon – von Open Source für relevante Dienste noch weit entfernt sind?
Peter H. Ganten: Zunächst mal würde ich vermuten, dass deutlich mehr Unternehmen bereits Open-Source-Software nutzen, vermutlich wissen sie das einfach nicht. Von Datenbankmanagement-Software über Betriebssysteme, in denen der Linux-Kernel verwendet wird: Studien zufolge stecken heute in circa 95 Prozent der Software-Lösungen Open-Source-Komponenten.
Es ist natürlich richtig, dass in einigen Bereichen die Open-Source-Alternativen schon weiter entwickelt sind als in anderen. Aber dort, wo es noch an digital souveränen Lösungen mangelt, werden diese entwickelt – oftmals sogar gemeinschaftlich von Marktbegleitern. Ein gutes Beispiel dafür ist die Autoindustrie, wo sich in dem Projekt Catena-X mehrere Unternehmen in einem Bündnis zusammengefunden haben, um passende Open-Source-Lösungen zu entwickeln. Denn mehr und mehr Unternehmen sehen inzwischen die Bedeutung von digitaler Souveränität für Ihr eigenes Geschäft und erkennen dass es unerlässlich ist, sich aus bestehenden Abhängigkeiten zu lösen. Denn diese Abhängigkeiten verursachen zunehmend erhebliche Kosten und bedrohen ihre Geschäftsgrundlage. Die Unternehmen verstehen immer mehr, dass Open Source ein wichtiger Schlüssel für den Wandel ist. Gerade in der Industrie geht es häufig um hochspezialisierte Software, und dabei kann Open-Source-Software seine Vorzüge ausspielen.
Und wenn wir auf den klassischen Arbeitsplatz blicken...
Peter H. Ganten: Eine gewisse Herausforderung besteht sicherlich immer noch bei Arbeitsplatz-Software. Wenn man in die Büros von Behörden oder Unternehmen schaut, dann herrscht dort immer noch in erster Linie die Software von Closed-Source-Anbietern. Hier muss sich das Umdenken noch entschiedener durchsetzen und auch in konkreten Handlungen resultieren, an passenden Open-Source-Lösungen mangelt es jedenfalls nicht. Allerdings ist vielen nicht bekannt, wie leistungsfähig Open-Source-Alternativen auch bei Arbeitsplatzsoftware inzwischen sind. Die Lösung Opendesk zum Beispiel, die den Windows-Arbeitsplatz ablösen soll, wird inzwischen in etlichen Ministerien erprobt. Und Schleswig-Holstein trennt sich gerade sehr erfolgreich von Office, Sharepoint oder Exchange und ersetzt diese Microsoft-Lösungen durch einen ganz ähnlichen Open-Source-Stack.
Wenn wir uns Cloud-Dienste von Amazon & Co. ansehen: Wenn es zum Beispiel um umfangreiche Services für Big Data oder künstliche Intelligenz geht – sind da vergleichbare Open-Source-Alternativen überhaupt absehbar?
Peter H. Ganten: Auf jeden Fall. Mit Unternehmen wie beispielsweise Ionos, Schwarz IT, Plusserver, Syseleven, Nextcloud, B1 oder OpenCloud gibt es bereits eine Reihe von Cloud-Anbietern, die auf Open-Source-Software setzen. Hier gibt es bereits eine Reihe sehr guter und am Markt erfolgreicher Angebote, Tendenz steigend. Auch hier sollten wir aber nicht anstreben, einen einzelnen Anbieter von vergleichbarer Hyperscaler-Dimension zu schaffen, oder deren Angebote oder Geschäftsmodelle eins zu eins zu kopieren. Offene Clouds ermöglichen eine ganz andere Flexibilität und Interoperabilität. Mit der Open Source Business Alliance waren wir übrigens maßgeblich daran beteiligt, mit dem Sovereign Cloud Stack (SCS) offene Cloud-Standards zu entwickeln, die diesen interoperablen, europäischen Ansatz erst ermöglichen. Und SCS wird heute schon produktiv von etlichen Unternehmen und Behörden genutzt.
Wie steht es um das Thema Sicherheit und Verlässlichkeit? Wie groß ist das Risiko für Unternehmen, die Oopen-Source-Software einsetzen?
Peter H. Ganten: Es gibt einige Akteure, die bewusst das Narrativ verbreiten, Open-Source-Software sei weniger sicher, weil jeder den Quellcode anschauen kann. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Der offene Einblick in den Quellcode ist von großer Bedeutung, wenn es darum geht, Fehler schnell und verlässlich zu beheben und eventuellen Fehlfunktionen vorzubeugen. Außerdem können auch Hintertüren oder vergleichbare Sicherheitslücken schneller geschlossen werden, bevor sie Schaden anrichten können, denn tausend Augenpaare sehen mehr als eines.
Die Kontrolle darüber, wie sich die Software entwickelt, liegt mit in den eigenen Händen, ebenso die Kontrolle über die eigenen Daten. Bei Closed-Source-Software hingegen muss man sich auf die Sicherheitsversprechen des Herstellers verlassen, ohne dass man unabhängig überprüfen kann, ob die Software tatsächlich das tut, was sie soll, und was eigentlich mit den Daten passiert.
Gerade mit Blick auf die Verlässlichkeit sollte auch die Austauschbarkeit erwähnt werden. Falls eine Software doch nicht so funktioniert, wie erwünscht, ist es deutlich einfacher, auf eine vergleichbare Open-Source-Software umzusteigen und in die entsprechenden Prozesse zu integrieren.
Es gibt einige Akteure, die bewusst das Narrativ verbreiten, Open-Source-Software sei weniger sicher, weil jeder den Quellcode anschauen kann. Dabei ist das Gegenteil der Fall.
Peter H. Ganten, Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance (OSBA)
Große Tech-Unternehmen wie Microsoft, Google und Amazon investieren verstärkt in Open-Source-Projekte. Warum tun sie das – und wie wirkt sich ihr Einfluss auf die Community aus?
Peter H. Ganten: Die Unternehmen tun das, weil sie auch um den Wert von Open-Source-Software wissen und die Vorzüge für ihr Geschäft nutzen wollen. Denn Open-Source-Software hilft ihnen, Ihre Produktpalette zu stärken und weiterzuentwickeln, oder in neue Nischen vorzudringen, und innovativ zu bleiben.
Letztlich wollen auch sie ganz einfach die Kontrolle über ihre eigene Software bewahren und sich hier nicht in die Abhängigkeit von anderen Anbietern begeben. Und dabei hilft ihnen Open-Source-Software, die sie gerade bei ihren kritischen Kernkomponenten verwenden. Der Erfolg der großen Tech-Unternehmen fußt daher ganz wesentlich auf Open Source. Nur so konnten Ihre Produkte und Services zu dem werden, was sie heute sind, konnten skalieren und über die Zeit immer wieder problemlos angepasst und erweitert werden.
Allerdings nutzen diese Unternehmen die Vorzüge von Open-Source-Software, ohne diese Transparenz und Offenheit, von der sie profitieren, auch ihren Kunden zu ermöglichen. Die genutzten Kernkomponenten sind Open Source, aber bei den darauf aufbauenden Produkten haben sie sich entschieden, einen Zaun drumherum zu ziehen und das Tor abzuschließen.
Konstantin Pfliegl ist leitender Redakteur für das e-commerce Magazin und Digital Business. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.
Bildquelle: Foto Marquart, Tutzing
Stand: 16.12.2025
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