DB Podcast

Europas Tech-Zukunft Technologie-Weltspiele 2040: 20-Billionen-Frage für Europa

Von Heiner Sieger 6 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Im Technologie-Sektor entsteht ein 20-Billionen-Euro-Markt bis 2040 – doch Europa droht, nur Zuschauer zu bleiben. Eine neue Studie zeigt, wo noch Chancen bestehen.

(Bild:  © Paweł Michałowski/stock.adobe.com)
(Bild: © Paweł Michałowski/stock.adobe.com)

Executive Summary

Problem: Europa fällt im globalen Technologierennen zurück – trotz starker Forschung.

Kosten: Ohne Kurswechsel verpasst Europa Anteile an einem Markt von 20 Billionen Euro.

Hebel: Drei Strategiewege zeigen, wo Europa noch Führung sichern kann.

Risiko: Wer zögert, überlässt Schlüsseltechnologien dauerhaft den USA und China.

Der Wettlauf um 20 Billionen Euro

Dreißig Technologiefelder entscheiden in den kommenden 15 Jahren über die globale Wirtschaftsmacht von morgen. Das zeigt die neue Studie „The 2040 Technology Gameplan" der Strategieberatung Roland Berger. Ihr gemeinsames Marktvolumen soll sich von heute 2,5 Billionen Euro auf mehr als 20 Billionen Euro fast verzehnfachen. Welche drei Wege der Studie zufolge über Europas Anteil entscheiden, zeigt der Blick auf die Details.

Der Anteil dieser Zukunftsfelder an der globalen industriellen Wertschöpfung soll von derzeit rund neun Prozent auf 37 Prozent im Jahr 2040 steigen. Mehr als ein Drittel der weltweiten industriellen Wertschöpfung würde damit aus Bereichen stammen, die heute noch als Nischenthemen gelten – von Energiespeichern über Quantentechnologien bis zu humanoider Robotik.

Halbleiter, KI und Data Center

Nicht alle 30 Trends wiegen gleich schwer. Die Studie identifiziert 14 Schlüsseltechnologien mit besonderer industrieller Relevanz. Ihr erwartetes Marktvolumen: rund 16 Billionen Euro. Allein drei Bereiche – Halbleiter, KI-Systeme und Rechenzentren – stehen für mehr als die Hälfte dieser Summe.

Diese Konzentration ist kein Zufall. Sie zeigt, wo die Infrastruktur der kommenden Technologiegeneration entsteht: in Chip-Fabriken, GPU-Clustern und den Systemen, die künstliche Intelligenz erst skalierbar machen. Doch Produktionskapazität allein reicht nicht. Der Halbleiterhersteller ASML weist darauf hin, dass eine erfolgreiche europäische Chipstrategie nicht nur Fertigung schaffen müsse, sondern vor allem einen funktionierenden Absatzmarkt für in Europa produzierte Halbleiter. Ohne europäische Nachfrage – etwa durch heimische Hyperscaler und KI-Anbieter – bleibt jede neue Fabrik auf tönernen Füßen.

Key Takeaways / Praxis-Check

Marktvolumen einordnen: 20 Billionen Euro bis 2040 verteilen sich ungleich – Halbleiter, KI und Rechenzentren dominieren mit über 50 Prozent der 16 Billionen Euro im Kernsegment.

Strategie prüfen: Unternehmen sollten ihr Technologiefeld einer der drei Kategorien zuordnen – globale Führung, europäischer Fokus oder Lokalisierung ausländischer Partner.

Nachfrageseite mitdenken: Produktionskapazität allein reicht nicht – ohne europäischen Absatzmarkt (etwa durch heimische Hyperscaler) bleiben neue Fabriken wirtschaftlich fragil.

Regulierung zweiseitig bewerten: Mehr Industriepolitik kann Skalierung ermöglichen oder zusätzliche Komplexität schaffen – entscheidend ist die konkrete Umsetzung, nicht die Ankündigung.

Investitionshorizont verlängern: Kurzfristige Pilotprojekte reichen nicht – gefragt sind langfristige Technologiewetten mit Fokus auf Skalierbarkeit.

Einzelfeld statt Gießkanne: Nicht jedes der 30 Technologiefelder ist für jedes Unternehmen relevant – die Studie liefert eine Landkarte, keine Blaupause.

Europas Ausgangslage

Europa forscht exzellent. Der Kontinent verfügt über eine starke industrielle Basis. Trotzdem hat er in den vergangenen Jahrzehnten gegenüber den USA und China an Boden verloren. Die Studie nennt drei Gründe: fehlende Skalierung, geringere Kapitalverfügbarkeit und institutionelle Komplexität.

In einigen Feldern hält Europa dennoch gute Karten – etwa bei Quantentechnologien und Medizintechnik. „Für Europa ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag: Politik und Industrie müssen an einem Strang ziehen und die richtigen Rahmenbedingungen für Investitionen und Skalierung schaffen. Sonst findet die Wertschöpfung der künftigen Technologietrends nicht auf dem Kontinent statt", sagt Felix Mogge, Partner bei Roland Berger.

Insgesamt könnte Europa laut Studie bis 2040 rund 20 Prozent des globalen industriellen Marktpotenzials der 14 Top-Trends bedienen. Das entspräche einem Wert von etwa 3 Billionen Euro – vorausgesetzt, die richtigen Weichen werden jetzt gestellt.

Drei möglich Strategiewege für Europa

Die Studie unterscheidet drei Herangehensweisen, je nach Ausgangslage des jeweiligen Technologiefelds:

  • Globale Marktführung. Bei Microgrids, Quantentechnologien, Medizintechnik und Carbon Capture verfügt Europa über starke Forschungs- und Maschinenbaupositionen. Eine Führungsrolle ist hier realistisch – wenn Finanzierungs- und Kommerzialisierungslücken geschlossen werden.
  • Fokus auf Europa. Nicht jedes Feld erfordert globalen Führungsanspruch. Bei autonomer Verteidigung, humanoider Robotik oder Ladeinfrastruktur reicht die eigene Nachfrage, kombiniert mit sicherheitsrelevanten Anforderungen und gezielter Förderung, um erhebliches Marktpotenzial zu erschließen.
  • Lokalisierung. Bei KI-Sprachmodellen oder Halbleitern der neuesten Generation ist der Abstand zur Weltspitze bereits zu groß. Hier bleibt als pragmatischste Option, ausländische Technologieanbieter vor Ort anzusiedeln – um wenigstens den Zugang zu kritischen Technologien zu sichern.

„Europa hat die Technologien und Talente, um in einigen Bereichen im globalen Wettbewerb mitzuspielen. Wir müssen jetzt für jedes Technologiefeld die passende Strategie wählen, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern", sagt Stefan Riederle, Partner bei Roland Berger.

ZUR STUDIE

Zur Studie: „The 2040 Technology Gameplan“ von Roland Berger basiert auf der Datenbank des Roland Berger Advanced Technology Center mit mehr als 400 regelmäßig bewerteten Technologietrends. Mittels KI-gestützter Clustering-Verfahren und Experteninterviews wurden daraus 30 zentrale Zukunftstrends destilliert, bewertet nach disruptivem Potenzial, erwartetem Marktvolumen bis 2040 und Kommerzialisierungszeitraum. Daraus leiten die Autoren 14 besonders relevante Trends für Industrieunternehmen und politische Entscheidungsträger ab. Die vollständige Studie steht auf der Website von Roland Berger zum Download bereit. 

Transparenzhinweis: Die Studiendaten stammen aus der Roland-Berger-eigenen Datenbank und sind nicht unabhängig verifiziert. Die Redaktion hat ergänzend unabhängige Industrie- und Verbandsstimmen recherchiert, um die Studienthesen kritisch einzuordnen.

Über Roland Berger: Roland Berger, 1967 gegründet und mit Hauptsitz in München, ist eine Strategieberatung mit europäischen Wurzeln. Das Unternehmen erzielte 2025 einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro.

Die Rolle der Politik – und ihre Grenzen

China und die USA fördern ihre Zukunftstechnologien seit langem gezielt und politisch flankiert. Europa hingegen fehlt in vielen Feldern noch eine klare industriepolitische Linie. Bestehende Programme – AI Act, EU-Batterieverordnung, European Chips Act – bleiben laut Studie hinter ihren eigenen Ambitionen zurück.

Die Autoren empfehlen EU-weite Initiativen, die Skaleneffekte ermöglichen, höhere Risikobereitschaft fördern und Planungssicherheit schaffen. Doch genau hier widerspricht ein Teil der Industrie der Studien-Logik.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

BDI-Hauptgeschäftsführerin Iris Plöger bestätigt zwar den Befund zur institutionellen Komplexität, benennt aber ein Tempo-Problem: Der Markt bewege sich in Monatszyklen, europäische Planungsverfahren dagegen in Jahreszyklen. Mehr Koordination allein löst dieses Problem nicht – sie kann es sogar verschärfen, wenn zusätzliche Abstimmungsebenen entstehen.

Bitkom-Vertreter Lukas Klingholz geht weiter: Zu komplexe und teure Regelkonformität – etwa durch den AI Act – könne selbst zum Standortnachteil werden. Auch Siemens warnte zuletzt, europäische Regulierung könne Industrieunternehmen gegenüber den USA und China benachteiligen und Investitionen aus dem Kontinent herauslenken.

Damit steht die zentrale Studienthese vor einem Zielkonflikt: Mehr politische Steuerung soll Skalierung ermöglichen – kann aber, wenn sie als zusätzliche Regulierungslast ankommt, genau das Gegenteil bewirken. Die Studie selbst benennt dieses Risiko nicht explizit. Für Unternehmen bedeutet das: Die Forderung nach „mehr Industriepolitik" ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob neue Programme Komplexität abbauen oder addieren.

Handlungsdruck für Unternehmen

Die Politik ist nicht allein in der Pflicht. Auch Unternehmen müssen liefern. Die Studie fordert langfristige Technologiewetten statt kurzfristiger Pilotprojekte. Neue Technologien müssen schneller in marktfähige Lösungen überführt werden – Skalierung und Wettbewerbsfähigkeit vor technischer Perfektion.

Für Industrieunternehmen im deutschen Mittelstand heißt das konkret: Wer als Zulieferer oder Ausrüster in einem der 14 Schlüsselfelder aktiv ist, sollte jetzt prüfen, in welche der drei Strategiekategorien sein Marktsegment fällt. Die Antwort entscheidet darüber, ob Investitionen in eigene Marktführerschaft, in europäische Nischenpositionen oder in Partnerschaften mit außereuropäischen Anbietern sinnvoller sind. Gleichzeitig gilt: Wer auf staatliche Förderprogramme setzt, sollte deren Umsetzungstempo kritisch prüfen – die Kluft zwischen politischer Ankündigung und operativer Wirkung ist beim Chips Act bereits heute sichtbar.

Heiner Sieger

ist Chefredakteur des e-commere magazins und des Digital Business Magazins.

Bildquelle: WIN-Verlag