Beim mittelständischen Pneumatik-Spezialisten ITV in Bielefeld ist jeder zweite Mitarbeiter über 50 Jahre alt. Mit einer KI-basierten Lernplattform für Reverse Mentoring will der Hersteller nun den Wissenstransfer zur nächsten Generation einleiten – stößt dort aber (noch) an Grenzen.
ITV entwickelt und produziert Pneumatik-Produkte für nahezu alle Industriebereiche.
(Bild: ITV GmbH)
Darum Geht'S
Wissen lässt sich aufschreiben, Erfahrung aber nicht: ITV zeigt, warum Handbücher bei über 40 Jahre eingespielten Handgriffen und Kundengesprächen an ihre Grenzen stoßen – und was das für den Mittelstand bedeutet.
Die Lernplattform P3L strukturiert vorhandenes Wissen zu Anleitungen und Quizfragen. Doch sie verarbeitet nur, was vorher eingefangen wurde. Der eigentliche Engpass liegt vor der Technologie.
Mitarbeiter der Gen Z bleiben oft nur drei bis fünf Jahre im Betrieb, nicht mehr 20 oder mehr Jahre. ITV zeigt mit Reverse Mentoring, wie Wissenstransfer zum Dauerprozess wird statt zum einmaligen Projekt.
Schwarz auf weiß zu sehen, dass wir überaltert sind – das war noch mal eine ganz andere Nummer, als die Ergebnisse unserer Mitarbeiterauswertung auf meinem Schreibtisch lagen. Ich leite die ITV GmbH, einen mittelständischen Pneumatik-Spezialisten aus Bielefeld. 56 Prozent unserer Belegschaft sind über 50 Jahre alt – vom Lager bis zur Geschäftsführung. In den kommenden drei Jahren gehen unsere langjährige Einkaufsleiterin und erfahrene Kräfte im Außendienst in Rente. Schlüsselpersonen bleiben noch drei bis fünf Jahre. Was viele Mittelständler ahnen, aber verdrängen, lag bei uns plötzlich in knallharten Zahlen vor. Die Frage lautete nicht mehr ob, sondern wie schnell wir reagieren.
Was unterscheidet Wissen von Erfahrung?
Wissen sind Zahlen, Daten, Fakten. Man schreibt sie auf, fertig. Erfahrung funktioniert anders. Ein Monteur greift zum Hebel, dreht ihn in einem bestimmten Winkel – und plötzlich funktioniert, was vorher klemmte. Diesen Griff hat niemand dokumentiert. Er sitzt einfach, nach 30 Berufsjahren. Auch im Vertrieb zählt Erfahrung mehr als Wissen. Ein Kunde ruft verärgert an. Welcher Tonfall beruhigt ihn? Wann gibt der Verkäufer nach, wann bleibt er hart? Das steht in keinem Handbuch – und genau das macht es für uns so schwer zu greifen.
Reverse Mentoring: Wissentransfert per Lernplattform
Seit Anfang 2026 nutzen wir intensiv für Reverse Mentoring die Lernplattform P3L. Das System baut aus vorhandenen Inhalten Anleitungen, Lernhäppchen und Quizfragen. Es strukturiert Wissen und macht es für alle Mitarbeitenden zugänglich. Doch die Plattform verarbeitet nur, was ich vorher einfange. Füttere ich sie mit einer Datei, macht P3L daraus etwas Brauchbares. Die entscheidende Frage bleibt offen: Woher kommt die Datei? Wie gelangt Erfahrung aus den Köpfen und Händen meiner Mitarbeitenden überhaupt aufs Papier? Genau hier liegt für uns der eigentliche Engpass.
Erfahrungsmanagement versus Wissensmanagement
Wissensmanagement dokumentiert Fakten, Prozesse und Daten – etwa in Handbüchern oder Datenbanken. Erfahrungsmanagement erfasst zusätzlich implizites Können: Intuition, Handgriffe und soziale Kompetenzen, die sich nicht in Regeln fassen lassen. KI-Tools wie P3L verarbeiten vor allem Ersteres. Den Transfer von Erfahrung sichern zusätzliche Methoden wie Interviews oder Videoaufnahmen mit der externen Unterstützung einer professionellen Nachfolgeberatung.
Erfahrung richtig zu Papier bringen
Der Rat „Schreib doch mal auf, was du machst“ bringt wenig. Erfahrene Mitarbeitende wissen oft selbst nicht, wo sie anfangen sollen. Nach 30 Jahren laufen viele Handgriffe quasi unbewusst und automatisch ab. Wir arbeiten deshalb mit einer Beratung für Generationenwechsel aus Bielefeld zusammen. Ihr Ansatz: weg von Word-Dokumenten, hin zu Videos und Audios. Und weg von leeren Vorlagen und hin zu besseren Fragen.
Konkrete Fragen bringen Geschichten hervor: „Erinnere dich an die letzte Reklamation. Was hast du gemacht? Und warum?“ Solche Antworten nehmen wir als Audio oder Video auf. Erst danach verarbeitet die KI das Material weiter. Drei Gründe sprechen für diesen Ansatz:
Audio und Video fangen Tonfall, Zögern und Betonung ein. Details, die in reinem Textformat verlorengehen würden.
Strukturierte Interviews zu kritischen Momenten zeigen die wichtige Entscheidungslogik, nicht nur die reinen Ergebnisse.
Die Generation Z bringt neue Herausforderungen
Während ich das Wissen der Babyboomer sichere, wächst das nächste Problem heran: Fluktuation. Durch Reverse Mentoring habe ich gelernt: Für viele jüngere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bedeutet „lange bleiben“ heute drei bis fünf Jahre. Nicht mehr 20 oder 30. Das hat zur Folge, dass sich neben der Unternehmenskultur im Allgemeinen auch im Speziellen die Einarbeitungszeit grundlegend verändern muss. Eine lange Phase des Ankommens können wir uns nicht mehr leisten. Neue Mitarbeitende müssen schnell produktiv werden. Verlassen sie das Unternehmen nach wenigen Jahren, nehmen sie ihr Wissen wieder mit. Wissenstransfer wird also zum Dauerauftrag, nicht zum einmaligen Projekt.
Was macht Wissenstransfer im Mittelstand erfolgreich?
Vier Faktoren waren für die Einführung von entscheidend:
Ehrlichkeit: Die perfekte Lösung habe ich nicht. Ich experimentiere, scheitere und lerne weiter.
Vertrauenskultur: Wissenstransfer funktioniert nur, wenn Mitarbeitende sich wertgeschätzt fühlen und keine Angst vor Ersetzbarkeit haben.
Generationenverständnis: Reverse Mentoring öffnete mir die Augen für die Bedürfnisse der Gen Z nach Führung und Feedback.
Was ist Erfahrungsmanagement? Im Unterschied zum klassischen Wissensmanagement erfasst Erfahrungsmanagement implizites Können wie Handgriffe, Intuition und soziale Kompetenzen, die sich nicht in Handbüchern festhalten lassen.
Kann KI Erfahrung allein dokumentieren? Nein. KI-Tools wie unsere Lernplattform P3L verarbeiten nur Material, das ich vorher produziere, etwa über Interviews sowie Audio- oder Videoaufnahmen.
Warum verlässt die Gen Z Unternehmen schneller? Viele jüngere Mitarbeiter definieren in der Schnelllebigkeit unserer Zeit Loyalität ganz neu. Drei bis fünf Jahre gelten bereits als lange Betriebszugehörigkeit, nicht mehr Jahrzehnte.
Wie startet ein Mittelständler mit Erfahrungsmanagement? Eine Mitarbeiterauswertung zeigt den Handlungsdruck – das war auch bei uns der erste Schritt. Strukturierte Interviews zu konkreten Situationen liefern danach erstes Rohmaterial für die KI-gestützte Aufbereitung.
Reverse Monitoring: KI ersetzt nicht die Vorarbeit
KI strukturiert Wissen. Sie übernimmt aber nicht die mühsame Arbeit davor: Erfahrung einfangen, dokumentieren, zugänglich machen. Diese Arbeit kostet Zeit, Geld und vor allem Vertrauen. Mittelständler, die vor demselben demografischen Wandel stehen wie wir, sollten jetzt mit Reverse Mentoring anfangen. Eine Mitarbeiterbefragung schafft Klarheit über das Ausmaß. Strukturierte Interviews mit erfahrenen Kräften sichern wichtiges Material. Und eine Kultur, die Wissen wertschätzt, statt Ersetzbarkeit zu fürchten, macht den Rest erst möglich.
Stefanie Bindzus ist Geschäftsführerin der ITV GmbH.
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