DB Podcast

Steuer und E-Rechnung Chris Young von Vertex: KI muss sich Vertrauen erst verdienen

Das Gespräch führte Heiner Sieger 9 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

KI kann Steuerteams entlasten, aber nicht ihre Verantwortung übernehmen, sagt Vertex-CEO Chris Young. Entscheidend sind für ihn verlässliche Daten, Transparenz und Kontrollen, die mit der Automatisierung wachsen.

(Bild:  © PrabuanaAndika/stock.adobe.com)
(Bild: © PrabuanaAndika/stock.adobe.com)

EXECUTIVE SUMMARY

Steuerprozesse bestehen aus mehr als Steuerberechnung: KI kann Informationen zusammenführen, Abläufe erklären und Auffälligkeiten erkennen. Die fachliche Beurteilung soll aber beim Menschen bleiben.

Regulatorische Vorgaben verändern die Systeme: E-Rechnung und digitale Meldepflichten zwingen Unternehmen dazu, ERP- und Transaktionsflüsse genauer zu prüfen.

Automatisierung braucht abgestufte Kontrollen: Unternehmen sollten KI schrittweise mehr Aufgaben übertragen – und zugleich festlegen, wie sie Empfehlungen prüfen und die Nutzung bei Fehlern zurückstufen.

Sie kommen aus der Technologie- und Cybersicherheitsbranche. Was wird aus Ihrer Sicht bei der KI-Governance im Steuerwesen am häufigsten falsch eingeschätzt?

Chris Young: Ich möchte nicht für Steuerfachleute sprechen oder behaupten, ich wüsste, was sie falsch machen. Was ich aber sagen kann: Vertrauen ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Menschen neue Technologien annehmen.

Im Vergleich zu Bereichen wie Kundenservice oder Softwareentwicklung ist das Steuerwesen bei der Einführung von KI bislang eher zurückhaltend. Das ist nachvollziehbar. Steuerverantwortliche müssen darauf vertrauen können, dass die eingesetzten Systeme zuverlässig arbeiten. Bei der Steuerberechnung muss das Ergebnis stimmen. Auch bei der Rechnungsstellung und bei weiteren Arbeitsschritten müssen sich die Nutzer auf die zugrunde liegende Technologie verlassen können.

Das gilt ebenso für KI. Steuerteams müssen Vertrauen in die Antworten und Empfehlungen eines Systems haben – und in die Daten, auf denen diese beruhen. Datensicherheit und Datenschutz gehören deshalb zu den Grundlagen. Hinzu kommt Transparenz: Nutzer müssen nachvollziehen können, was die KI tut, und ihre Ergebnisse prüfen können. Sie müssen sehen können, wie ein Ergebnis zustande gekommen ist und ob es sich auditieren lässt. Für uns ist das ein wichtiger Teil der Entwicklung: Wir wollen KI-Funktionen bereitstellen, deren Arbeit für Kunden sichtbar und überprüfbar ist.

Ich sehe KI als Unterstützung in verschiedenen Teilen des Prozesses, aber nicht als Ersatz für die regelbasierte Steuerermittlung. Wenn eine Empfehlung dem Urteil eines Steuerexperten widerspricht, muss dieser die Möglichkeit haben, die Empfehlung zu prüfen und die Entscheidung selbst zu treffen.

Chris Young, CEO von Vertex

Frankreich führt verpflichtende E-Rechnungen schrittweise ein, in Deutschland stehen weitere Fristen an und die EU treibt mit ViDA die digitale Berichterstattung voran. Ist Vertex noch auf periodische Compliance ausgerichtet – oder bereits auf die einzelne Transaktion?

Chris Young: Wir haben uns in Richtung transaktionsbezogener Prozesse entwickelt. Das ist ein wichtiger Teil dessen, was wir heute am Markt anbieten. Wir arbeiten eng mit bestehenden und neuen Kunden zusammen, um sie bei den Vorgaben in Frankreich und bei weiteren nationalen Anforderungen zu unterstützen.

Auch in Deutschland bereiten sich Unternehmen auf die nächsten Schritte vor. Zugleich beobachten internationale Konzerne Anforderungen in weiteren Ländern. Spanien ist für viele europäische multinationale Unternehmen ein wichtiges Thema. Auch Vorgaben im Nahen Osten stehen auf ihrer Agenda. In Lateinamerika wiederum sind fortlaufende Transaktionskontrollen und elektronische Rechnungsprozesse in mehreren Märkten seit Jahren etabliert – etwa in Mexiko, Brasilien und Argentinien.Auch in Deutschland bereiten sich Unternehmen auf die nächsten Schritte vor. Zugleich beobachten internationale Konzerne Anforderungen in weiteren Ländern. Spanien ist für viele europäische multinationale Unternehmen ein wichtiges Thema. Auch Vorgaben im Nahen Osten stehen auf ihrer Agenda. In Lateinamerika wiederum sind fortlaufende Transaktionskontrollen und elektronische Rechnungsprozesse in mehreren Märkten seit Jahren etabliert – etwa in Mexiko, Brasilien und Argentinien.

Für global tätige Unternehmen ist das eine komplexe Aufgabe: Sie müssen Anforderungen in verschiedenen Ländern erfüllen, die sich nicht immer gleichen. Wir unterstützen sie dabei, diese Vorgaben in ihren Abläufen und Systemen abzubilden. Das betrifft nicht nur Europa, sondern Märkte weltweit.

Sie sagen, KI solle manuelle Arbeit verringern, aber nicht die regelbasierte Steuerberechnung ersetzen. Wo verläuft diese Grenze? Was sollte passieren, wenn eine KI-Empfehlung dem Urteil eines Steuerexperten widerspricht?

Chris Young: Die Steuer-Compliance ist ein Prozess mit vielen Schritten. Die Ermittlung und Berechnung der Steuer sind wichtige Bestandteile, aber nicht die einzigen. Hinzu kommen etwa Rechnungsstellung, Abstimmung, Abschlussarbeiten, Rückerstattungsprüfungen und Betriebsprüfungen.

Steuersysteme und elektronische Rechnungsnetzwerke bilden wichtige Grundlagen. Trotzdem müssen Beschäftigte in vielen Unternehmen Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen und verstehen, was im Prozess geschehen ist. Hier kann KI helfen: Sie kann Fragen beantworten, Abläufe erklären und Informationen so aufbereiten, dass Fachleute sie analysieren und beurteilen können. Sie kann auch einzelne Aufgaben übernehmen.

Die fachliche Verantwortung und das Urteil müssen jedoch beim Menschen bleiben. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Bei der Steuerberechnung muss das Ergebnis verlässlich sein – nicht nur in den meisten Fällen. Es darf nicht bloß geschätzt werden. Deshalb sehe ich KI als Unterstützung in verschiedenen Teilen des Prozesses, aber nicht als Ersatz für die regelbasierte Steuerermittlung. Wenn eine Empfehlung dem Urteil eines Steuerexperten widerspricht, muss dieser die Möglichkeit haben, die Empfehlung zu prüfen und die Entscheidung selbst zu treffen.

DER GESPRÄCHSPARTNER

Chris Young ist seit November 2025 CEO von Vertex. Zuvor war er in leitenden Positionen in der Technologie- und Cybersicherheitsbranche tätig. Er führte McAfee als CEO und begleitete die Ausgliederung des Unternehmens aus Intel. Von 2020 bis Anfang 2025 arbeitete er bei Microsoft, wo er sich unter anderem mit KI-Partnerschaften befasste. Zu seinen früheren Stationen zählen Cisco, EMC, VMware und Intel.

KI im Steuerwesen, KI-Steuer-Compliance, ViDA 2030, E-Rechnung in Europa, digitale Meldepflichten, ERP und Steuerautomatisierung
(Bild: Vertex)

Wenn KI zunehmend Auffälligkeiten erkennt, die Menschen früher manuell entdeckt haben: Wird der menschliche Prüfer dann nicht selbst zum schwächsten Glied – statt zur letzten Schutzinstanz?

Chris Young: Menschen prüfen und beurteilen heute bereits Ergebnisse. Zugleich übernehmen sie Aufgaben, die KI künftig teilweise unterstützen oder erledigen kann. Das ändert nichts daran, dass Menschen weiterhin für ihre Entscheidungen und fachlichen Urteile verantwortlich sein müssen.

Diese Verantwortung gibt es heute und sie wird auch in Zukunft bestehen. KI kann Anomalien erkennen, Informationen zusammentragen oder Empfehlungen geben. Die Entscheidung darüber, wie damit umzugehen ist, bleibt beim Menschen.

Ich glaube nicht, dass KI den Menschen dadurch automatisch zum schwächsten Glied macht. Im Gegenteil: Sie kann helfen, Abläufe zu verbessern und weitere Fehlerquellen aufzudecken. Wenn Unternehmen solche Probleme früher erkennen und beheben, kann das System effizienter und verlässlicher werden. Ziel sollte sein, Menschen bei ihrer Arbeit besser zu unterstützen – nicht, ihre Urteilskraft zu ersetzen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung