Der Kampf gegen den Klimawandel bekommt einen neuen Verbündeten: Digitaler Produktpass. Die Lieferketten der Textilindustrie werden damit zu einem neuen Schauplatz im Bestreben, die Klimakrise einzudämmen. Die Europäische Kommission hofft, durch die Durchsetzung neuer Vorschriften für Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit eine Nachhaltigere und wettbewerbsfähigere Bekleidungsindustrie zu schaffen.
(Bild: Maksym/Adobe Stock - generiert mit KI)
Da die Modebranche nach den Bereichen Lebensmittel, Wohnen und Mobilität die viertgrößte Auswirkung auf die Umwelt und damit auf die globale Erderwärmung hat, kann das Vorhaben ein wichtiger Baustein zur Verbesserung der Situation werden. Mittels digitaler Produktpass soll eine nachhaltigere Politik vorgetrieben werden. Inhaber von Marken für Bekleidung, Schuhe und Mode, aber auch Hersteller von Textilien und Einzelhändler von Eigenmarken haben jetzt viel vor sich. Es sind nur noch wenige Jahre, bis alle in Europa verkauften Textilien mit digitalen Identitäten versehen werden müssen. Der Wettlauf um die richtigen Rahmenbedingungen - und damit auch um die darauf basierenden Systeme, Prozesse und Technologien - hat bereits begonnen.
Modebranche soll grüner werden
Die Modeindustrie ist eine der umweltschädlichsten Branchen der Welt. Nach Angaben der Europäischen Kommission fallen in der EU jährlich 12,6 Millionen Tonnen Textilabfälle an. Bei Kleidung und Schuhen entspricht dies jährlich zwölf Kilogramm Abfall pro Kopf. Allein im Jahr 2022 kamen laut Statista in Deutschland rund 173.100 Tonnen Bekleidungs- und Textilabfälle aus privaten Haushalten zusammen. Die EU gibt an, dass derzeit nur ein Fünftel (22 Prozent) der Textilabfälle für die Wiederverwendung oder das Recycling getrennt gesammelt werden. Der Rest landet auf Deponien oder wird verbrannt.
Die Antwort der Europäischen Kommission lautet digitaler Produktpass als wichtigster Pfeiler ihrer EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien. Neben einer ähnlichen Initiative für Elektronik und Batterien sehen sie vor, dass die Akteure im Textilsektor die DPPs nutzen, um die Rückverfolgbarkeit und Transparenz der Lieferkette zu verbessern und eine nachhaltigere Herstellung zu fördern. Entscheidend ist, dass die Produktpässe den Verbrauchern die Produktinformationen liefern, die sie benötigen, um nachhaltigere Kaufentscheidungen zu treffen.
Ziel ist es, die Industrie durch Regulierung dazu zu bewegen, zu einem kreislauforientierteren Produktions- und Konsummodell überzugehen. Dieses soll sich durch Recycling und Wiederverwendung auszeichnen, um den Lebenszyklus von Produkten so weit wie möglich zu verlängern. Und da das Regulierungsmandat auch für Marken aus Nicht-EU-Ländern gilt, die auf dem EU-Markt verkaufen, erhofft man sich, dass die Initiative eine echte und positive Auswirkung auf die Kreislaufwirtschaft in der globalen Modeindustrie haben wird.
Digitaler Produktpass: Wie wird dieser funktionieren?
Aktuell werden die spezifischen Anforderungen und Protokolle an Daten und Hardware noch ausgearbeitet. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ein DPP-System eine Kombination aus scanbaren QR-Codes, RFID-Tags und Blockchain-Technologie umfassen wird, um eine eindeutige und sichere digitale ID für jedes Produkt zu erstellen.onsmanagement dahingehend zu verbessern.
Diese Tags und QR-Codes werden den Konsumenten Auskunft über die Lieferketten jedes einzelnen, im DPP enthaltenen Produktes geben. Dazu gehören Informationen über die enthaltenen Materialien, ihre Recyclingfähigkeit, den Herstellungsort des Produkts und alle weiteren Schritte seines Lebenszyklus. Blockchain wird als sichere, kostengünstige und fälschungssichere Möglichkeit angesehen, um diese wichtigen Informationen mithilfe der digitalen Ledger-Technologie über die gesamte Lieferkette hinweg zu erfassen.
Das heißt aber nicht, dass es für die Hersteller keine Herausforderungen geben wird. Noch ist unklar, wie die DPP-Systeme länderübergreifend vereinheitlicht werden sollen. Das betrifft insbesondere größere Unternehmen mit globalen Standorten und weltweiten Zulieferern. Damit die Umstellung gelingt und die Anforderungen erfüllt werden können, müssen Mode- und Bekleidungsunternehmen entlang der gesamten Lieferkette erhebliche Summen in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und in neue Technologien investieren. Die deutsche Mode- und Textilbranche sollte jedoch nach der Einführung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) im vergangenen Jahr bereits damit begonnen haben, ihr Informationsmanagement dahingehend zu verbessern.
Digitaler Produktpass: Die technischen Grundlagen
Obwohl das LkSG eher auf Arbeitsrechte in den Produktionsstätten als auf Nachhaltigkeit abzielt, fordert es von den Unternehmen, die Transparenz ihrer Lieferketten durch strenge und regelmäßige Risikobewertungen und Dokumentation zu erhöhen. Dabei entspricht die Erfassung relevanter Zertifizierungen und anderer damit verbundener Daten für Marken, Lieferanten und Produkte, die mittels automatisierter, cloudbasierter Systeme erstellt werden, bereits den gleichen Anforderungen, die digitaler Produktpass an die Unternehmen stellen wird.
Die Unternehmen benötigen ein System, das die Datenerfassung rationalisiert und standardisiert, indem es relevante Informationen aus verschiedenen dezentralen Quellen extrahiert und automatisch in ein für den DPP geeignetes Format strukturiert. Dazu gehören in erster Linie Zertifizierungen, die belegen, dass Materialien und Komponenten regelkonform beschafft, behandelt und hergestellt wurden. Ein Beispiel ist die Rückverfolgbarkeit eines Hemdes: Wie und wo wurde die Baumwolle gepflückt, gesponnen und gefärbt? Wie sah der Prozess von der Produktion, über das Lager bis hin zum Ladengeschäft oder dem Online-Shop aus? Aber die Systeme müssen auch Aspekte wie Produktions- und Einkaufsvolumen, nicht verkaufte Bestände und vieles mehr erfassen. Letztlich geht es darum, einen Single-Point of Truth zu schaffen – also einer einzigen Datenquelle zu vertrauen und diese für sämtliche datenbasierten Entscheidungen zu nutzen.
Stand: 16.12.2025
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Mit Cloud-basierten Plattformen Daten synchronisieren
Viele Unternehmen setzen für diese Aufgabe auf Cloud-basierte Plattformen. Sie bieten eine einfache Verwaltung und Synchronisierung von Daten über mehrere Systeme hinweg. Zudem lassen sie sich flexibel an sich ändernde gesetzliche Anforderungen anpassen. Wenn Unternehmen mehrere unterschiedliche IT-Systeme für ihre Produktion, Verwaltung und Fertigung im Einsatz haben, müssen diese miteinander verbunden werden, damit ein reibungsloser Datenaustausch stattfinden kann. Insbesondere wenn es darum geht, granulare Details über die Materialzusammensetzung bis hinunter auf die Ebene der Lieferanten und Sublieferanten zu extrahieren, kann das von großem Nutzen sein. Zusätzliche Integrationen für die Nachverfolgung von Umweltdaten können ebenfalls hilfreich sein.
Moderne Systeme für Data-Analytics auf Basis einer Data Lakehouse-Architektur bieten den Unternehmen besondere Möglichkeiten: Auch Nicht-Techniker können Informationen aus riesigen Mengen unstrukturierter Daten herausfiltern, ohne dass diese zuvor bearbeitet werden müssen. Im Zusammenhang mit dem digitalen Produktpass können diese Analyse-Tools die Erstellung von Umweltreports und die Einhaltung von Vorschriften unterstützen.
Digitaler Produktpass: Einen Schritt weiter
Die Modebranche ist inhomogen: Die Anforderungen eines Textilherstellers unterscheiden sich deutlich von denen eines Markenunternehmens für Schuhe oder Accessoires. Doch auch für diese Nischensegmente gibt es hochspezialisierte integrierte Lösungen, die speziell dafür entwickelt wurden und die gesamte Lieferkette von der Rohstoffbeschaffung über die Produktion bis zur Auslieferung abdecken, den Datenaustausch erleichtern und Informationssilos vermeiden.
Digitaler Produktpass mag eine weitere Hürde im stark regulierten EU-Markt darstellen, doch er bietet auch die Chance, die Digitalisierung einen entscheidenden Schritt voranzubringen und auf lange Sicht davon zu profitieren. Unternehmen können eine Vorreiterrolle in der Modebranche einnehmen und das Vertrauen der Konsumenten gewinnen, indem sie ihnen mehr Einblick in den Beschaffungs-, Produktions-und Vertriebsprozess gewähren. Letztlich wird sich damit auch das Image einer Marke verbessern. In einem nächsten Schritt lassen sich gar neue Geschäftsmodelle auf Basis der Kreislaufwirtschaft entwickeln. Angesichts der hochkomplexen Lieferketten in der Modebranche ist das keine leichte Aufgabe. Unternehmen, denen es aber gelingt, entlang der gesamten Lieferkette eine Balance zwischen minimaler Umweltbelastung und operativer Exzellenz zu finden, werden sich am Markt behaupten.
Helene Behrenfeldt ist als Fashion Industry & Solution Strategy Director bei Infor für die strategische Ausrichtung im Bereich Modeindustrie verantwortlich. Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in der Beratung und Lösungsentwicklung unterstützt sie Unternehmen bei der Umsetzung von Multichannel- und Nachhaltigkeitsstrategien sowie bei der Produktentwicklung und dem Bestandsmanagement.