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Serie: KI-Technologie aus China KI-Offensive von China: KI in der Pharmabranche – Teil 24

Ein Gastbeitrag von Dr. Lili Yang und Ping Liu 6 min Lesedauer

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Der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der pharmazeutischen Forschung entwickelt sich von einzelnen Pilotprojekten hin zu durchgängigen Prozessen. In China ist bereits ein Ökosystem in der Pharmabranche entstanden, das diese Pipeline als standardisierbare, exportfähige Infrastruktur versteht.

Die Plattform Intelligent Digital Drug Discovery and Development von XtalPi kombiniert künstliche Intelligenz, Quantenphysik und automatisierte Robotik.  (Bild:  XtalPi)
Die Plattform Intelligent Digital Drug Discovery and Development von XtalPi kombiniert künstliche Intelligenz, Quantenphysik und automatisierte Robotik.
(Bild: XtalPi)

Im Zentrum steht weniger die einzelne Anwendung als vielmehr die Idee, Biologie und Krankheitsverläufe als berechenbare Systeme zu behandeln und Forschung, Entwicklung und Zulassung in der Pharmabranche über große Datenräume und lernende Modelle zu orchestrieren.  In China entstehen Grundmodelle für die Biowissenschaften, die ganz unterschiedliche Datenformen zusammenführen: Genomdaten, Expressionsprofile, Proteinstrukturen, Bilddaten aus der Pathologie oder Radiologie sowie klinische Verlaufsinformationen. Unternehmen wie Baidu mit seiner BioMap-Plattform oder Tencent mit seiner Cloud-basierten Intelligent Drug Discovery-Lösung schaffen gemeinsame Bedeutungsräume, in denen Muster über Datengrenzen hinweg erkennbar werden. Damit lassen sich Subgruppen von Patientinnen und Patienten identifizieren, bei denen eine Erkrankung auf anderen molekularen Wegen verläuft, oder neue Angriffspunkte für Medikamente, die in klassischen, stärker hypothesengesteuerten Ansätzen kaum sichtbar wären.

Parallel dazu haben sich KI‑Ansätze für das Moleküldesign professionalisiert. Generative Modelle können heute nicht nur chemisch plausible Verbindungen erzeugen, sondern berücksichtigen bereits in der Entwurfsphase Eigenschaften wie Bindungsstärke, Löslichkeit, Stabilität und voraussichtliche Verstoffwechselung im Körper. In chinesischen Plattformen wie das KI-gestützte Arzneimitteldesign von XtalPi oder die Kombination aus KI und molekularer Simulation von DP Technology werden lernende Modelle oft mit physikalischen Simulationsverfahren kombiniert, so dass bereits vor der Synthese überprüft werden kann, ob sich ein Kandidat voraussichtlich an der gewünschten Zielstruktur anlagert oder ob toxische Effekte zu erwarten sind. Die Folge ist, dass deutlich weniger Verbindungen tatsächlich im Labor hergestellt und getestet werden müssen – Ressourcen lassen sich auf vielversprechendere Kandidaten konzentrieren, und die Zeit bis zu einem ersten klinischen Prüfpräparat verkürzt sich spürbar.

Dynamische Entwicklung entlang der klinischen Wertschöpfungskette

Die Entwicklung entlang der klinischen Wertschöpfungskette ist ausgesprochen dynamisch. Die gemeinnützige chinesische Plattform GHDDI hat mit AI Kongming ein End-to-End-KI-System entwickelt, das von der Target-Strukturanalyse über die molekulare Generierung bis zur Vorhersage der Verträglichkeit und Wirksamkeit im Körper reicht. Chinesische Anbieter wie Huawei Cloud mit seiner EIHealth-Plattform haben Plattformen aufgebaut, die den gesamten Lebenszyklus einer Studie mit KI‑Funktionen begleiten – von der Protokollplanung über die Durchführung bis zur Erstellung der Zulassungsunterlagen. Systeme analysieren große Mengen vergangener Studien und regulatorischer Entscheidungen, um Vorschläge für Einschlusskriterien, Endpunkte, Zeitpläne und Kontrollarme zu machen. Auf Basis künstlich erzeugter, aber realitätsnaher Patientendaten lassen sich zudem Szenarien für Rekrutierung, Abbruchquoten oder die Auswirkung engerer und weiterer Kriterien durchspielen. Für die Hersteller der Pharmabranche bedeutet das, dass sie bereits vor dem ersten Patientenbesuch besser verstehen, wie robust ein Studiendesign ist und wo Anpassungen sinnvoll sein könnten.

In einem Fall hat eine chinesische Plattform für ein umfangreiches Zulassungsdossier innerhalb weniger Arbeitstage mehrere Tausend Seiten an Berichten, Tabellen und Anhängen erzeugt, die klassischerweise über Monate verteilt manuell zusammengestellt worden wären. Die Systeme greifen dabei auf strukturierte Studiendaten zu, fügen automatisch die geforderten Textbausteine in verschiedenen Sprachen ein und achten auf formale Konsistenz quer über alle Dokumentteile. Für global agierende Unternehmen mit parallelen Einreichungen in China, Europa und den USA ist ein solcher Automatisierungsgrad ein erheblicher Wettbewerbsvorteil.

Neben den klassischen Pipeline‑Schritten in der Pharmabranche entstehen in China integrierte digitale Gesundheitsplattformen, die für Forschung und Entwicklung wichtiger werden. Angebote wie große Gesundheits‑Apps kombinieren Telemedizin, Online‑Apotheken, Gesundheitsprogramme und klinische Dienstleistungen in einer einzigen digitalen Umgebung und erreichen Reichweiten im dreistelligen Millionenbereich. Hinter dieser Nutzeroberfläche laufen KI‑Systeme, die Symptome vorsortieren, Risiken einschätzen, Behandlungsvorschläge unterstützen, Medikationsverläufe auswerten und Hinweise auf unerwünschte Wirkungen frühzeitig erkennen. Aus Sicht der Arzneimittelentwicklung entsteht hier ein Datenraum, der weit über traditionelle klinische Studien hinausgeht: reale Verläufe im Alltag, Adhärenz, Abbrüche, Begleiterkrankungen und regionale Unterschiede im Verschreibungsverhalten werden sichtbar und lassen sich in Forschung und Zulassung zurückspiegeln.

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Entstehung hybrider Kooperationsmodelle

Für europäische Unternehmen stellt sich damit nicht mehr die Frage, ob KI in Forschung und Entwicklung genutzt wird, sondern welche Rolle chinesische Akteure in dieser neuen Landschaft spielen sollen. Tatsächlich greifen große Konzerne aus Europa bereits auf chinesische Plattformen zurück, allerdings sehr selektiv.

Das französische Pharmaunternehmen Sanofi hat eine Partnerschaft mit Insilico Medicine geschlossen, um deren KI-Plattform zur Beschleunigung der Arzneimittelentwicklung zu nutzen. Wo Leistungen sich als klar umrissene Dienste kapseln lassen, etwa bei der automatisierten Erstellung, Strukturierung und Übersetzung von Studienunterlagen oder bei analytischen Modulen in der Studienplanung, werden chinesische Anbieter als Effizienzverstärker in globale Prozesse eingebunden. Man nutzt die Geschwindigkeit und Kostenvorteile, ohne das eigene Forschungsmodell grundsätzlich zu verändern.

Auch Lizenz‑ und Co‑Entwicklungsvereinbarungen mit chinesischen Biotech‑Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle rund um KI‑gestützte Plattformen organisiert haben, gewinnen an Gewicht. Laut einem Bericht von 36Kr wurden zwischen März und August 2025 Transaktionen mit einem Gesamtwert von mehreren Milliarden US-Dollar zwischen chinesischen KI-gesteuerten Arzneimittelforschungsunternehmen wie Insilico Medicine und XtalPi und multinationalen Konzernen abgeschlossen, darunter auch europäische Pharmariesen. Die europäischen Partner erwerben dabei oft Lizenzen für bestimmte Wirkstoffkandidaten oder Plattformfunktionen.