DB Podcast

Neue Technologien

Forschung: Wie diese die Geschäftsmodelle von KMU verändert

< zurück

Seite: 2/3

Anbieter zum Thema

Teilnahme an EU-Projekten der Forschung

Viele Unternehmen zögern trotzdem bei der Umsetzung. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

CW: Es ist tatsächlich etwas paradox. Ich habe über die Jahre viele deutsche und europäische Unternehmen dazu bewegt, an europäischen Projekten der Forschung teilzunehmen, und die Anfangshürde war jedes Mal enorm. Meist hörte man: Ich möchte nicht den ganzen Papierkram und die permanenten Berichte. Es kursieren viele Horrorszenarien, die aber allenfalls zu einem geringen Teil zutreffen. Die administrative Seite wurde im vergangenen Jahrzehnt stark vereinfacht. Für ein kleines Unternehmen dauert die Registrierung für das Rahmenprogramm nicht einmal einen Tag. 

Natürlich muss man Daten bereitstellen – die EU kann nicht einfach Jedem Gelder zugänglich machen. Aber sobald eine Firma registriert ist, ist die Teilnahme im Grunde trivial, und die Berichtsanforderungen während der Projektphase sind typischerweise geringer als bei nationalen Förderprogrammen. Das Programm steht dabei auf zwei Säulen. Einerseits sagt die EU: Wir haben ein Problem, könnt ihr uns helfen? Da können Unternehmen überlegen, ob sie mitwirken. Andererseits gibt es den Bottom-up-Weg: Die Industrie hat ein Problem und zugleich eine Lösungsidee und möchte diese mit EU-Mitteln realisieren. Man beschreibt das Problem, begründet, warum es auf europäischer Ebene relevant ist, und schlägt vor, es gemeinsam mit internationalen Partnern zu lösen. Über genau diese Möglichkeit sollten Führungskräfte im Mittelstand viel aktiver nachdenken, denn es geht nicht nur um das eigene Potenzial, sondern um ein Leveling-up gemeinsam mit internationalen Partnern.

Große Forschungsinfrastrukturen wie der LHC stehen unter massivem Druck, ihren Energieverbrauch zu rechtfertigen. Mittelständler spüren denselben Druck durch Kunden, Regulierung und Investoren. Wie verbindet man Innovation und Nachhaltigkeit sinnvoll – ohne Greenwashing und ohne Lähmung?

CW: Beide Gefahren sind real. Deshalb betone ich, dass man den richtigen Zeitpunkt für den eigenen Betrieb genau prüfen muss. Springt man zu früh auf, obwohl eine Technologie noch nicht ausgereift ist oder Fördermittel nicht klar definiert sind, kann eine Umstellung sehr hohe Kosten verursachen und zu genau den Lähmungseffekten führen, die Sie ansprechen. Bei uns ist die Dimension enorm. Wir arbeiten derzeit am Upgrade des LHC und planen zugleich einen möglichen, noch größeren Nachfolger. Dort würde die Energieproblematik nach heutigem Verständnis dramatisch wachsen – um einen Faktor fünf bis zehn. Schon jetzt braucht der LHC im Grunde ein eigenes Kraftwerk; sein Energieverbrauch ist mit dem des Kantons Genf vergleichbar.

Man stößt hier klar an natürliche Grenzen, wenn nicht neue Technologien helfen, den Verbrauch drastisch zu senken. Dieses Senken ist nicht trivial. Lebenszyklusanalysen sind in der Großforschung bisher kaum präsent – wir fangen gerade erst an, in solchen Kategorien zu denken. Man muss systemorientiert vorgehen und nicht nur den einzelnen Magneten oder die einzelne Strahldiagnose betrachten, sondern das Ganze in ein sinnvolles Energiemodell integrieren.

Die Frage lautet: Was ist die Energiebilanz über einen kompletten Lebenszyklus von zwanzig Jahren, und wie senke ich sie nachhaltig? Das lässt sich nur beantworten, wenn staatliche Autoritäten, Großforschungszentren, Universitäten und Industrie zusammenarbeiten. Für Unternehmen gilt: Sie werden am direktesten von den entstehenden Methoden und Computertools profitieren. Ich würde die Speerspitze dieser Entwicklung den ressourcenstarken Großunternehmen überlassen und dann prüfen, wann der richtige Zeitpunkt zur Umstellung ist. Wichtig ist aber das Bewusstsein – und dafür ist ein Magazin wie Digital Business zentral –, dass dieser Zeitpunkt nicht zehn Jahre in der Zukunft liegt. Unternehmen müssen heute am Puls der Zeit bleiben.

Einstiegspunkte in die europäische Forschungslandschaft

Sie koordinieren europäische Forschungsnetzwerke, und Europa investiert massiv in Projekte wie EuPRAXIA oder ein mögliches „CERN für KI“. Wie nutzt ein mittelständisches Unternehmen diese Forschungslandschaft konkret? Gibt es reale Einstiegspunkte?

Auf jeden Fall. EuPRAXIA hat das Ziel, den weltweit ersten plasmabasierten Beschleuniger zu entwickeln, dessen Strahlqualität direkt von der Industrie genutzt werden kann. Das wird eine User-Einrichtung: Unternehmen können kommen und sagen, ich brauche diese Art von Elektronenstrahl oder Licht, um meine Proben zu analysieren oder Materialien zu behandeln. Sie stellen einen Antrag auf Strahlzeit und können dann Dinge realisieren, die ohne EuPRAXIA gar nicht möglich wären.

EuPRAXIA hat das Ziel, den weltweit ersten plasmabasierten Beschleuniger zu entwickeln, dessen Strahlqualität direkt von der Industrie genutzt werden kann. Unternehmen können dann sagen, ich brauche diese Art von Elektronenstrahl oder Licht, um meine Proben zu analysieren oder Materialien zu behandeln.

Carsten Welsch

Beim „CERN für KI“ geht es darum, Expertise und Ressourcen zu bündeln und Duplikationen zu vermeiden – dass also nicht Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Schweiz unabhängig dasselbe entwickeln, sondern die Kräfte bündeln, um mit Asien und Amerika Schritt zu halten. Nach der Philosophie des CERN würde diese Wissensbeschleunigung offen und transparent erfolgen. Am CERN hat sich über Jahrzehnte gezeigt, dass jede Technologieentwicklung, die ursprünglich nur der Teilchenphysik dienen sollte, unmittelbar breitere Anwendung fand – vom Internet bis zu neuen bildgebenden Verfahren in Krankenhäusern. 

Dasselbe erwarte ich von einem CERN für KI, sofern man dieselben Mechanismen zur Einbindung der Industrie nutzt. Für die direkte Beteiligung verweise ich Unternehmen auf die CORDIS-Plattform. CORDIS ist zugleich Förderplattform und Wissensdatenbank. Über ein Finder-Tool kann man gezielt Forschungspartner suchen – in der Industrie, an Universitäten oder in Großforschungseinrichtungen –, indem man Schlagwörter eingibt. Das Portal zeigt sogar, in welchen Ländern passende Partner sitzen, und stellt Kontaktdaten bereit. Diese Kontakte herzustellen ist im Grunde sehr einfach. Es wird nur nicht genug genutzt, gerade von der Industrie und gerade in Deutschland.

Fachbegriffe kurz erklärt

Teilchenbeschleuniger: Anlagen, die geladene Teilchen auf hohe Energien bringen – für die Grundlagenforschung, aber auch für Medizin und Materialanalyse.

LHC (Large Hadron Collider): Der größte Teilchenbeschleuniger der Welt am CERN bei Genf.

Supraleitung: Zustand, in dem Materialien elektrischen Strom verlustfrei leiten – Grundlage für besonders starke Magnete.

Plasmabeschleuniger/EuPRAXIA: Neue Beschleunigertechnologie, die deutlich kompaktere Anlagen ermöglicht; EuPRAXIA soll erstmals industriell nutzbare Strahlqualität liefern.

Tesla: Maßeinheit für die magnetische Flussdichte; höhere Werte bedeuten stärkere Magnetfelder und bessere Auflösung etwa in der Bildgebung.

Horizon Europe/CORDIS: EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation bzw. die zugehörige Plattform für Projekte, Partnersuche und Fördermittel.

Wissensvalorisierung: Politisch forcierter Ansatz, Forschungsergebnisse schneller in wirtschaftliche Anwendungen zu überführen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung