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Interview Open Source als Grundpfeiler: So sichern Unternehmen digitale Souveränität

Das Gespräch führte Konstantin Pfliegl 15 min Lesedauer

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Digitale Souveränität ist mehr als ein Label: Peter H. Ganten von der Open Source Business Alliance warnt vor Scheinlösungen und setzt auf Open Source und offene Standards.

(Bild:  © TingYi/stock.adobe.com)
(Bild: © TingYi/stock.adobe.com)

DARUM GEHT'S

Digitale Souveränität: Kontrolle über Systeme, Gestaltungsfähigkeit und Herstellerunabhängigkeit.

Risiken der Abhängigkeit: Operative Ausfälle, Datenabfluss/Spionage, Innovationsverlust und Preisschocks. Der Zugriff auf Cloud-Dienste kann jederzeit wegbrechen.

Label versus Realität: Viele „souveräne“ Angebote bleiben abhängig – Closed Source, Cloud Act, Update-Blackbox.

Open Source als Schlüssel: Transparenz, Community-Power und Austauschbarkeit schaffen Kontrolle.

Digitale Souveränität ist kein Modebegriff, sondern eine zentrale Führungsfrage: Wer sie besitzt, behält die Kontrolle über Daten, Prozesse und Abhängigkeitsstrukturen –  vor allem in einem Umfeld von Cloud-Hyperscalern, KI-Ökosystemen und zunehmender Regulatorik.

Open Source gilt dabei als Hebel: Transparenz, Auditierbarkeit und offene Standards reduzieren Lock-ins, fördern Interoperabilität und beschleunigen Innovationen. Für Entscheider heißt das: Nicht „Open Source – ja oder nein?“, sondern „wie“. Wie lässt sich Open Source so einsetzen, dass sie Souveränität wirklich stärkt? 

DIGITAL BUSINESS spricht darüber mit Peter H. Ganten, Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance (OSBA) – Bundesverband für digitale Souveränität.

Herr Ganten, viele sprechen aktuell von digitaler Souveränität. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Peter H. Ganten: Digitale Souveränität bedeutet für mich Kontrolle über die von einer Organisation verwendeten digitalen Systeme, außerdem Gestaltungsfähigkeit und Herstellerunabhängigkeit. Mit Blick auf die heute fast überall vorhandenen dramatischen Abhängigkeiten von wenigen Cloud- und Software-Anbietern ist es außerordentlich wichtig, diese Kontrolle zu erlangen und zu bewahren. Denn nur dann können Organisationen unabhängig von einzelnen Herstellern und deren Vorgaben, wie etwa digitale Prozesse ablaufen sollen, wie Daten verarbeitet werden oder welchen Preis man dafür zu zahlen hat, agieren. Gestaltungsfähigkeit umfasst die Möglichkeit, IT-Lösungen nach den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen ausrichten und anpassen zu können. Das ist die Voraussetzung für Innovation, von der wir dringend mehr brauchen. Schließlich müssen Anbieter oder Dienstleister im Zweifel auch mit angemessenem Aufwand ausgewechselt werden können.

Alle diese Kriterien lassen sich am besten erfüllen, wenn man Open-Source-Software und offene Standards nutzt. Daher ist Open Source aus meiner Sicht auch eine zentrale Voraussetzung für digitale Souveränität. Digitale Souveränität bedeutet jedoch keinesfalls Abschottung – sondern ganz im Gegenteil Offenheit für Kooperation und für alles, was dabei helfen kann, die oben genannten Kriterien zu erfüllen.

Digitale Souveränität bedeutet keinesfalls Abschottung – sondern ganz im Gegenteil Offenheit für Kooperation und für alles, was dabei helfen kann, die oben genannten Kriterien zu erfüllen.

Peter H. Ganten, Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance (OSBA)

Digitale Souveränität wird vor allem im Zusammenhang mit der Cloud verwendet. Aber es geht hier ja nicht nur um eine souveräne Cloud-Infrastruktur, oder?

Peter H. Ganten: Nein, keineswegs. Der Begriff „digital souverän“ wird zwar besonders häufig im Zusammenhang mit Cloud-Infrastrukturen verwendet, weil damit bestimmte Angebote beworben werden. Die Frage ist aber, was das dann im Einzelfall konkret heißen soll. Der Begriff ist inzwischen einfach sehr beliebt als Werbelabel und wird teilweise fast gänzlich sinnentleert genutzt. Tatsächlich ermöglichen viele der als „souverän“ beworbenen Angebote bei genauerem Hinsehen keine wirklich unabhängige Kontrolle. 

Können Sie uns ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Peter H. Ganten: Bei der Delos-Cloud etwa werden die Office-Anwendungen von Microsoft aus einer Cloud bereit gestellt, die von einem europäischen Unternehmen betrieben wird und damit unter europäische Rechtsprechung fällt. Die genutzte Software ist aber immer noch Closed Source – kann also nicht unabhängig überprüft werden wie es bei Open-Source-Software der Fall ist – und wird von einem US-amerikanischen Unternehmen entwickelt, das sich im Zweifel auf der Basis des Cloud Acts den Anweisungen US-amerikanischer Behörden unterwerfen muss. Auch wenn die Delos-Cloud also in der EU betrieben wird: Der genutzte Software-Code muss täglich mit teils hunderten von Updates versehen werden. Diese könnten theoretisch jederzeit vom Hersteller manipuliert werden, ohne dass wir es merken.

Selbst ein offizieller Microsoft-Vertreter hat inzwischen zugegeben, dass das Unternehmen im Zweifel EU-Daten an die USA übermitteln muss. Die vermeintliche Sicherheit ist also trügerisch, denn Möglichkeiten für den Datenzugriff oder zur externen Abschaltung kritischer Infrastrukturen bestehen weiterhin. Und auch die eigentliche Problematik, aus der Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter mit den damit verbundenen Kosten- und Innovationsrisiken zu entkommen, wird dadurch überhaupt nicht berührt. Daher entspricht oftmals das, was als „souverän“ verkauft und angepriesen wird, noch lange nicht der gängigen Auffassung von digitaler Souveränität.

DER GESPRÄCHSPARTNER

Peter H. Ganten ist Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance (OSBA) – Bundesverband für digitale Souveränität. Als Gründer und Co-Geschäftsführer von Univention und Mitgründer der OSBA setzt er sich seit über 25 Jahren für pragmatische Lösungen und digitale Souveränität ein.

Digitale Souveränität
(Bild: Open Source Business Alliance (OSBA))

Sind wir aktuell also zu abhängig von großen außereuropäischen IT-Anbietern, etwa aus den USA?

Peter H. Ganten: Ja definitiv, auch wenn wir bereits Alternativen für mehr digitale Souveränität aufbauen, ist die bestehende Abhängigkeit ein riesiges Problem. Bereits im Jahr 2019 hat eine von der damaligen Bundesregierung beauftragte Studie eine erhebliche, ja schmerzhafte, Abhängigkeit der deutschen Verwaltung von großen außereuropäischen IT-Anbietern und deren Closed-Source-Angeboten festgestellt. 

Und wie sieht es in der Wirtschaft aus?

Peter H. Ganten: In der Wirtschaft sieht es genauso dramatisch aus: Eine Bitkom-Studie aus diesem Jahr hat ergeben, dass 90 Prozent der deutschen Unternehmen abhängig sind von digitalen Technologien und Services aus dem Ausland. Die Anstrengungen, die seitdem unternommen wurden, waren vielfach zu gering, es scheint oft noch an dem entschlossenen politischen Willen zu fehlen, eine ernsthafte Open-Source-Transformation in der Verwaltung anzustoßen. Jahr für Jahr fließen aus öffentlichen Geldern weiterhin Milliarden-Beträge an große, vor allem US-amerikanische Konzerne, statt in digital souveräne Lösungen aus Deutschland und Europa investiert zu werden. Und diese Milliardenbeträge an monopolartige Closed-Source-Hersteller werden von diesen Unternehmen dafür verwendet, um die bestehenden Abhängigkeiten immer weiter auszubauen.

Es gibt zwar auch schon Fortschritte, zum Beispiel die Gründung des Zentrums für digitale Souveränität (ZenDiS), aber es muss sich noch einiges ändern. Deshalb fordert die Open Source Business Alliance beispielsweise, dass der Staat vorrangig Open-Source-Lösungen einkaufen soll, die er selbst kontrollieren und gestalten kann. Open Source muss zum Standard in der öffentlichen Beschaffung werden.

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