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Serie: KI-Technologie aus China KI-Offensive von China: KI-Systeme im Katastrophenschutz – Teil 29

Ein Gastbeitrag von Chang Luo 6 min Lesedauer

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In China wachsen derzeit Großmodelle, Sensoren, Kameras, Satelliten, digitale Lagebilder, Drohnen und autonome Roboter zu integrierten Systemen für den Katastrophenschutz zusammen. KI soll Gefahren erkennen, Informationen verdichten, Entscheidungen vorbereiten und auch Maschinen im Gefahrenraum steuern.

Die Drohne HZH XF100 von Nanjing Hongfei Aviation Technology wird zur Brandbekämpfung eingesetzt. (Bild:  Nanjing Hongfei Aviation Technology)
Die Drohne HZH XF100 von Nanjing Hongfei Aviation Technology wird zur Brandbekämpfung eingesetzt.
(Bild: Nanjing Hongfei Aviation Technology)

 Naturkatastrophen sind für China eine permanente Herausforderung. Überschwemmungen, Taifune, Erdrutsche, Erdbeben, Waldbrände und extreme Hitze treffen ein riesiges Land mit dicht besiedelten Metropolen und umfangreicher kritischer Infrastruktur. Entsprechend hoch bewertet die politische Führung in China den Katastrophenschutz. Künstliche Intelligenz soll das bisher überwiegend reaktive Notfallmanagement grundlegend verändern. Informationen sollen nicht erst nach Eintritt eines Ereignisses gesammelt und Maßnahmen koordiniert werden. Es entsteht ein kontinuierliches datengetriebenes System, das Gefahren erkennt, Lagebilder erzeugt, Auswirkungen abschätzt und Einsatzentscheidungen vorbereitet.

Den industriepolitischen Rahmen haben das chinesische Industrieministerium MIIT und das Ministry of Emergency Management im August 2026 weiter ausgebaut. Der neue Fünfjahresplan soll die chinesische Sicherheits- und Notfallausrüstungsbranche bis 2030 technologisch aufwerten und ihre Anwendungsbreite erheblich vergrößern. Für Schlüsselbereiche wird ein Produktionsvolumen von rund 180 Milliarden Euro angestrebt. Gleichzeitig sollen international konkurrenzfähige Spitzenunternehmen entstehen.

Damit verbindet China Katastrophenschutz mit Industriepolitik. Öffentliche Auftraggeber schaffen einen großen Referenzmarkt, auf dem Unternehmen neue Technologien entwickeln, erproben und skalieren können. Anschließend können die Systeme international vermarktet werden. Für europäische Hersteller von Sicherheits-, Feuerwehr-, Sensor-, Leitstellen- und Rettungstechnik entsteht damit eine neue Wettbewerbsdimension.

Katastrophenschutz: Entscheidend ist die Integration

Haishen Medical Technology hat die erste Rettungsdrohne für die Bergung von Personen unter schwierigen Bedingungen entwickelt. (Bild:  Haishen Medical Technology)
Haishen Medical Technology hat die erste Rettungsdrohne für die Bergung von Personen unter schwierigen Bedingungen entwickelt.
(Bild: Haishen Medical Technology)

KI wird bereits auf nahezu allen Ebenen des chinesischen Katastrophenschutzes eingesetzt. Computer Vision durchsucht Kamera- und Drohnenbilder nach Rauch, Feuer, überfluteten Straßen, beschädigten Deichen oder Erdrutschrisiken. Sensornetze überwachen Infrastrukturen, multimodale Modelle verdichten Informationen und Plattformen erstellen daraus aktuelle Lagebilder. Der eigentliche Technologiesprung liegt jedoch nicht in diesen Einzelanwendungen. Entscheidend ist ihre Integration zu einer durchgängigen Kette: Sensor und Kamera -> Satellit und Drohne -> Datenplattform -> multimodale KI -> Lagebild -> Entscheidung -> Einsatzmittel. Am Ende steht damit nicht mehr nur die Feststellung einer Gefahr. Ein System kann zunehmend empfehlen, welche Maßnahmen an welchem Ort erforderlich sind und welche Ressourcen dafür eingesetzt werden sollten.

China besitzt dafür günstige Voraussetzungen. Die Smart-City-Programme der vergangenen Jahre haben umfangreiche Kamera-, Mobilfunk-, Sensor- und IoT-Infrastrukturen geschaffen. Diese können zusätzlich für den Katastrophenschutz genutzt werden. Während eines Starkregenereignisses analysierte ein System in Shenzhen beispielsweise mehr als 243.000 Überwachungsbilder und identifizierte über 1.500 potenzielle Überflutungsrisiken einschließlich Standort und Beschreibung.

Jiu’an ist das Großmodell für den Katastrophenschutz

Besonders deutlich wird der chinesische Ansatz bei Jiu’an. Das gemeinsam mit Baidu entwickelte System ist kein allgemeiner Chatbot, sondern ein multimodales Großmodell speziell für Emergency Management. Es verarbeitet Text, Bilder, Videos und Sensordaten und kann Fachwissen etwa über Hochwasser, Gefahrstoffe oder industrielle Sicherheit einbeziehen. Jiu’an soll Gefahren erkennen, Lageinformationen erzeugen und aus Warnmeldungen konkrete Aufgaben für Einsatzorganisationen ableiten. Damit überträgt China das Prinzip vertikaler KI-Modelle auf eine staatliche Kernaufgabe.

Spezialisierte Anwendungen und KI-Agenten können auf einer gemeinsamen Modellbasis aufsetzen. Vereinfacht entsteht eine Architektur vom Sensor über Datenplattform und Großmodell bis zur Entscheidungs- und Einsatzunterstützung. Baidu entwickelte beispielsweise einen Agenten, der Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführt und daraus Entscheidungshilfen generiert.

Für Europa ist daran weniger die unmittelbare Übernahme des chinesischen Modells interessant als dessen Architektur. Die zentrale Frage lautet: Wie lässt sich ein domänenspezifisches Großmodell mit bestehenden Fachsystemen, Sensornetzen, Leitstellen und Datenbanken für den Katastrophenschutz verbinden, ohne die Kontrolle über Daten und Entscheidungen zu verlieren?

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Baidu baut das Emergency Brain

Kommerzielle Plattformanbieter entwickeln parallel komplette Systemarchitekturen. Baidu bietet mit seinem Smart Emergency Brain eine Plattform, die Videoanalyse, Satelliten- und Drohnenbilder, Lagebilder, Ressourcenmanagement und Entscheidungsunterstützung verbindet. Ergänzt wird sie durch eine Integrated Command & Decision Platform. Unterschiedliche Informationen, beispielsweise über Waldbrände, Bevölkerung, Unternehmensrisiken und verfügbare Einsatzmittel, können darin zu einem gemeinsamen Lagebild zusammengeführt werden.

Wie weit die Spezialisierung reicht, zeigt Baidus satellitengestütztes Tianyan-System. Es kann Waldbrände identifizieren und Informationen über Brandfläche, Ausbreitungsrichtung und gefährdete Infrastruktur liefern. Andere Anwendungen erkennen mit Kameras überflutete Straßen, Tunnel und Unterführungen sowie eingeschlossene Fahrzeuge oder Personen.

Eine gemeinsam mit dem National Early Warning Information Center entwickelte Anwendung setzt amtliche Warninformationen außerdem automatisiert in Videos mit Sprache, Animationen und Zusatzinformationen um. Die KI reicht damit von der Gefahrenerkennung über Lagebild und Einsatzplanung bis zur Information der Bevölkerung.