Bei den staatlichen Akteuren in der Chemieindustrie dominiert Sinopec, der größte Petrochemie-Konzern Chinas. Das Unternehmen hat eine KI-Mittelplattform aufgebaut und plant die Entwicklung von 20 Fachmodellen für Kernbereiche wie seismische Datenverarbeitung, Lagerstättenentwicklung und chemische Produktentwicklung. Im November 2025 gewann Supcon Technology einen Auftrag für ein KI-Demonstrationsprojekt zur Entwicklung neuer Polyolefin-Produkte. Die China National Petroleum Corporation (CNPC) hat im Februar 2025 das Kunlun-Großmodell mit DeepSeek fusioniert und ein KI-Servicesystem für die gesamte Wertschöpfungskette aufgebaut. Die China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) integrierte im Februar 2025 die Haineng-Plattform mit DeepSeek. ChemChina und Sinochem unterzeichneten eine vertiefte strategische Kooperation mit Huawei zur KI-gestützten Kostensenkung und Effizienzsteigerung in der Chemieproduktion und gründeten zudem mit Beteiligung von Guogong Intelligence ein Joint Venture für KI-gesteuerte Katalysatortechnologie. China Coal wiederum gründete im Juni 2026 ein Chemieforschungsinstitut in Xi'an mit einer Milliarde RMB Kapital, das explizit KI-Anwendungssoftware entwickelt.
Auf privater Seite ragt Wanhua Chemical heraus. Der weltweit führende MDI-Hersteller und ehemalige Staatsbetrieb gilt als Vorreiter der KI-Integration. Unter der Führung von Liao Zhentai verfolgt das Unternehmen eine konsequente KI plus Chemie-Strategie. Zu den Ergebnissen gehören KI-basierte Katalysatoroptimierung, ein KI-gestütztes IT-Betriebsservice-System mit Zhenzhi Technology sowie die Partnerschaft mit Huawei für KI-Agenten in der Anlagenwartung. Supcon Technology ist ein führender Anbieter von industrieller Automatisierung und KI-Lösungen für die Prozessindustrie. Im Oktober 2025 implementierte das Unternehmen einen digitalen Mitarbeiter in einem Chlor-Alkali-Werk von Xingfa Group, der den gesamten Produktionsprozess autonom steuert.
Shanghai Wanhua Chemical Research and Development Center.
(Bild: Wanhua)
Guogong Intelligence bietet KI-Entscheidungs- und Steuerungslösungen für die Prozessindustrie, mit Fokus auf chemische Neue Materialien, Pharma, Lebensmittel und neue Energien. XtalPi, ein KI-Chemieunternehmen, hat eine automatisierte Formulierungsstabilitäts-Teststation am BASF Innovation Campus Shanghai installiert. Shandong Haihua Group entwickelte gemeinsam mit Inspur Digital Enterprise ein Salzchemie-Kontroll-Großmodell auf Basis des Hailuo-Großmodells, das bereits vollständig in die Produktion integriert ist.
BASF als Vorreiter, Covestro und AVEVA als Partner
Europäische Unternehmen sind in diesem Ökosystem nicht nur passive Beobachter. BASF ist der europäische Chemiekonzern mit der intensivsten KI-Kooperation in China. Im April 2026 unterzeichnete der Konzern eine Absichtserklärung mit Sevnce Robotics zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Robotik und Chemieindustrie. Geplant sind intelligente Inspektionslösungen an BASF-Standorten, mit Fokus auf sicherheitsrelevante Anwendungen sowie Materialinnovation für Roboter-Kernkomponenten. Eine weitere Absichtserklärung mit Qiteng Robot sieht die gemeinsame Erkundung von Roboterprodukten und intelligenten Inspektionslösungen vor. Im Februar 2026 installierte XtalPi eine fortschrittliche KI-gestützte automatisierte Formulierungsstabilitäts-Teststation am BASF Innovation Campus Shanghai.
BASF wechselt damit von manuellen, arbeitsintensiven Workflows zu einem vollständig integrierten, Ende-zu-Ende-automatisierten System. BASF-Forscher führen zudem Quantensimulationen auf einem Supercomputer mit Nvidia durch. Auf der CUDA-Quantum-Plattform wurden 60 Qubits modelliert, um die Entfernung toxischer Metalle aus Abwasser zu optimieren. Der im März 2026 eröffnete 8,7 Milliarden Euro teure Verbundstandort in Zhanjiang soll die wachsende Nachfrage in Asien direkt bedienen und BASF von europäischen Kostennachteilen entkoppeln. Strategisch erwartet BASF, dass der chinesische Anteil am globalen Chemiemarkt von derzeit rund 40 Prozent auf 50 Prozent im Jahr 2030 steigt. Die Stadt Nanjing und BASF planen zudem, den Sektor AI plus Chemie gemeinsam voranzutreiben.
Stand: 16.12.2025
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Der maschinelle Chemiker der Chinesischen Universität für Wissenschaft und Technologie kann selbstständig Fachliteratur lesen, Versuchspläne erstellen, den gesamten Versuchsablauf ohne menschliches Eingreifen durchführen, optimale Lösungen finden und neue Chemikalien und Materialien entwickeln.
(Bild: Anhui Daily)
Covestro hat Shanghai neben Leverkusen und Pittsburgh als einen seiner drei großen F&E-Standorte weltweit etabliert und betreibt dort eine Open-Innovation-Plattform. Das Unternehmen hat eine interne KI-Akademie aufgebaut, die Mitarbeiter in verschiedenen Funktionen und Regionen zu domänenspezifischen KI-Experten ausbildet. In der Forschung und Entwicklung wurden KI-Technologien erfolgreich implementiert, um die Innovationsfähigkeit zu verbessern. Covestro kooperiert zudem mit der Tongji-Universität Shanghai im Bereich KI-Forschung. AVEVA startete im September 2026 ein Industrial Intelligence Collaborative Innovation Program.
Die Kooperationen umfassen die gemeinsame Entwicklung von KI-Szenarien für intelligente Anlagensteuerung und digitalisierte Betriebsabläufe mit Wanhua Chemical, die Entwicklung von KI-Optimierungsagenten für die Raffinerieproduktion mit Sinopec RIPP sowie die gemeinsame Entwicklung von Prozesssimulationsagenten und den Aufbau eines Innovationslabors für intelligente Chemie mit dem DICP. Mit Zhongrui Tai Technology entsteht ein PAI-Agent, der vollständig an chinesische Betriebssysteme und Hardware-Ökosysteme angepasst ist. Weitere europäische Akteure wie Clariant, Evonik und Ineos unterhalten umfangreiche China-Operationen. Clariant investiert über 300 Millionen Euro in die Modernisierung von neun Produktionsstandorten und den Aufbau eines Weltklasse-F&E-Zentrums in Shanghai.
Chemieindustrie: Zwischen Wettbewerb und Kooperation
China hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem der dynamischsten Märkte für KI in der Chemieindustrie entwickelt. Die Kombination aus staatlicher Förderung, industrieller Skalierung und einer lebendigen Technologie-Startup-Szene schafft ein einzigartiges Ökosystem. Während chinesische Staatskonzerne wie Sinopec, CNPC und ChemChina die Infrastruktur und Skalierung vorantreiben, sind private Unternehmen wie Wanhua Chemical und Supcon Technology die treibenden Kräfte bei der praktischen Implementierung. Europäische Unternehmen, allen voran BASF, Covestro und AVEVA, sind nicht nur passive Beobachter, sondern gestalten die Entwicklung aktiv mit. BASF hat mit seinen Robotik-Partnerschaften, der XtalPi-Kooperation und dem Zhanjiang-Investment eine Vorreiterrolle eingenommen.
Die Herausforderung für europäische Akteure in der Chemieindustrie besteht darin, im Spannungsfeld zwischen europäischer Regulierung und chinesischer Innovationsgeschwindigkeit eine tragfähige Strategie zu entwickeln. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass sich die KI-Anwendungen von der Prozessoptimierung und prädiktiven Wartung hin zu autonomen Fabriken und KI-gesteuerter Materialentwicklung verlagern werden. Die im Aufbau befindlichen intelligenten Großmodelle in der Chemieindustrie und die zunehmende Integration von Quantencomputing in die chemische Forschung deuten darauf hin, dass China und Europa in einen intensiven Wettbewerb, aber auch in neue Formen der Kooperation eintreten werden.
Dr. Hans Joachim Fuchs ist geschäftsführender Gesellschafter der Chinabrand IP Consulting GmbH.