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Digitale Transformation in Unternehmen: Es geht um mehr als nur Technik

Verantwortlicher Redakteur:in: Heiner Sieger 4 min Lesedauer

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Die digitale Transformation geht weit über die Aufgaben der Informatik hinaus und betrifft unmittelbar auch die Philosophie, Soziologie und Psychologie. Sie kann für Unternehmen selbst, aber auch die Gesellschaft insgesamt, nur dann zur Erfolgsgeschichte werden, wenn die Entscheider die vielfältig verknüpften Einflussfaktoren in ihrem Vorgehen berücksichtigen.

(Quelle:  lassedesignen / Shutterstock.com)
(Quelle: lassedesignen / Shutterstock.com)

Industrie 4.0, Augmented Reality, künstliche Intelligenz werden im Zusammenhang mit der digitalen Transformation allenthalben diskutiert. Dabei beschreibt der Begriff digitale Transformation in Unternehmen einen fundamentalen Wandel. Es geht darum, die gesamte Wertschöpfungskette mit allen Beteiligten und über die gesamte Produktlebensdauer hinweg vollständig zu automatisieren.

Digitale Transformation in Unternehmen: Nicht nur Datenfluss

Dabei sollen alle relevanten Informationen medienbruchfreien in Echtzeit vom Vorprodukthersteller, über den Endverbraucher bis hin zum Entsorger immer an die richtige Stelle fließen. Vorbedingung für diesen fundamentalen Wandel ist, dass alle im Gesamtprozess beteiligten Akteure, Maschinen und Werkstücke von der Wiege bis zur Bahre des Produktes alle Informationen allen anderen Beteiligten zur Verfügung stellen. Diese Informationen sollen dann unverfälscht und rechtzeitig immer dann genau an der Stelle zugänglich sein, wo sie auch für die Entscheidung gebraucht wird.

Der Mensch bleibt in diesem neuen Entscheidungsprozess schon allein deshalb weitgehend außen vor, weil er die Informationsflut gar nicht schnell genug verarbeiten könnte. In diesem System würde der Mensch also eher durch irrationale diskretionäre Eingriffe als Störfaktor in Erscheinung treten. Damit wandelt die digitale Transformation das Verhältnis Mensch-Maschine also radikaler als jede industrielle Revolution zuvor. Sascha Lobo, omnipräsenter Digitalisierungserklärer, beschreibt diesen Wandel folgendermaßen: „Je klüger die Maschine, desto weniger gut ausgebildet muss die Person sein, die an oder mit ihr arbeitet – und desto geringer die Personalkosten.“ Lobos Beschreibung verweist überdeutlich darauf, dass die digitale Transformation weit über die Aufgaben der Informatik hinausgeht und unmittelbar auch die Philosophie, Soziologie und Psychologie betrifft.

Holistisches Verständnis für Neuerungen

Unzweifelhaft ist, dass die digitale Transformation technologie-affinen Menschen und innovationsfreudigen Unternehmen mit einem holistischen Verständnis der Neuerungen enorme Möglichkeiten eröffnet. Diese Möglichkeiten beziehen sich beispielsweise auf die hohe Flexibilität der Fertigung, die Möglichkeit kleinster Losgrößen kostengünstig herzustellen, die zunehmenden ergänzenden Dienstleistungsangebote beim Angebot haptischer Produkte und auch die Verbesserung der Arbeitskonditionen als Argument der Personalakquise im „War for Talents“. Beim „War for Talents“ geht es speziell darum, dass die Unternehmen ihre Arbeitsbedingungen nun besser an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden ausrichten. Die Idee ist, dass selbstbestimmtes, räumlich und zeitlich flexibles Arbeiten in der postindustriellen Ära auch nach Corona für viele Standard ist und eine strukturierte partnerschaftliche Personalentwicklung in den Betrieben ernsthaft betrieben wird.

Es wäre also ein ernsthafter Fehler, mit der digitalen Transformation allein gute technische Innovationen zu adressieren und die entscheidende Rolle von Mensch und Gesellschaft bei diesem Umbruch auszuklammern. Hier zeigt sich, dass die digitale Transformation für die Unternehmen selbst aber auch die Gesellschaft insgesamt nur dann zur Erfolgsgeschichte werden kann, wenn die Entscheider die vielfältig verknüpften Einflussfaktoren in ihrem Vorgehen berücksichtigen.

Doch der Erfolg der digitalen Transformation in den Unternehmen hängt eben nicht nur von den Entscheidungen der eigenen Geschäftsführung ab, sondern vor allem auch von den Entscheidungen der Politik. In ihrer Rolle als Enabler muss die Politik die drängenden Aufgaben zusammen mit den relevanten gesellschaftlichen Anspruchsgruppen angehen. Unmittelbar ist die Politik dabei beispielsweise aufgerufen, Innovationen nicht nur über Subventionen zu unterstützen, sondern auch über das Bildungssystem und die Medien eine innovationsaffine gesellschaftliche Grundstimmung zu fördern.

Bedenkliche Versäumnisse

Eine weitere drängende Aufgabe für die Politik und die gesellschaftlichen Anspruchsgruppen liegt beim Ausbau der digitalen Infrastruktur. Hier offenbarte die Corona-Pandemie jahrzehntelange Versäumnisse in Deutschland. Mit einer Mischung aus blockierender Bürokratie, der gelebten Lust am Sparen und dem Glauben, erst eine perfekte, deutsche Lösung haben zu müssen, steht man sich hierzulande bezüglich Innovationen schon länger selbst im Weg. Dies belegt beispielsweise auch der Digital Quality of Life Index (DQL-Index) des britischen Tech-Unternehmen Surfshark. Bei diesem Ranking erringt Deutschland gleich hinter Estland, Österreich und der Schweiz beziehungsweise noch vor Neuseeland, Spanien und Australien den 16. Platz.

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Dabei schneidet Deutschland vor allem deshalb nicht noch schlechter ab, weil es beim Datenschutz großzügig punktet. Dieses Abschneiden ist schon allein deshalb überaus bedenklich, weil die digitale Transformation in Unternehmen ein wesentliches Element im Standortwettbewerb ist und darüber hinaus auch ein wesentliches Element im Systemwettbewerb zwischen West und Ost. So erkennen wir schon lange, dass China versucht, über eine Vorreiterrolle im technischen Bereich auch einen strategischen Vorteil für die eigene geopolitische Position zu erlangen. Die Risiken dieses machtpolitischen wirtschaftlichen Handelns Chinas blenden etliche wirtschaftliche und politische des Westens bislang noch allzu oft aus. Hinsichtlich dieses blinden Flecks ist die Politik des Westens gefordert, eine konsistente Position zu entwickeln und durchzuhalten.

Zusammenfassend bleibt also festzuhalten, dass die digitale Transformation den innovationsfreudigen Unternehmen und Gesellschaften enorme Vorteile in Aussicht stellt. Um diese Vorteile tatsächlich zu realisieren, müssen Wirtschaft, Forschung und Politik etliche drängende Aufgaben nachdrücklicher angehen als bislang. Diese Aufgaben reichen vom Ausbau der digitalen Infrastruktur und dem Aufbau eines innovationsfördernden Bildungssystems, über die gesellschaftliche Einigung auf einen Konsens zum Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine bis hin zur Durchsetzung einer Strategie im geopolitischen Systemwettbewerb. Denn letztlich ist gute Technik nur ein einzelner Baustein beim Erfolg der digitalen Transformation.

(Bild: Duale Hochschule Mannheim)
(Bild: Duale Hochschule Mannheim)

Der Autor: Prof. Dr. Stefan Heng ist Autor, Vortragsredner und Professor für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Mannheim. Er forscht zu den wirtschaftlichen Aspekten der digitalen Transformation; aktuell speziell zu den Themen Augmented Reality, Sharing Economy und Industrie 4.0.

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