Welche Aufmerksamkeit die digitale Souveränität mittlerweile erhält, zeigt der kürzlich abgehaltene „Europäische Gipfel zur Digitalen Souveränität“. Über Anspruch und Realität der digitalen Souveränität und Europas Anstrengungen, im globalen KI-Rennen nicht den Anschluss zu verlieren.
Der von Deutschland und Frankreich einberufene „Europäische Gipfel zur Digitalen Souveränität“. Einberufen soll ein Zeichen setzen, die digitale Souveränität und Unabhängigkeit Europas voranzutreiben. Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigt sich an den klaren Worten, die Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fanden: Europa dürfe nicht länger nur Kunde amerikanischer oder chinesischer Tech-Konzerne sein, sondern müsse eigene digitale Lösungen entwickeln, eigene Technologien besitzen und eigene Wertschöpfung aufbauen.
Diese Aussagen treffen den Kern eines von der Wirtschaft – aber auch staatlichen Behörden – lange Zeit vernachlässigten Problems, das längst akut ist: Noch immer hält sich der weitverbreitete Irrglaube, Daten seien sicher, solange sie in Rechenzentren liegen, die auf europäischem Grund und Boden betrieben werden, egal von wem. Doch die Realität sieht anders aus.
Digitale Souveränität: Hoheit über Daten behalten
Jerome Evans ist Gründer und Geschäftsführer der firstcolo GmbH.
(Bild: Jan Burau Fotografie)
„Hartnäckig hält sich zum Beispiel der Mythos, dass ein Rechenzentrum von Microsoft, das in Deutschland steht, datenrechtlich eine sichere Sache sei. Doch ein Hyperscaler mit einem Rechenzentrum in Deutschland garantiert eben keinen Schutz vor US-amerikanischen Zugriff“, erklärt Jerome Evans, Gründer und Geschäftsführer der firstcolo GmbH. „Im Sommer musste Anton Carniaux, Chefjustiziar von Microsoft Frankreich, unter Eid einräumen, dass Daten in europäischen Rechenzentren diesbezüglich nicht sicher sind. US-Anbieter können auch bei Serverstandorten innerhalb der EU explizit keinen Schutz vor Verordnungen wie dem US Cloud Act garantieren.“
Die Folgen für Unternehmen sind existenzbedrohend: Sie können die Hoheit über ihre Betriebsgeheimnisse sowie Kundendaten verlieren oder von einem Tag auf den anderen handlungsunfähig werden, sollten die USA entscheiden, den Zugriff auf bestimmte Dienste in Europa einzuschränken. Dass die US-Regierung dem Einsatz von Repressalien zur Untermauerung handelspolitischer Forderungen nicht abgeneigt ist, zeigt sich hinreichend an ihrer aktuellen Zollpolitik.
Trotz politischer Aufbruchstimmung zeichnet die Gegenwart ein Bild alarmierender Abhängigkeit deutscher Unternehmen von US-Hyperscalern: Laut einer aktuellen Umfrage des Bitkom sehen sich 89 Prozent der deutschen Betriebe zudem grundsätzlich digital abhängig vom Ausland – und agieren somit schnell in extraterritorialen Rechtsräumen wie dem US Cloud Act. Von sicheren, transparenten und souveränen Lösungen sind sie weit entfernt. „Solange nicht auch hier EU-Regulierungen greifen, erreichen Unternehmen digitale Souveränität, die diesen Namen verdient, nur durch unabhängige, DSGVO-konforme Infrastruktur mit voller Datenhoheit, also bei einem europäischen Anbieter mit europäischem Standort“, so Evans.
Dass die US-Behörde Federal Trade Commission führenden US-amerikanischen Tech-Giganten quasi einen Freifahrtschein ausstellte, europäische Datenschutzvorgaben zu ignorieren, unterstreicht einmal mehr die Gefahr. „Hinzu kommt, dass Gewinne und digitale Wertschöpfung größtenteils in die USA abfließen, wenn Unternehmen hauptsächlich auf US-Anbieter setzen. So verstärkt sich das strukturelle Ungleichgewicht zu Lasten Europas immer weiter“, gibt Evans zu bedenken. Das wenig datenschutzkonforme Verhalten der amerikanischen Player macht es europäischen Anbietern grundsätzlich schwer, konkurrenzfähig zu bleiben. „Hier kann höhere Qualität für Abgrenzung auf dem Markt sorgen, denn europäische Anbieter haben häufig besondere Qualitätsmerkmale vorzuweisen: Eine eigene Cloud am selben Standort wie Colocation-Flächen zu betreiben, ist ein Angebot, das mit niedriger Latenz und hoher Bandbreite punktet, zumal, wenn die Anbindung an den weltweit größten Internetknoten DE-CIX in Frankfurt am Main vorhanden ist“, betont Evans.
Abhängigkeit von US-Cloud-Anbietern reduzieren
Bedenklich ist darüber hinaus, dass Bürger und Unternehmen zunehmend das Vertrauen in digitale Verwaltungs- oder Cloud-Dienste verlieren oder eben fälschlicherweise von gegebener Datensouveränität ausgehen. Die politische Forderung, öffentliche Aufträge künftig gezielt an europäische Technologieanbieter zu vergeben, ist deshalb ein notwendiger Schritt, um Vertrauen zu schaffen und die digitale Wertschöpfung wieder nach Europa zurückzuholen. Allerdings muss sie gleichsam von staatlicher Seite und Unternehmen umgesetzt werden. Wenn beispielsweise die Bundeswehr sich aktuell die Google Cloud ins Boot holt, bleiben an die Wirtschaft gerichtete Appelle wie das nun von Merz und Macron geäußerte „Buy European“ blutleer.
Stand: 16.12.2025
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„Europa darf im globalen Wettlauf um KI und Cloud-Technologien nicht den Anschluss verlieren“, bringt Evans an. Um aktiv an Rahmenbedingungen in Bezug auf Weiterentwicklungen und Sicherheitsstandards mitzuwirken, gilt es, diesen Abstand zu US-Anbietern zu verringern. Machen sich Deutschland und Europa weiter abhängig von auswärtiger digitaler Infrastruktur, geht ihnen die Handlungsfähigkeit in Krisen und geopolitischen Konflikten verloren. „Auf diese Weise lässt sich politischer oder wirtschaftlicher Druck ausüben. Gleichzeitig reduziert eine solche Konstellation Europas Fähigkeit, eigene digitale Champions hervorzubringen“, macht Evans deutlich. Dies wirkt sich nicht nur auf Wirtschaftswachstum aus, sondern auch auf strategische Autonomie in Bereichen wie Verteidigung, Forschung oder Industrie 4.0.