Mit welchen Lösungen arbeiten denn Russland und China? Diese Staaten nutzen doch auch US-amerikanische Software, Computer und Prozessoren – können sie dann auch Opfer einer US-Ausspähung werden?
Florian von Brunn ist Mitglied des Bayerischen Landtags für die SPD.
(Bild: Milk & Honey PR)
Florian von Brunn: „Eigentlich schade – wir hätten ja exzellente Universitäten (zum Beispiel die Exzellenzuniversitäten in München) und forschen genug – so wurde über Jahre im Bereich der neuronalen Netze geforscht, und ich selbst war kürzlich im Leibniz-Rechenzentrum, wo es aus Baden-Württemberg photonenbasierte Prozessoren gibt. Wir haben also diese ganze Forschung, und ich bin selbst sei ein Fan einer starken industriellen Basis, aber wir investieren nicht genug – das Problem liegt in der Wirtschafts- und Förderpolitik.
Außerdem sind wir in unserer Wirtschaftspolitik zu verengt, weil wir keine emissionsorientierte Wirtschaftspolitik machen. Das heißt: Wir sagen nicht klar, dass wir in einem Bereich – sei es Energiewende oder digitale Souveränität – mit viel Geld etwas erreichen wollen. Weil wir das nicht tun, entstehen daraus Nachteile: Wenn der Staat nicht investiert und private Investoren ebenfalls fehlen, wirkt sich das negativ aus.Darüber hinaus müsste der Staat stärker involviert werden. Schaut man sich an, sind alle Kernfeatures des iPhones Aspekte aus Militär, Raumfahrt und staatlicher Förderung, wie GPS, Siri und Co. Also sollte auch der Staat in Deutschland hier mehr tun.“
Eileen Walther: „Außerdem können Angreifer auch prima Infrastruktur, die sie nicht selbst betreiben, hacken. Für große Spionage-Kampagnen von Nationalstaaten werden weiterhin vor allem viele Hacker benötigt, auch wenn KI-Agenten heutzutage schon mehr Arbeit übernehmen können – und beide genannten Länder haben nunmal sehr viel Kapazität zur Verfügung, um feindliche Staaten anzugreifen.“
Silvia Reischer: „China arbeitet hauptsächlich mit eigenen Produkten – zum Beispiel Alibaba und mit eigenen KI-Systemen. Bereits 2006 hat China in seiner nationalen Wissenschaftsstrategie erklärt, dass es bis 2049 völlig autark sein und in allen Technologiefeldern führend sein will – und hat das Schritt für Schritt umgesetzt. DeepSeek ist ein gutes Beispiel für chinesische KI-Anwendungen. China ist im Bereich der Quantenkommunikation bereits vor den USA. In Deutschland sind wir Risikokapital nicht gewöhnt – jeder spart oder baut sein Häuschen. Und dann kommt das Schlimme: US-amerikanische Investoren kommen und kaufen unsere Start-ups auf, weil wir selbst nicht investieren können oder wollen. Wir haben hierzu keine langfristige Agenda.“
Der Philosoph Markus Gabriel schlägt vor, ethische KI in der EU zu entwickeln – hier könnte Europa in einem Teilbereich aufholen. Was halten Sie von dieser Idee?
Florian von Brunn: „Ich weiß nicht, ob wir überhaupt eine ethische KI brauchen – oder ob nicht genau das der richtige Weg ist, was die EU mit dem AI Act bereits gemacht hat: klare Verbote festzulegen, zum Beispiel dass kein Social Scoring mit KI betrieben werden darf. Eine ethische KI an sich kann ich mir dagegen kaum vorstellen – mit Kennzeichnungspflicht und der Frage, wer festlegt, welche Ethik die richtige ist. Da kommen dann schnell auch Religionen ins Spiel, und ich wüsste nicht, wie man das verbindlich festlegen sollte. Es geht daher eher darum, einen Rahmen zu setzen: Alle KI-Systeme, egal wo sie entwickelt und betrieben werden, sollten sich an denselben europäisch festgelegten Rahmen halten. Vielleicht ist der EU AI Act also eher die Antwort – ethische KI wird nicht möglich sein.“
Silvia Reischer ist Senior Advisor beim cyberintelligence.institute und ehemalige Abteilungsleiterin beim BND.
(Bild: Milk & Honey PR)
Silvia Reischer: „Wenn man von Large Language Models wie ChatGPT spricht, sind wir zu spät dran, weil wir das Geld dafür nicht investieren. Das Know-how in der Wissenschaft ist vorhanden – das ist kein Problem –, aber wir können nicht skalieren. Betrachtet man dann ethische KI: Die EU hat bereits Regularien, wie mit KI umgegangen werden soll und was die Mindestvoraussetzungen sind. Nimmt man China als Negativbeispiel: Dort müssen die Systeme die Parteidoktrin wiedergeben – man kann zwar kritische Fragen zur chinesischen Regierung stellen, aber es kommt immer eine sozial beziehungsweise politisch adäquate Antwort heraus. Im positiven Sinne gedacht, müsste eine ethische KI genauso trainiert werden, dass sie entsprechend filtert.
Das passiert bei großen Sprachmodellen schon heute, etwa wenn Fragen wie "Wie baue ich einen Molotow-Cocktail" blockiert werden. Allerdings gibt es Wege, solche Sperren mit entsprechenden Fragestellungen oder anderen Tools zu umgehen. Deshalb ist der Gedanke von Markus Gabriel zwar ehrbar, aber er hat als Philosoph – ohne technischen oder naturwissenschaftlichen Hintergrund – möglicherweise weniger Verständnis dafür, dass sich solche Filter umgehen lassen. Was soll am Ende dabei herauskommen? Das ist letztlich eine philosophische Frage.“
Fehlt den Unternehmen in Deutschland und Europa das Verständnis von Souveränität, oder ist da das Budget für digitale Souveränität einfach nicht vorhanden?
Eileen Walther ist General Manager DACH bei Northwave Cyber Security.
(Bild: Milk & Honey PR)
Eileen Walther: „Beides fehlt ihnen. Erstens ist es eine komplizierte und relativ neue Aufgabe. Man hat sich damit noch nicht so auseinandergesetzt. Die Intransparenz ist groß, das macht es schwierig. Das digitale Ökosystem ist komplex, es gibt viele Dienstleister und Zulieferer, und die Abhängigkeiten sind entsprechend gegeben. Das heißt, es muss erst einmal auf die strategische Agenda kommen – aus der IT-Abteilung heraus – und das zurecht, weil am Ende auch die Geschäftsführung für das Risikomanagement verantwortlich ist. Dann muss die Strategie noch umgesetzt werden, und das Budget muss in die Hand genommen werden, um auch die Konsequenzen der Souveränität mitzutragen. Da geht es natürlich um Budget, aber auch um andere Faktoren.
Das fängt jetzt gerade erst an. Aber ich muss auch sagen: Wir haben momentan viele Kunden, die sich zumindest anfangen, damit auseinanderzusetzen. Das finde ich schon mal ganz positiv. Gleichzeitig wissen wir aber auch selbst: Auch wir sind weiterhin unglaublich abhängig von US-amerikanischer Technologie, und wir sprechen kontinuierlich darüber, wie wichtig Souveränität ist. Wir selbst müssen natürlich genau die gleiche Aufgabe leisten wie unsere Kunden auch, weil auch unser eigener Technologie-Stack von amerikanischer Technologie geprägt ist und wir kontinuierlich auf der Suche nach europäischen Alternativen sind, die es aber oft nicht gibt. Daher verstehen wir in dem Sinne den Schmerz auch selbst, weil wir ihn auch haben.
Wenn es keine europäische Alternative gibt – weil es sie in bestimmten Security-Bereichen oder für bestimmte Softwarelösungen einfach nicht gibt – dann ist es zumindest gut, technologieagnostisch zu arbeiten. Das heißt, wir sagen: Wir können sowohl mit der einen als auch mit der anderen Lösung arbeiten, am besten auch mit mehreren Lösungen parallel – je nachdem, auf welcher Ebene des Stacks wir uns befinden – und wir können wechseln. Vor allem können wir unseren Kunden dadurch mehr Wahlfreiheit geben und je nach Bedarf unterschiedliche Lösungen nutzen.“
Stand: 16.12.2025
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