Drohnen übernehmen Inspektionen für den Katastrophenschutz
Besonders schnell entwickelt sich der Einsatz von Drohnen und Computer Vision. In Zhejiang kombinierten Behörden Drohnen, Infrarotkameras und KI-Bilderkennung zur Inspektion von Deichen. Lecks, Rutschungen und andere Schäden können automatisiert erkannt werden. Eine vollständige Inspektion, für die zu Fuß rund drei Tage benötigt wurden, lässt sich nach Behördenangaben auf ungefähr zwei Stunden verkürzen. Der wirtschaftliche Nutzen liegt auf der Hand. Große Infrastrukturen können häufiger kontrolliert werden, während Menschen gefährliche Bereiche nicht mehr selbst betreten müssen. Damit entsteht auch ein Markt für hochspezialisierte industrielle Anwendungen. Vergleichbare Systeme lassen sich für Brücken, Tunnel, Pipelines, Stromnetze, Industrieanlagen oder Hafeninfrastruktur entwickeln.
Der Emergency-Rescue-Roboter Lynx M20 von DeepRobotics kann medizinische Produkte oder Ausrüstung zu einsturzgefährdetem oder überflutetem Gelände bringen.
(Bild: DeepRobotics)
Die nächste Entwicklungsstufe ist Embodied AI. KI analysiert die Katastrophe dann nicht mehr ausschließlich aus der Distanz, sondern steuert Maschinen, die sich physisch im Einsatzgebiet bewegen. In Hangzhou wurde 2026 mit dem Flood Warrior ein KI-gestützter Roboter für Hochwassereinsätze erprobt. Das auf einer Plattform von Hangzhou DeepRobotics basierende System kombiniert ein Großmodell mit sichtbaren und infraroten Kameras sowie 5G-Kommunikation. Der Roboter soll umgestürzte Bäume, Deichschäden und eingeschlossene Personen erkennen, Risiken klassifizieren und Warnungen übertragen. Dabei kann er schwieriges Gelände und Wasser durchqueren.
Für Feuerwehr, technische Hilfsdienste und industrielle Notfallteams eröffnet das neue Möglichkeiten. Roboter können Bereiche erkunden, in denen Menschen durch Feuer, Chemikalien, Einsturzgefahr, Strahlung oder Hochwasser erheblich gefährdet wären. Langfristig können aus heutigen ferngesteuerten oder teilautonomen Systemen zunehmend eigenständig handelnde Einsatzplattformen werden. Hier steigt allerdings auch das Risiko. Ein Fehler eines Analysemodells produziert möglicherweise eine falsche Information, ein Fehler eines autonomen physischen Systems kann unmittelbar Menschen oder Infrastruktur gefährden. Mit Embodied AI steigen deshalb die Anforderungen an funktionale Sicherheit, Cybersecurity und menschliche Kontrolle erheblich.
Katastrophenschutz: Vom Pilotprojekt zum standardisierten Ökosystem
Strategisch besonders interessant ist, dass China die unterschiedlichen Technologien nicht als voneinander unabhängige Pilotprojekte betrachtet. Im Juni 2026 trat mit T/ISC 0104–2026 Safety Emergency Large-Scale Model bereits ein chinesischer Gruppenstandard für Großmodelle im Notfallmanagement in Kraft. An seiner Entwicklung waren neben Forschungseinrichtungen unter anderem China Unicom Digital Technology, China State Shipbuilding und Qi-Anxin beteiligt.
Damit zeigt sich ein Muster, das China bereits in anderen Zukunftsindustrien eingesetzt hat. Der Staat definiert strategische Ziele, öffentliche Auftraggeber schaffen Referenzanwendungen, Technologieunternehmen entwickeln skalierbare Plattformen und Standards erleichtern anschließend Integration und Verbreitung. Die industriepolitische Konsequenz reicht weit über KI-Software hinaus. Chinesische Unternehmen könnten künftig komplette Katastrophenschutzarchitekturen anbieten, vom IoT-Sensor über Kommunikation und Cloud bis zum Großmodell, zur Leitstelle, Drohne und zum autonomen Roboter.
Für europäische Hersteller verschiebt sich damit der Wettbewerb. Sie konkurrieren nicht mehr nur mit einem chinesischen Sensor-, Kamera- oder Drohnenhersteller. Ihnen können vertikal integrierte Anbieter gegenüberstehen, die große Teile der technologischen Wertschöpfungskette abdecken.
Kaufen, kooperieren oder benchmarken
Für europäische Akteure wäre es dennoch zu kurz gegriffen, chinesische Katastrophenschutz-KI lediglich als Importangebot oder Bedrohung zu betrachten. Sinnvoller ist eine Differenzierung zwischen Kauf, Kooperation und Benchmarking. Jiu’an eignet sich vor allem als Referenz für die Architektur vertikaler KI im Zivil- und Katastrophenschutz. Beim Baidu Smart Emergency Brain ist insbesondere interessant, wie unterschiedliche Informationsquellen in einer Leitstellenarchitektur verbunden werden. Chinesische Drohnen und Robotik können dagegen für Tests oder Beschaffung interessant sein, sofern Hardware, Kommunikationsmodule, Software und Fernzugriffe ausreichend kontrollierbar sind.
Stand: 16.12.2025
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Gerade bei kritischer Infrastruktur gelten jedoch andere Maßstäbe als bei gewöhnlicher Unternehmenssoftware. Katastrophenschutzsysteme verarbeiten Informationen über Verkehrswege, Gebäude, Versorgungsnetze, Einsatzkräfte, Schwachstellen und technische Anlagen. Vor einer Integration chinesischer Technologie muss deshalb geklärt werden, wo Daten verarbeitet werden, welche Fernzugriffe bestehen, wie Updates erfolgen und welche Abhängigkeiten von Hersteller-Clouds oder proprietären Schnittstellen entstehen. Auch die Interoperabilität ist entscheidend. Ein technologisch leistungsfähiges System hilft wenig, wenn es sich nicht zuverlässig in bestehende europäische Leitstellen, Kommunikationsnetze und Einsatzprozesse integrieren lässt.