Für europäische Unternehmen stellt sich dringlicher denn je die Frage nach digitaler Souveränität. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Iris Lorscheid, Professorin für Digital Business und Data Science, über den US Cloud Act, strukturelle Abhängigkeiten und einen Cloud-Fahrplan für die digitale Souveränität für Europa.
Digitale Souveränität: Fähigkeit von Staaten und Unternehmen, in globalen Cloud-Ökosystemen selbstbestimmt zu handeln – trotz Abhängigkeiten. Keine Autarkie, sondern Handlungsfähigkeit auch bei geopolitischen Spannungen.
Hyperscaler-Lock-in: Proprietäre Dienste, Daten-Gravitation und Egress-Kosten binden Anwendungen und Daten. Effizient im Alltag, riskant in Krisen – Preise, Standards und Innovationstempo werden von wenigen Plattformen gesetzt.
Regulierung vs. Infrastruktur: AI Act, Data Act und NIS‑2 schaffen Ordnung und Transparenz, aber keine eigenen Plattformen. Ohne Investitionen in Rechenzentren, Chips und europäische KI drohen höhere Hürden für KMU und stabile Oligopole.
„Sovereign Cloud“: Datenhaltung in der EU, europäisches Personal, getrennte Strukturen – bessere Compliance und Kontrolle. Doch Gesetze wie der US Cloud Act bleiben ein Restrisiko. Vollständige Unabhängigkeit schafft sie nicht.
Daten sind das Rückgrat der digitalen Wertschöpfung – und sie wandern in rasantem Tempo in die Cloud. Für europäische Unternehmen stellt sich damit dringlicher denn je die Frage nach digitaler Souveränität: Wie behalten wir die Kontrolle über sensible Informationen, kritische Geschäftsprozesse und Schlüsseltechnologien, ohne die Innovationsvorteile globaler Plattformen zu verlieren? Zwischen Effizienz, Skalierbarkeit und regulatorischer Verantwortung gilt es, tragfähige Entscheidungen zu treffen.
Besonders kontrovers wird der sogenannte US Cloud Act diskutiert. Er verpflichtet US-Anbieter unter bestimmten Bedingungen zur Herausgabe von Daten – auch dann, wenn diese auf Servern in Europa liegen. Das kollidiert potenziell mit europäischen Datenschutz- und Compliance-Anforderungen und schafft Unsicherheit, trotz bestehender Transfermechanismen und technischer Schutzmaßnahmen. Für CIOs, CDOs und Compliance-Verantwortliche heißt das: Risiko- und Rechtslage verstehen, Datenflüsse bewerten und Architekturen so gestalten, dass sich Verfügbarkeit, Sicherheit und Rechtssicherheit nicht ausschließen.
In Interview sprechen wir darüber mit Prof. Dr. Iris Lorscheid, Professorin für Digital Business und Data Science an der University of Europe for Applied Sciences (UE). Sie ordnet im Gespräch ein, wie Unternehmen praktische Souveränität erreichen können. Wie viel Souveränität ist heute realistisch, was kostet sie, und wo liegt der Sweet Spot zwischen Regulierung, Risiko und Tempo der digitalen Transformation?
Frau Prof. Dr. Lorscheid, eines der wichtigsten Schlagwörter in Bezug auf Cloud Computing ist derzeit die digitale Souveränität. Was verstehen Sie darunter?
Prof. Dr. Iris Lorscheid: Kurz gesagt: Digitale Souveränität bedeutet, auch in einer global vernetzten digitalen Ökonomie politisch und wirtschaftlich selbstbestimmt handlungsfähig zu bleiben.
Es geht nicht darum, sich vom globalen digitalen Ökosystem abzukoppeln. Vielmehr geht es um die Fähigkeit von Staaten, Unternehmen und Institutionen, unter digitalen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben – auch dann, wenn geopolitische Spannungen entstehen.
Dr. Iris Lorscheid, Professorin für Digital Business und Data Science an der University of Europe for Applied Sciences (UE)
Und wie sehen Sie digitale Souveränität in Bezug auf Cloud-Dienste?
Prof. Dr. Iris Lorscheid: Cloud-Infrastrukturen erscheinen auf den ersten Blick als rein technische Dienstleistung. Tatsächlich strukturieren sie jedoch zentrale Prozesse von Wirtschaft und Verwaltung – von Datenhaltung über KI-Training bis hin zu Sicherheitsarchitekturen. Digitale Souveränität meint daher die Frage, wie unabhängig Akteure in diesen Infrastrukturen agieren können: Wer verfügt über die Daten? Wer definiert Standards? Wer kann im Konfliktfall auf welche Ressourcen zugreifen?
Es geht nicht darum, sich vom globalen digitalen Ökosystem abzukoppeln. Vielmehr geht es um die Fähigkeit von Staaten, Unternehmen und Institutionen, unter digitalen Bedingungen handlungsfähig zu bleiben – auch dann, wenn geopolitische Spannungen entstehen.
Ein Blick auf die Energiepolitik hilft, die Dynamik zu verstehen. Auch dort waren internationale Abhängigkeiten lange Zeit ökonomisch rational und effizient. Erst in Krisensituationen zeigte sich, dass Effizienz nicht automatisch Resilienz bedeutet.
Welche konkreten strukturellen Abhängigkeiten entstehen denn Ihrer Ansicht nach in globalen Cloud-Ökosystemen – also den großen Hyperscalern wie Amazon, Google oder Microsoft?
Das bedeutet nicht automatisch Missbrauch – aber es verschiebt die letztliche Verfügungsmacht über Daten.
Wenn zentrale Verwaltungsprozesse, Energieinfrastrukturen, Gesundheitsdaten oder KI-Trainingsumgebungen auf wenigen Plattformen laufen, entsteht eine systemische Konzentration. In stabilen Zeiten ist das effizient. In geopolitisch angespannten Situationen kann es jedoch die eigene Handlungsfähigkeit einschränken.
Prof. Dr. Iris Lorscheid: Diese Abhängigkeiten sind zunächst das Resultat ökonomischer Rationalität. Problematisch werden sie dort, wo sie einseitig und alternativlos werden. Die großen Hyperscaler bündeln enorme Skaleneffekte. Preise, Innovationszyklen und Produktentwicklungen werden faktisch von wenigen globalen Akteuren bestimmt.
Wer seine Daten, Anwendungen und KI-Modelle in einer bestimmten Cloud-Architektur aufbaut, passt sich deren Schnittstellen, Services und proprietären Standards an. Das erleichtert Innovation und Skalierung – erschwert aber einen späteren Wechsel. Je stärker Prozesse, Datenstrukturen oder KI-Workflows integriert sind, desto höher werden die Wechselkosten.
Unternehmen und öffentliche Einrichtungen bewegen sich damit in einem Markt, dessen zentrale Parameter sie selbst kaum beeinflussen können.
DIE GESPRÄCHSPARTNERIN
Prof. Dr. Iris Lorscheid ist Dekanin der Wirtschaftsfakultät und Professorin für Digital Business und Data Science an der University of Europe for Applied Sciences (UE). Sie ist Diplom-Informatikerin und Verwaltungswissenschaftlerin und promovierte mit summa cum laude in Informatik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Ihre Dissertation wurde 2014 von der Hamburger Volksbank Stiftung als beste Dissertation ausgezeichnet. Prof. Lorscheid ist gewähltes Vorstandsmitglied der European Social Simulation Association und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt Artificial Intelligence for Assessment. Sie ist außerdem Redaktionsmitglied des Journal of Artificial Societies and Social Simulation und Gutachterin in verschiedenen etablierten internationalen Fachzeitschriften.
(Bild: University of Europe for Applied Sciences (UE))
Digitale Souveränität ist erst einmal wenig greifbar. Gibt es irgendwelche Metriken, anhand derer sich eine digitale Souveränität messbar machen lässt, also etwa Exit-Fähigkeit aus Cloud-Verträgen, Datenportabilität et cetera?
Prof. Dr. Iris Lorscheid: Es gibt bereits quantitative Ansätze zur Messung digitaler Souveränität, die auf technischen Indikatoren (Selbst‑Hosting, Open‑Source‑Tools pro 100.000 Einwohner) beruht. Ein Beispiel ist der Digital Sovereignty Index (DSI) von Nextcloud. Exit‑Fähigkeit, Datenportabilität oder vertragliche Lock‑in‑Risiken werden allerdings nur indirekt abgebildet – sie müssten durch ergänzende Metriken auf Organisations‑ oder Vertragslevel ergänzt werden, was im Einzelfall betrachtet werden müsste.
Finnland liegt nach dem DSI im August 2025 mit rund 64,5 Punkten an der Spitze der Unabhängigkeit, Deutschland folgt mit gut 53 Punkten auf Rang zwei, die Niederlande liegen mit etwa 36 Punkten auf Platz drei. Der DSI ist jedoch keine direkte Messung von Exit‑Fähigkeit aus Cloud‑Verträgen oder Datenportabilität, sondern ein Proxy – je mehr selbst gehostete, offene Lösungen im Einsatz sind, desto höher die potenzielle Unabhängigkeit von proprietären Cloud‑Services.
Der US Cloud Act zeigt, dass digitale Souveränität nicht nur eine Datenschutzfrage ist, sondern eine Frage infrastruktureller und juristischer Verfügungsgewalt.
Dr. Iris Lorscheid, Professorin für Digital Business und Data Science an der University of Europe for Applied Sciences (UE)
Bei der digitalen Souveränität Europas wird ja vor allem über den US Cloud Act diskutiert. Das US-Gesetz sagt doch schon einiges über die realen Machtverhältnisse im digitalen Raum aus, oder?
Prof. Dr. Iris Lorscheid: Der US Cloud Act ist ein sichtbares Symptom der bestehenden Machtverhältnisse im digitalen Raum.
Er macht deutlich, dass die großen Cloud-Anbieter global agieren, aber nationalem Recht unterliegen. Unternehmen wie Amazon, Google oder Microsoft sind privatwirtschaftliche Akteure – zugleich unterstehen sie der Rechtsordnung ihres Herkunftslandes. Daraus ergibt sich eine strukturelle Spannung: Digitale Infrastrukturen sind global vernetzt, staatliche Souveränität bleibt jedoch territorial organisiert.
Der US Cloud Act verdeutlicht daher, dass wirtschaftliche Dominanz und rechtliche Zugriffsmöglichkeiten zusammenfallen können. Wer die zentralen Infrastrukturen betreibt, steht zugleich im Einflussbereich eines bestimmten Rechtssystems. Das ist kein ungewöhnliches Prinzip – jeder Staat beansprucht rechtliche Zuständigkeit für „seine“ Unternehmen.
Sichtbar wird hier jedoch die Asymmetrie: Europa nutzt in großem Umfang Infrastrukturen, die außerhalb seiner eigenen Rechtsordnung verankert sind. Der US Cloud Act ist daher ein Ausdruck dieser Konstellation. Er zeigt, dass digitale Souveränität nicht nur eine Datenschutzfrage ist, sondern eine Frage infrastruktureller und juristischer Verfügungsgewalt.
Stand: 16.12.2025
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