DB Podcast

Serie: KI-Technologie aus China – Teil 34 KI-Offensive von China: Agentische KI – der Beijing-Effekt

Ein Gastbeitrag von Von Dr. Lili Yang, Dr. Yang Song und Chang Luo 6 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

China baut derzeit die günstigste und schnellste Infrastruktur der Welt für agentische KI – mit offenen Agentenplattformen wie OpenClaw, Inferenzkosten im Cent-Bereich und starker politischer Unterstützung. Daraus könnte ein Beijing-Effekt entstehen: das Phänomen, dass chinesische Technologien, Plattformen und Ökosysteme weltweit Standards prägen.

(Bild:  © 2April/stock.adobe.com)
(Bild: © 2April/stock.adobe.com)

Analog zu dem von Anu Bradford beschriebenen „Brussels Effect“ setzt China dabei durch Marktgröße, Innovationskraft, industrielle Stärke und digitale Ökosysteme faktisch globale Maßstäbe – ohne andere Staaten direkt dazu zu verpflichten. Die nächste Stufe der KI-Initiative heißt nicht mehr KI-Chatbot, sondern agentische KI. Während prompt-basierte Assistenten lediglich auf Zuruf antworten, handeln KI-Agenten in unserem Namen. Sie nehmen Aufgaben entgegen, nutzen Werkzeuge, rufen Schnittstellen auf und führen ganze Arbeitsschritte aus.

Agentische KI geht noch einen Schritt weiter und arbeitet als Planer, Stratege und teils autonomer Akteur mit dem Menschen zusammen. Aus Sicht der chinesischen Industriepolitik ist das ein Programm. KI soll die gesamte Wertschöpfung vernetzen, Warenströme lenken und Angebot wie Nachfrage austarieren. Für europäische Unternehmen, die in diesem Umfeld operieren, verschiebt sich damit die strategische Frage weg vom einzelnen Anwendungsfall hin zum Betriebsmodell.

Agentische KI: Vom Agentic Mess zum Agentic Mesh

Agentische KI verzahnt die Wirtschaft. (Bild:  Chinabrand IP Consulting – mit KI generiert)
Agentische KI verzahnt die Wirtschaft.
(Bild: Chinabrand IP Consulting – mit KI generiert)

Der häufigste Fehler bei der Konzeption ist der Glaube an den einen Super-Agenten, der alles kann. In der Praxis entsteht daraus ein Agentic Mess, ein Wildwuchs isolierter Insellösungen, die niemand orchestriert und kontrolliert. Erfolgreiche Architekturen setzen stattdessen auf ein Agentic Mesh, ein vernetztes System aus mehreren kleinen spezialisierten Agenten, die koordiniert zusammenarbeiten. Dieses Netz ist weniger ein Werkzeug als ein Betriebssystem für produktive KI im Unternehmen. Sein Wert entsteht nicht aus einer einzelnen Funktion, sondern aus der Kombinierbarkeit der Bausteine und einem kumulativen Skalierungseffekt. Entscheidend ist dabei eine Reihenfolge, die in vielen Pilotprojekten umgekehrt wird. Governance kommt zuerst. Ohne Transparenz, klare Verantwortlichkeiten und definierte Leitplanken lässt sich agentische KI nicht skalieren.

Genauso wichtig ist die richtige Granularität. AI-Agenten mit einem zu engen Aufgabenprofil erfüllen den Agentenbegriff nur eingeschränkt. Sind sie dagegen zu breit angelegt, fällt es ihnen schwer, den jeweils relevanten Kontext zuverlässig zu erkennen. Als Faustregel haben sich Agenten mit drei bis zehn Themen und je drei bis fünf Aktionen bewährt. Das ist eng genug, um zuverlässig zu sein und breit genug, um Mehrwert zu schaffen.

Die chinesische Plattformbasis und OpenClaw

China verfügt inzwischen über ein weit entwickeltes Plattformökosystem für agentische KI. Für CRM und Service-Cloud bieten sich das Alibaba Business Operating System und die Huawei Cloud an, für die Sprachverarbeitung im Mandarin-Umfeld Tencents NLP-Dienste, für maschinelles Lernen das quelloffene Baidu-Framework PaddlePaddle. Der Kundenzugang läuft häufig über WeChat-Mini-Programme. IoT-Anbindung und Predictive Maintenance lassen sich etwa über den Alibaba IoT Hub abbilden, während Omni-Channel-Service über Plattformen wie Udesk umgesetzt werden kann. Diese Verankerung im lokalen Ökosystem ist kein Nachteil, sondern kann je nach Branche, Datennutzung und Geschäftsmodell wesentlich dazu beitragen, Kundennähe und regulatorische Anschlussfähigkeit herzustellen.

Aufmerksamkeit verdient OpenClaw als quelloffene Plattform für agentenbasierte KI. Ihr Reiz ist offensichtlich: Agenten agieren autonom über APIs, Werkzeuge und Softwareumgebungen hinweg und ermöglichen eine dauerhafte, workflowbasierte Automatisierung – bei sehr niedrigen API- und Inferenzkosten, die der intensive Wettbewerb der chinesischen Cloud-Anbieter erzwingt, flankiert von staatlicher Förderung. Doch genau hier liegt auch das Risiko. OpenClaw kombiniert maximale Systemrechte mit einem offenen Plugin-Ökosystem. Das ist jene Kombination, die auch klassische Schadsoftware auszeichnet. Sicherheitsprüfungen fanden in rund 13 Prozent der untersuchten Skills kritische Schwachstellen, und über Prompt-Injection lassen sich Agenten durch scheinbar harmlose Inhalte wie Webseiten, E-Mails oder Dokumente manipulieren. Offene chinesische Agentenframeworks können den Einstieg dramatisch verbilligen, gehören aber unter ein striktes Sicherheitsregime, bevor sie produktiv Systemrechte erhalten. Lokale Regierungen in Städten und Provinzen gewähren den Unternehmen deshalb sogar Subventionen, wenn sie Geschäftsmodelle auf Basis von OpenClaw-Agentensystemen entwickeln.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung