Deutschlands Krankenhäuser sind längst kranke Häuser. Mehr als jede zweite Klinik schreibt rote Zahlen, Dutzende sind insolvent, und bei der Digitalisierung liegt das Land weit zurück. Das ist kein vorübergehendes Tief, sondern eine Systemkrise. Liegt in der Krankenhausreform ein Ausweg?
Deutschlands Kliniken hängen am Tropf. „2026 wird ein Schicksalsjahr für die Krankenhäuser", sagte Dr. Gerald Gaß, Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft e. V., bereits zum Jahresbeginn. Jetzt legte er nach: Vor wenigen Tagen, Mitte Juni, veröffentlichte das DigitalRadar-Konsortium seine aktuellen Messwerte: Der digitale Reifegrad der deutschen Kliniken ist gestiegen. Klingt gut. Ist es aber nur zur Hälfte. Denn während große Häuser Maßstäbe setzen, fallen die kleinen weiter zurück. Die Krankenhausreform will die Krankenhäuser fit für die Zukunft machen.
Prägnantes Beispiel für den lebensbedrohlichen Zustand: Im November 2025 startete der Medizin Campus Bodensee – ein Klinikverbund mit den Standorten Friedrichshafen und Tettnang und rund 1.700 Beschäftigten – ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Der Verbund kämpfte seit Jahren mit dauerhaften Verlusten. Die Stadt Friedrichshafen, bis dahin Trägerin, zog sich zurück. Sie konnte sich den Betrieb schlicht nicht mehr leisten. Am 31. Mai 2026 schloss die Klinik Tettnang mit 140 Betten endgültig. 325 Beschäftigte verloren ihren Job. Eine Region verlor ihre stationäre Versorgung. Der Medizin Campus Bodensee ist kein Einzelfall. Er steht exemplarisch für das, was in Deutschland gerade passiert. Schlimmer noch: Auch für das, was noch droht.
Krankenhausreform: Rote Zahlen, wohin man schaut
56 Prozent der deutschen Krankenhäuser wiesen für das Geschäftsjahr 2024 einen Jahresverlust aus. Das zeigt der Krankenhaus Rating Report 2025 auf Basis der Jahresabschlüsse der rund 1.850 Häuser im Land. 2020 waren es noch 22 Prozent. Der Anstieg ist kein Ausreißer. Er ist ein Trend – und er setzt sich fort. 2025 meldeten bereits 27 Krankenhausträger Insolvenz an. Mit einer Krankenhausreform will die Bundesregierung dagegen halten.
Dr. Gerald Gaß ist Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft e. V.
(Bild: DKG/Lopata)
Die Zahlen dahinter sind meist brutaler als die Prozentwerte. Rund zehn Milliarden Euro klaffen strukturell zwischen Einnahmen und Ausgaben für die Patientenversorgung – so schätzt es die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Mit dem Wegfall des teilweisen Inflationsausgleichs kamen noch einmal vier Milliarden Euro obendrauf. Bei etwa jeder zweiten Klinik reichen die Liquiditätsreserven noch für zwei Wochen Betrieb. Nicht zwei Monate. Zwei Wochen. „Die Lage der Krankenhäuser ist so schlecht wie noch nie", sagte DKG-Chef Dr. Gerald Gaß. Rund 70 Prozent schreiben demnach rote Zahlen, ein Drittel gilt als insolvenzbedroht. Der Verband der Ersatzkassen (vdek) bestätigt: Die Zahl der Insolvenzverfahren hat sich binnen zwei Jahren mehr als verdoppelt.
Innerhalb von zwei Jahren meldeten bundesweit bereits 48 Kliniken Insolvenz an. Allein 2025 schlossen das St. Marien-Hospital Vreden mit 110 Betten, die Helios Klinik Schkeuditz mit 150 Betten, das Krankenhaus St. Raphael Ostercappeln mit 174 Betten sowie die beiden Standorte der Kplus Gruppe in Solingen und Haan mit zusammen mehr als 500 Betten. Überproportional betroffen: freigemeinnützige Träger – sie stellen rund 70 Prozent aller Insolvenzfälle. Regional konzentriert sich das Kliniksterben auf Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz.
In Rheinland-Pfalz gilt inzwischen fast jede dritte Klinik als akut insolvenzbedroht.Die politische Antwort darauf heißt Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz. Ein verbales Ungetüm, das die Probleme, die es lösen soll, mühelos übertrifft. Die Krankenhausreform sieht Konsolidierung vor: Weniger Häuser und mehr Spezialisierung. Eine Folgenabschätzung im Auftrag der DKG kommt zu einem unbequemen Befund: In einem Drittel der Regionen würde sich die Versorgung nicht verbessern – sondern verschlechtern.
Die zweite Krise: Krankenhäuser sind digital abgehängt
Wer glaubt, die Finanzkrise sei das einzige Problem, schaut sich auf der falschen Baustelle um: 2017 lag der digitale Reifegrad deutscher Krankenhäuser auf der internationalen EMRAM-Skala (EMRAM steht für Electronic Medical Record Adoption Model – ein internationales Messmodell für den digitalen Reifegrad von Krankenhäusern) im Schnitt bei 2,3 von 7 möglichen Punkten. Der EU-Durchschnitt: 3,6. Kleine Häuser unter 200 Betten kamen im Mittel sogar nur auf 1,3 Punkte. Der Gesetzgeber reagierte 2020 mit dem Krankenhauszukunftsgesetz und stellte 4,3 Milliarden Euro für IT und Digitalisierung bereit.
Das Geld hat etwas bewegt. Das Digital-Radar-Konsortium maß 2024 einen mittleren Reifegrad von 42,1 Punkten – gegenüber 33,0 Punkten im Jahr 2021. Ein Plus von 27 Prozent. Der Anteil der Kliniken mit Breitbandanschluss kletterte von 43 auf 93 Prozent. Klingt nach echten Fortschritten. Doch wer genauer hinschaut, sieht die Kehrseite: Maximalversorger, also die großen Unikliniken, erreichten 51,9 Punkte. Grundversorger, die kleinen Häuser in der Fläche, kamen auf 38,3 Punkte. Die Schere öffnet sich. Wer arm ist, digitalisiert langsam. Wer langsam digitalisiert, verliert Effizienz. Wer Effizienz verliert, schreibt schneller rote Zahlen. Ein tödlicher Kreislauf.
Stand: 16.12.2025
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Denn in der Praxis bedeutet das: Es fehlt an Interoperabilität: Wo Systeme nicht miteinander sprechen, entstehen Medienbrüche. Wo Medienbrüche entstehen, verliert das Personal Zeit. Zeit kostet Geld. Und Geld fehlt hinten und vorne in den meisten Kliniken. Und die Kliniken haben noch eine zweite Achillesferse: 57 Prozent der Ärzte nannten in einer Bitkom-Erhebung von 2025 langwierige Zertifizierungs- und Genehmigungsverfahren als konkreten Bremsklotz für digitale Projekte. 72 Prozent sagten, dass strenge Datenschutzvorgaben Innovationen behindern. Das sind keine Meinungen. Das sind Messwerte. „Digitalisierung darf nicht an den Außenmauern des Krankenhauses enden", fordert der Bitkom e. V. Der Satz beschreibt den Ist-Zustand präzise. Er trifft auf zahlreiche kranke Häuser mehr zu denn je zu.