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Souveräne IT-Infrastruktur Digitale Souveränität: Wie Unternehmen diese in 12 Monaten erreichen

Ein Gastbeitrag von Bernd Korz 5 min Lesedauer

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Cloud Act, Lock-in oder KI-Tools: Abhängigkeit zeigt sich oft erst im Einkaufsgespräch – oder wenn Preise steigen. Wer digitale Souveränität erreichen will, startet bei Anwendungen, behandelt Mitarbeiter wie Geschäftspartner und verlagert die Infrastruktur erst später.

(Bild:  © Antto-AI/stock.adobe.com - generiert mit KI)
(Bild: © Antto-AI/stock.adobe.com - generiert mit KI)

Darum Geht's

Reihenfolge entscheidet: Für die digitale Souveränität sollten zunächst die Anwendungen portabel gemacht, dann die Architektur angepasst und zuletzt die Infrastruktur migriert werden.

Drei Leitplanken sichern Erfolg: Portabilität, offene APIs und Modularität sowie die konsequente Einbindung von Mitarbeitern und Partnern.

Digitale Souveränität spart Kosten: Praxisbeispiele zeigen teils deutlich geringere Betriebsaufwände auf europäischer Infrastruktur.

Nehmen wir einen mittelständischen Maschinenbauer als Beispiel. Der Betrieb verkauft in regulierte Branchen, hat Service-Teams in mehreren Ländern und einen Betriebsrat, der bei neuen Tools genau hinschaut. Der digitale Alltag ist „State of the Art": Microsoft 365 und Teams, HubSpot als CRM, Google Analytics auf den Websites. Für Texte nutzt das Marketing ChatGPT und Claude. Videos liegen bei YouTube als „unlisted"-Links, also Videos, die nicht öffentlich auffindbar sind.

Dann kommt der Moment, den viele kennen: Ein Großkunde fragt im Vergabeprozess nicht mehr nach Features, sondern nach Herkunft, Zugriff, Datenflüssen und Exit. Spätestens jetzt ist digitale Souveränität kein Buzzword, sondern Risikomanagement. Als Unternehmer sehe ich immer wieder den gleichen Reflex: erst Infrastruktur, dann der Rest. Das wird groß, teuer und scheitert an Akzeptanz. Realistischer ist der Weg andersherum: erst Anwendungen und Datenflüsse, dann Architektur und Infrastruktur. So bleibt der Betrieb arbeitsfähig — und die Organisation lernt, wie Wechsel überhaupt funktionieren.

Drei Leitplanken, die das Projekt digitale Souveränität voranbringen

Erstens ist Portabilität Pflicht. Wer Daten nicht sauber exportieren kann, kann nicht wechseln. Zweitens: Offene Schnittstellen schlagen „Suite-Komfort". Modularität ist der Notausgang. Drittens kommen Menschen zuerst. Jede Migration ist auch ein Kommunikationsprojekt — Mitarbeiter und Geschäftspartner müssen wissen, was sich wann ändert und wo sie Hilfe bekommen.

Monate eins bis zwei: Change-Prozess für digitale Souveränität anstoßen

Wir starten nicht mit 80 Seiten Analyse, sondern mit einer Top-12-Liste: Office, Kollaboration, Filesharing, Video, CRM, Marketing-Automation, Analytics, Support, Identity, Passwortmanager, KI-Tools, Hosting. Zu jedem Punkt beantworten wir vier Fragen: Welchem Recht unterliegt der Anbieter? Welche Daten fließen wohin? Wo steckt Lock-in in Formaten, APIs und Workflows? Und wie sähe ein Exit in Wochen und nicht in PowerPoint aus? Parallel bauen wir den Change-Prozess: Pilotgruppen, Champions pro Bereich, kurze Trainingsformate und eine “Switch”-Sprechstunde. Und wir informieren wichtige Partner frühzeitig — sonst nutzen Externe weiter alte Links und interne Teams weichen aus.

Monat 3: Quick Wins, die sofort Wirkung zeigen

Als erstes ersetzen wir Google Analytics durch Matomo. Das ist ein gutes Einstiegsthema, weil es sichtbar ist, aber das Kerngeschäft nicht blockiert. Wir lassen vier Wochen parallel messen, damit Marketing und Vertrieb Vertrauen in die Zahlen bekommen — und damit niemand später sagt: „Mit dem neuen Tool kann man nicht arbeiten."

Das zweite Quick-Win-Thema ist Video. HR, Training und Support hängen daran, und trotzdem liegt es oft auf Plattformen, die nicht für Unternehmenskommunikation gebaut sind. Wir holen kritische Inhalte in europäisches Videohosting. Bei alugha ist der Hebel besonders stark, weil Mehrsprachigkeit und Barrierefreiheit mitgelöst werden. Open-Source-Alternativen wie PeerTube können je nach Zweck passen, bringen aber typischerweise nicht das komplette Enterprise-Feature-Set und die KI-Workflows mit. Wer das verschweigt, verliert später die Akzeptanz.

Monate vier bis sechs: Kollaboration, Meetings, Office und Filesharing

Jetzt gehen wir an die Tools, die jeden Tag offen sind. Für Chat und Kollaboration setzen wir auf Element, für Videokonferenzen auf OpenTalk. Das funktioniert nur, wenn man Regeln mitliefert: Wo laufen Projektchats, wie werden Gäste eingebunden, wie werden Daten aufbewahrt, wie sieht der Support aus? Ohne Leitplanken entsteht Schatten-IT.

Office migrieren wir schrittweise, nicht missionarisch. Das Ziel ist pragmatisch: 80 Prozent der Dokumente müssen sofort funktionieren. Dafür standardisieren wir Vorlagen, klären Makros und definieren Austauschformate. Collabora Online kann dabei als europäischer Anker dienen. Die browserbasierte Office-Umgebung lässt sich in Nextcloud integrieren. Für den Sommer planen Nextclud und Ionos zudem mit dem Euro-Office eine weitere, interessante Alternative.

Der Umstiegspfad folgt immer demselben Muster: Pilotgruppe, Parallelbetrieb, Rollout mit Training. Und ja: In den ersten Wochen wird es Diskussionen geben. Wer das vorher offen kommuniziert, gewinnt Akzeptanz — und spart sich Eskalationen. Beim Filesharing ziehen wir konsequent nach: Nextcloud ersetzt den „Dateien überall"-Wildwuchs und schafft klare Projekträume für externe Partner — inklusive Rechte, Versionen und nachvollziehbarer Freigaben.

Monate sieben bis neun: CRM und Marketing-Automation

Jetzt wird es geschäftskritisch. HubSpot hängt in Formularen, E-Mail-Strecken und Reporting. Deshalb migrieren wir entlang der Customer Journey: erst Kontakte und Listen, dann Formulare und Landingpages, dann Pipelines und Automationen. Als Alternative setzen wir auf Brevo; falls der Bedarf es verlangt, prüfen wir zusätzlich weitere Lösungen etwa bei sehr komplexen Sales-Prozessen. Der wichtigste Erfolgsfaktor ist Kommunikation: Vertrieb, Marketing, Service und Agenturen brauchen ein gemeinsames Playbook, sonst entstehen doppelte Datenstände.

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KI behandeln wir in dieser Phase pragmatisch: Für unkritische Aufgaben können Teams externe Modelle weiter nutzen — aber mit klaren Regeln. Für sensiblere Inhalte binden wir europäische Alternativen wie Mistral ein. Eigene On-prem-Modelle sind die Kür: Das lohnt sich erst, wenn Fachleute Betrieb, Sicherheit und Qualität absichern können. Ohne Support wird daraus kein Souveränitätsgewinn, sondern ein neues Risiko.

BereichUS-AnbieterEU-AlternativeAlternativen
AnalyticsGoogle AnalyticsMatomoeTracker, Piwik Pro
VideoYouTubealughaPeerTube
KollaborationTeams, SlackElementMattermost, Rocket Chat
MeetingsTeams, ZoomOpenTalkLaSuite, Jitsi, BigBlueButton
OfficeMicrosoft 365Collabora OnlineLibreOffice, OpenDesk, OnlyOffice, EU-Office (in Kürze)
FilesharingOneDrive, DropboxNextcloudownCloud, Seafile
CRMHubSpotBrevoOdoo, SuperOffice
Marketing-AutomationHubSpot, US-ToolsBrevoCleverReach, rapidmail
KIChatGPT, ClaudeMistralEigene On-prem-Modelle
Cloud-InfrastrukturAWS, Microsoft Azure, GCPHetzner, OVHcloudExoscale
Object StorageAWS S3Ionos, OVHcloud, Hetzner S3je nach Workload

Monate zehn bis zwölf: Infrastruktur und Storage

Erst wenn Anwendungen portabler sind, lohnt der große Block. Dann kann man Workloads und Storage Schritt für Schritt auf europäische Infrastruktur bringen, ohne den Betrieb zu gefährden. Bei alugha war das nicht teurer, sondern messbar günstiger — und das sind keine Schätzwerte, sondern eigene Betriebserfahrungen: Selbst-gehostete Transkription lag bei einem Zehntel vergleichbarer US-Cloud-Dienste, Server-Hosting bei rund einem Drittel und CDN-Leistungen bei etwa einem Viertel der Kosten. Wer Lizenz- und Betriebskosten ernst nimmt, sollte digitale Souveränität als Kostenhebel betrachten.

Digitale Souveränität: Was am Ende zählt

Nach zwölf Monaten ist ein Unternehmen nicht immer vollständig „unabhängig". Aber es kann zu europäischen Alternativen wechseln. Wer Mitarbeiter und Geschäftspartner konsequent mitnimmt, Standards für Portabilität setzt und den Umstieg in gut umsetzbaren Etappen plant, baut echte Resilienz auf — ohne ideologischen Überbau bei erheblicher Kosteneinsparung.

Bernd Korz alughaBernd Korz
ist Gründer und CEO der alugha GmbH, einer europäischen Videoplattform mit Sitz in Mannheim. Er begleitet Organisationen seit über zehn Jahren beim Aufbau datensouveräner Video-Infrastrukturen, ist Mitglied der Bundesfachkommission KI und Wertschöpfung 4.0 des Wirtschaftsrats Deutschland und Kolumnist beim t3n Magazin.

Bildquelle: alugha GmbH