Wie werden Deutschland und Europa unabhängiger von Dienstleistern etwa aus den USA? Ulrich Ahle, CEO von Gaia-X, erklärt im Interview, wie digitale Souveränität in Europa gelingt und welche Rolle Gaia-X spielt.
Die Rolle der digitalen Souveränität: Sie ist vom Schlagwort zum strategischen Imperativ geworden – getrieben durch Lieferketten-Schocks, Geopolitik und KI.
Offene Ökosysteme statt Hyperscaler-Abhängigkeit: Es geht weniger um das „Aufholen“ als um eine Neugestaltung des Spielfelds. Offene Standards machen den Markt wieder anfechtbar, binden große und kleine Anbieter ein und halten kritische Daten unter europäischer Governance.
Von Regulierung zur Praxis – Compliance by Design: EU Data Act oder NIS-2 geben den rechtlichen Rahmen, Gaia-X macht ihn technisch prüfbar.
Digitale Souveränität ist aktuell in Europa eines der wichtigen politischen Schlagwörter. Lieferketten-Schocks, geopolitische Spannungen und die rasante Einführung von künstlicher Intelligenz haben gezeigt: Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Compliance ist heute so entscheidend wie Energie oder Logistik. Genau hier setzt Gaia-X an: keine „europäische Cloud“, sondern ein offenes, föderiertes Ökosystem, in dem jede Cloud und jeder Datendienst nach europäischen Regeln betrieben werden kann– mit Kontrolle, Datenhoheit und Compliance in europäischer Hand.
Im Interview mit DIGITAL BUSINESS erklärt Gaia-X-CEO Ulrich Ahle, wie Europa globale Technologien selbstbewusst nutzt – und zugleich die Spielregeln definiert.
Herr Ahle, in den vergangenen Monaten hat die Bedeutung von digitaler Souveränität enorm zugenommen. Teilen Sie diesen Eindruck? Und wie kam es dazu, dass wir plötzlich alle darüber sprechen?
Ulrich Ahle: Ja. Was sich verändert hat, ist, dass digitale Fähigkeiten heute Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz ebenso bestimmen wie Energie oder Logistik. Lieferketten-Schocks, geopolitische Spannungen und die rasante Einführung von KI haben die Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Compliance zu nicht verhandelbaren Themen auf Vorstandsebene gemacht. Europa hat erkannt, dass Offenheit ohne überprüfbares Vertrauen zu Abhängigkeit führt. Deshalb müssen wir Offenheit mit durchsetzbaren Regeln für Transparenz, Portabilität und Interoperabilität verbinden. Wir setzen uns seit Beginn für diese Prinzipien ein, und es ist gut zu sehen, dass sie inzwischen auf allen Agenden stehen.
Hyperscaler haben beeindruckende Infrastrukturen aufgebaut, doch ihre Dominanz beruht auf Integration – nicht allein auf Technologie.
Ulrich Ahle, CEO von Gaia-X
Digitale Souveränität ist von einem politischen Schlagwort zu einem strategischen Imperativ für Europa geworden. Der Zugang zu Daten, Rechenleistung und KI-Fähigkeiten definiert heute nicht nur Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch Resilienz und demokratische Stabilität. Die Diskussion hat sich intensiviert, weil Unternehmen und Regierungen gleichermaßen verstehen, dass Autonomie im digitalen Raum ebenso essenziell ist wie Energie- oder Verteidigungssouveränität.
Digitale Souveränität bedeutet keine Abschottung. Sie bedeutet, Partner, Technologien und Dienste frei wählen zu können – auf der Grundlage von überprüfbarem Vertrauen, Transparenz und Interoperabilität. Genau diese Vision setzt Gaia-X in die Praxis um.
Prozessoren, Betriebssysteme, Cloud-Dienste oder künstliche Intelligenz – fast alles in der IT kommt etwa aus Übersee. Wie steht Europa in Sachen Souveränität aktuell da?
Ulrich Ahle: Europa startet nicht bei null. Unsere Stärke liegt in industriellen und öffentlichen Daten, im Forschungsökosystem und in der Fähigkeit, globale Standards für Transparenz und Compliance zu setzen. Wir führen in regulierten Branchen, im industriellen Datenmanagement und am Edge/OT – und wir verfügen über starke politische Instrumente. Aber wir müssen diese in operative Souveränität umwandeln: also die Fähigkeit, Dienste frei zu wählen, zu kombinieren und ohne Reibung zu wechseln – und Compliance automatisch nachzuweisen.
Und hier kommt Gaia-X ins Spiel...
Ulrich Ahle: Darauf konzentriert sich Gaia-X. Nicht auf den Aufbau einer einzigen „europäischen Cloud“, sondern darauf, dass jede Cloud oder jeder Datendienst nach europäischen Regeln für Vertrauen, Portabilität und Interoperabilität betrieben werden kann. Wir bauen vielleicht nicht jeden Chip, aber wir können festlegen, wie digitale Ökosysteme funktionieren – und sicherstellen, dass Kontrolle, Datenhoheit und Compliance in europäischen Händen bleiben.
Gaia-X spielt hierbei eine Schlüsselrolle: Wir schaffen ein offenes, transparentes digitales Ökosystem auf Grundlage europäischer Regeln und überprüfbaren Vertrauens. Unser Trust Framework, digitale Nachweise und Compliance-Mechanismen ermöglichen es europäischen Unternehmen, Daten und Dienste grenzüberschreitend, sektorenübergreifend und cloudübergreifend sicher zu verknüpfen – ohne die Kontrolle zu verlieren.
So können wir globale Technologien nutzen, sie aber nach unseren eigenen Prinzipien steuern.
DER GESPRÄCHSPARTNER
Ulrich Ahle ist CEO von Gaia-X. Zuvor war unter anderem CEO der Fiware Foundation und Vice President Manufacturing, Retail & Transport im Bereich Consulting und Systemintegration beim IT-Anbieter Atos.
(Bild: Gaia-X)
Ist es angesichts der Dominanz außereuropäischer Anbieter denn überhaupt möglich, digitale Souveränität in Europa zu erreichen?
Ulrich Ahle: Ich sehe das nicht als Frage des „Aufholens“, sondern als Frage der Neugestaltung des Spielfelds. Hyperscaler haben beeindruckende Infrastrukturen aufgebaut, doch ihre Dominanz beruht auf Integration – nicht allein auf Technologie. Sie sind nur dann unersetzlich, wenn man geschlossene, nicht-portable Architekturen akzeptiert. Europas Stärke liegt in der industriellen und öffentlichen Datennutzung im großen Maßstab – von der Fertigung über das Gesundheitswesen bis zur Energie. Indem wir Identitäten, Richtlinien und Schnittstellen über Anbieter und Edge-Systeme hinweg standardisieren, machen wir den Markt wieder wettbewerbsfähig. Dieser Wettbewerb verbessert Preise, Innovation und Compliance für europäische Nutzer und schafft Raum für neue europäische Angebote.
Und wie kann das gelingen?
Ulrich Ahle: Das kann nur durch föderierte, offene Ökosysteme gelingen, die große und kleine Anbieter über gemeinsame Standards und Vertrauensmechanismen verbinden. Genau das ermöglicht Gaia-X. Unser Ansatz macht den Markt wieder anfechtbar. Er erlaubt KMU, Forschungseinrichtungen und öffentlichen Institutionen, auf Augenhöhe teilzunehmen. Zugleich stellt er sicher, dass kritische Daten – etwa aus den Bereichen Gesundheit, Mobilität oder Industrie – unter europäischer Governance bleiben.
Hyperscaler sind wichtige Akteure, aber sie müssen innerhalb eines von Europa definierten Rahmens aus Transparenz und Vertrauen agieren. Dieses Gleichgewicht aus Offenheit und Kontrolle macht unser Modell nachhaltig.
Welche Rolle spielt hier Ihrer Meinung nach der Gesetzgeber? Wie kommen Deutschland beziehungsweise die EU zu mehr digitaler Unabhängigkeit? Braucht es strengere Regulierungen und Vorschriften?
Ulrich Ahle: Regulierung gibt die Richtung vor, aber Technologie macht sie umsetzbar. Europa hat mit dem EU Data Act, dem Data Governance Act, NIS-2 und dem AI Act bereits eine starke politische Basis geschaffen. Diese Regelwerke bilden einen Rahmen, der Rechte und Wettbewerb schützt. Der nächste Schritt besteht darin, diese Prinzipien automatisch überprüfbar zu machen – nicht durch Papierarbeit, sondern durch maschinenlesbare Regeln und Compliance-Mechanismen. Gaia-X liefert genau das über unser Trust Framework. Unser Trust Framework übersetzt europäische Vorschriften in technische Realität: Daten-Nutzungsrichtlinien, Zugriffsbedingungen und Compliance-Anforderungen werden direkt in die Systeme eingebaut.
Europa braucht also nicht mehr Regulierung, sondern deren technische Umsetzung und Interoperabilität – damit jede Vorschrift in der Praxis überprüfbar wird. Gaia-X hilft, rechtliche Souveränität in technologische Autonomie zu überführen.
Viele Hyperscaler bieten mittlerweile Cloud-Dienste ausschließlich aus Europa an, etwa Microsofts Sovereign Cloud. Wie sehen Sie diese Dienste? Ist das Souveränität Light oder eine echte Alternative für europäische Unternehmen?
Ulrich Ahle: Sie können ein wichtiger Teil des Ökosystems sein – aber nur, wenn ihre Versprechen überprüfbar sind. Souveränität darf kein Marketingbegriff sein; sie muss durch transparente Kriterien nachgewiesen werden. Unser Compliance Framework und die Gaia-X Labels legen klare, messbare Anforderungen fest – etwa zur Datenlokation, zur rechtlichen Kontrolle, zur Portabilität und Interoperabilität. Diese lassen sich über Gaia-X verifizieren.
Allein die höchste Sicherheitsstufe, das „Gaia-X Label Level 3“ kann ausschließlich durch Anbieter erbracht werden, die ihren Hauptsitz in Europa haben und nicht durch außereuropäische Unternehmen bestimmt werden. Hierdurch kann sichergestellt werden, dass die Daten keinen extraterritorialen Regelungen unterliegen.
Gaia-X bewertet keine Marken, sondern überprüft Eigenschaften. Wenn ein Cloud-Dienst – egal ob europäisch oder global – diese Kriterien erfüllt, seine Compliance über ein Gaia-X Digital Clearing House nachweist und portabel bleibt, dann ist er tatsächlich souverän und eine valide Option. Wenn nicht, bleibt es Marketing.
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