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Neue Wissensdatenbank Prof. Valmed: Zertifiziertes KI-Tool, aber ungeprüft?

Von Heiner Sieger 11 min Lesedauer

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Die Deutsche Telekom startet ihr zertifiziertes, KI-unterstütztes Medizinprodukt „Prof. Valmed" für Kliniken und Arztpraxen. Die CE-Zulassung ist belegt, aber eine Prüfung des Produktnamens erfolgte nicht.

Das zertifizierte KI-Tool Prof. Valmed der Telekom unterstützt Ärzte bei Diagnose und Therapie.(Bild:  Deutsche Telekom - generiert mit KI)
Das zertifizierte KI-Tool Prof. Valmed der Telekom unterstützt Ärzte bei Diagnose und Therapie.
(Bild: Deutsche Telekom - generiert mit KI)

Darum Geht'S

Problem: Ein CE-Siegel suggeriert lückenlose Prüfung – den Markennamen selbst hat nie jemand ethisch geprüft.

Kosten: Wer sich allein auf Zertifizierung und Namen verlässt, riskiert im Schadensfall ungeklärte Haftungsfragen.

Hebel: Ein einfaches Prüfraster zeigt, was CE-Zertifizierung allein nicht abdeckt.

Risiko: Wer den Produktnamen ungefragt akzeptiert, überlässt Autorität dem Marketing statt der Evidenz.

Die Deutsche Telekom bringt eine KI-Lösung namens „Prof. Valmed" in deutsche Kliniken und Arztpraxen. Entwickelt hat sie das Langener Start-up Prof. ValMed – validated medical information GmbH gemeinsam mit der Telekom. Die Software unterstützt Ärztinnen und Ärzte bei Diagnose- und Therapieentscheidungen und lässt sich in bestehende Krankenhaus- und Praxissysteme integrieren. Nach Unternehmensangaben ist sie das erste CE-Klasse-IIb-zertifizierte Large Language Model in Deutschland, das medizinische Entscheidungen fachübergreifend unterstützt. Vorgestellt wird das neue Medizinprodukt am 8. September 2026 auf der Digital X in Köln.

Uwe Heckert ist CEO der Detecon und COO von T Health.(Bild:  Deutsche Telekom)
Uwe Heckert ist CEO der Detecon und COO von T Health.
(Bild: Deutsche Telekom)

Uwe Heckert, CEO der Detecon und COO von T Health, kommentiert: „Ärztinnen und Ärzte brauchen schnellen Zugriff auf verlässliches medizinisches Wissen. Mit Prof. Valmed unterstützen wir sie direkt im Versorgungsalltag." Prof.-ValMed-Chefin Dr. Vera Roedel ergänzt: „Ärztinnen und Ärzte müssen nachvollziehen können, wie eine Empfehlung entsteht. Deshalb bezieht Prof. Valmed Anamnese, Krankengeschichte und den klinischen Kontext in jede Analyse ein."

Prof. Valmed bietet Wissensbibliothek als Fundament

 Die KI greift laut Telekom auf eine medizinische Wissensbibliothek mit mehr als 2,5 Millionen kuratierten und validierten Dokumenten zu. Anders als offene KI-Systeme nutze Prof. Valmed ausschließlich kontrollierte medizinische Quellen; jede Antwort sei nachvollziehbar und mit Quellen belegt. Technisch basiert das System auf einer geschlossenen Datenarchitektur mit RAG-Wissenssystem (Retrieval-Augmented Generation). Die Verantwortung für Diagnose und Therapie bleibe, so die Mitteilung, „jederzeit" bei den behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Geplant ist zudem, Prof. Valmed künftig aus der T-Cloud bereitzustellen; die Rechenzentren sind nach ISO 27001, BSI C5 und DIN EN 50600 zertifiziert.

Der Name selbst wirft eine Frage auf, die in der Pressemitteilung unbeantwortet bleibt: Warum trägt ein Softwareprodukt einen Titel, der in Deutschland für eine jahrelange akademische Qualifikation steht? Ein Name allein entscheidet selten über Vertrauen – außer er ist psychologisch aufgeladen. Genau das ist bei „Professor" der Fall.

Autoritäts-Bias im Praxisalltag

Der Titel löst nachweislich einen Autoritäts-Bias aus, auch bei Fachpersonal. Für ein System, das ärztliche Entscheidungen unterstützen, aber nicht ersetzen soll, ist das eine paradoxe Ausgangslage: Es will kritisch geprüft werden, wirkt aber schon im Namen wie eine Instanz, die man nicht prüft, sondern befragt. Dieses Phänomen ist letztendlich eine recht dreiste Vertrauens-Anleihe: Ein Produkt leiht sich Glaubwürdigkeit bei einer geschützten sozialen Kategorie, statt sie ausschließlich über Studien und Fehlerraten zu verdienen.

Wichtige Begriffe im Überblick

§ 132a StGB: Missbrauch von Titeln, betrifft natürliche Personen
MDR-Konformitätsbewertung: Zulassungsverfahren für Medizinprodukte, keine behördliche „Zulassung" im arzneimittelrechtlichen Sinn
Automation Bias: unkritische Übernahme automatisierter Empfehlungen
RAG – Retrieval-Augmented Generation: KI-Architektur mit angebundener Wissensdatenbank

Prof. ValMed: Antworten mit Lücken

Wir haben der Deutschen Telekom und Prof. Valmed zehn zugespitzte Fragen geschickt, von der Titelwahl über Automation Bias bis zur Haftungsfrage. Die Antworten liegen uns schriftlich und autorisiert vor. Zu zitieren ist laut Vorgabe der Telekom ausschließlich Dr. Vera Roedel. Ihre zentrale Aussage: „Autoritäts- und Automation Bias sind bekannte Phänomene, die bei der Entwicklung und beim Einsatz medizinischer KI berücksichtigt werden müssen. 

Aus der allgemeinen Forschung hierzu folgt aber nicht, dass die Marke Prof. Valmed bei medizinischen Fachkräften zu einer unkritischen Übernahme von Ergebnissen führt." Der Name verweise auf „validated medical information", nicht auf eine reale Qualifikation. Rechtlich stützt das die Position: § 132a StGB betrifft das persönliche Führen eines Titels durch eine Person – nicht eine Markeneintragung für ein Softwareprodukt.

Ethikprüfung von Prof. Valmed: Fehlanzeige

Rechtlich sauber ist nicht dasselbe wie ethisch geklärt. Auf die Frage, ob eine unabhängige Ethikkommission die Namenswahl geprüft habe, kommt die Antwort ohne Umschweife: Nein. „Eine solche Prüfung ist für Produktmarken weder das vorgesehene noch ein übliches Freigabeverfahren", so Roedel. Sie verweist stattdessen auf drei getrennte Ebenen – Markenregistrierung, MDR-Konformitätsbewertung durch eine Benannte Stelle, Kenntnisnahme durch die Marktüberwachungsbehörde. Keine dieser drei Ebenen bewertet jedoch, ob ein Autoritätstitel als Markenname psychologisch unbedenklich ist. Zertifiziert ist damit das Produkt – geprüft ist der Name nicht.

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Was Kliniken jetzt prüfen sollten

Für IT-Leitung und Praxismanagement heißt das konkret: Der Name ersetzt keine eigene Sorgfaltsprüfung. Wer „Prof. Valmed" oder vergleichbare KI-Systeme einführt, sollte unabhängig von der Marketingsprache eigene Kriterien für Nachvollziehbarkeit, Quellenoffenlegung und Schulung ansetzen – siehe Praxis-Check unten.

Praxis-Check: Was Vor der KI-Einführung zu beachten ist

  • Liegt eine unabhängige Validierungsstudie zu Fehlerraten vor – nicht nur die CE-Zertifizierung?

  • Wird jede Systemantwort mit einer prüfbaren Quelle hinterlegt?

  • Gibt es verpflichtende Schulungen zu Automation Bias für das Personal?

  • Wie oft und wo wird explizit vor unreflektierter Übernahme gewarnt?

  • Wer trägt vertraglich die Haftung im Schadensfall – Hersteller, Betreiber oder Arzt?

  • Werden Patientendaten aktuell schon in Deutschland verarbeitet oder erst nach Cloud-Migration?

  • Existiert ein Melde- und Vigilanzprozess für Fehlfunktionen?