Der jüngste AWS-Ausfall hat gezeigt, wie gefährlich Europas digitale Abhängigkeit von US-Anbietern ist. Wenn ein einzelnes Rechenzentrum in Virginia solche Auswirkungen hat, müssen wir uns fragen, wie abhängig und verletzlich Europa ist? Die Antwort ist: sehr. Und zeigt, wie wichtig die digitale Souveränität Europas ist.
• Digitale Abhängigkeit von Europa: Der AWS-Ausfall legt offen, wie verletzlich Europas Wirtschaft durch US-Konzerne geworden ist.
• Neue Risiken durch KI: Auch bei KI-Systemen droht eine gefährliche Abhängigkeit von wenigen amerikanischen Anbietern.
• Digitale Souveränität ist notwendig: Europa braucht eigene Cloud-, KI- und Sicherheits-Infrastrukturen sowie eigene digitale Ökosysteme, um unabhängig und innovativ zu bleiben.
Das AWS-Ausfall im Oktober betraf zehntausende Unternehmen. Das Internet-Performance-Unternehmen Catchpoint schätzt die wirtschaftlichen Schäden auf mehrere hundert Milliarden Dollar. Und das, obwohl der Ausfall zufällig in eine Nebenzeit fiel – nachts in den USA, am frühen Morgen in Europa. Wäre er zur Hauptproduktionszeit passiert, wären die Auswirkungen noch signifikanter gewesen. Was wir daraus für die digitale Souveränität lernen können: Je stärker wir zentrale digitale Dienste outsourcen, desto fragiler wird das System. Die Cloud ist ein zentraler Bestandteil der weltweiten Wirtschaft, aber leider zu stark kontrolliert von US-Konzernen wie Amazon, Microsoft und Google. Deshalb ist das Problem viel größer als AWS.
Europa hat in den vergangenen Jahren fast seine gesamte digitale Infrastruktur in die Hände weniger Anbieter gelegt, die sich unserer Kontrolle entziehen. Banken speichern Daten auf Amazon, Städte kommunizieren über Microsoft Teams, Unternehmen nutzen Social Media und Messenger-Dienste und entwickeln ihre Zukunft mit ChatGPT oder Google Gemini. Und die Serverfarmen stehen nicht in Europa. Noch nie waren wir digital unsouveräner als heute – wir sind in Europa digital fremdbestimmt. Das ist eine immense Gefahr.
Mit KI kommt die nächste Abhängigkeit
Der Ausfall bei AWS hat gezeigt, was passiert, wenn die Cloud versagt. Aber es zeichnet sich bereits das nächste Risiko ab. Nämlich unsere wachsende Abhängigkeit von KI-Systemen aus den USA. Europäische Unternehmen bauen ihre Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle auf den Sprachmodellen von OpenAI, Anthropic, Google oder Meta auf. Sie nutzen ChatGPT, Claude, Gemini und Llama als Grundlage für Kundenkommunikation, Prozessautomatisierung oder Softwareentwicklung. Was passiert, wenn diese Zugänge eines Tages gesperrt werden? Wenn eine US-Regierung beispielsweise entscheidet, dass KI eine strategische Ressource ist und Europa keinen Zugriff mehr bekommt? Der US-Präsident hat bereits angekündigt, KI-Modelle als sicherheitsrelevante Technologie zu behandeln. Exportbeschränkungen für KI-Chips gibt es schon. Der nächste Schritt wären womöglich Einschränkungen für KI-Software.
Was passiert, wenn die Services eines europäischen Unternehmens ausfallen, weil OpenAI den EU-Zugang sperrt? Eine Stadtverwaltung keine Chatbots mehr betreiben kann oder eine Produktion stockt, weil Automatisierungs-APIs nicht mehr erreichbar sind? So absurd ist der Gedanke jedenfalls nicht. Denn wer hätte vor ein paar Wochen noch gedacht, dass ein Ausfall in Nord-Virginia deutsche Steuerportale lahmlegen könnte?
Europa fehlt die digitale Souveränität
Ich spreche seit Jahren über die digitale Souveränität, Sicherheit und deren Relevanz für Daten wie auch für die politische Sicherheit und Stabilität. Digital unabhängig sein heißt, die Kontrolle über unsere digitale Infrastruktur zu behalten, einschließlich Daten, Plattformen, Kommunikation und KI-Systeme. Denn nur dann kann man sie schützen. Europa hat das Know-how dazu, die Fachkräfte und die Innovationskraft. Was fehlt, ist der politische Wille, diese Stärken zu nutzen. Statt Milliarden in ausländische Clouds zu investieren, brauchen wir massive Investitionen in eigene digitale Ökosysteme und Sicherheitsmaßnahmen.
Digitale Souveränität: Was jetzt zu tun ist
Erstens brauchen wie leistungsfähige Rechenzentren in Europa, betrieben unter europäischer Kontrolle. Projekte wie GAIA-X sind hier ein guter Anfang, müssen aber weitergetrieben werden. Zweitens benötigen wir eigene und keine importierte KI. Und drittens sind Governance und Sicherheit Pflicht – ob bei Cloud oder KI. Nur mit hochsicheren Infrastrukturen aus Europa, die europäisches Datenschutzrecht einhält, kann Vertrauen entstehen. Viertens: Wir brauchen sichere, digitale Ökosysteme und einheitliche Enterprise-Plattformen mit einheitlichen Identitäts-, Sicherheits- und Kommunikationsstandards. Ohne sie, und mit verteilen Tools und Prozessen, bleibt jedes System angreifbar.
Digitale Souveränität: Die Daten gehören uns
Neben politischer Starre und einem Europa, das heute (noch) nicht als Einheit auftritt, um sich für digitale Souveränität einzusetzen, sind sicherlich auch die Kosten ein Faktor. Der Schritt zu eigenen Infrastrukturen ist teuer. Aber was kostet es, wenn die Cloud ausfällt, KI-Systeme nicht mehr verfügbar sind und ein fremdes Land einfach den Stecker zieht? Der Crowdstrike-Vorfall im letzten Jahr hat bereits Milliarden gekostet und Industrien zum Stillstand gebracht. Jetzt AWS. Was kommt als Nächstes?
Europa muss resilienter werden und braucht die Kontrolle über die eigene Technologie. Dies dient dem Schutz der digitalen Welt und unserer gesamten Wirtschaft. Noch hat Europa die Chance, die digitale Zukunft selbst zu gestalten. Noch können wir eigene Clouds, eigene KI-Modelle, eigene Sicherheitsstandards etablieren. Aber das Zeitfenster wird immer enger, deshalb müssen wir schnell sein. Sinnvolle Regulierung und Datenschutz sind essenziell, aber wir dürfen uns nicht in Diskussionen darüber verlieren, ohne selbst dafür die Basis zu besitzen. Datenschutz braucht Datenhoheit. Unsere Daten gehören uns. Nur dann sind sie sicher und resilient. Ich fordere deshalb die Politik und die Wirtschaft auf, Mut zur Entscheidung zu haben – für digitale Souveränität in Europa. Sie ist unsere Überlebensstrategie und die Voraussetzung für Sicherheit, Innovation und Freiheit. Wir können es uns nicht leisten, länger digital abhängig zu sein.
Stand: 16.12.2025
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Ismet Koyun ist CEO und Gründer der Kobil Gruppe, Anbieter von digitalen Identitäts- und mobilen Sicherheitslösungen.