Datensouveränität ist nur ein Baustein. Wer digitale Unabhängigkeit ernst nimmt, muss vor allem sein ERP-System auf den Prüfstand stellen. Betriebsmodell, Anbieterprofil und Branchenfit entscheiden über die Handlungsfreiheit, digitale Souveränität zu erlangen.
ERP ist der Schlüssel zur digitalen Souveränität: Nicht nur Datensouveränität zählt. Entscheidend sind auch die Software-Souveränität (verlässliche ERP-Weiterentwicklung) und Steuerungsfähigkeit (eigene IT-Entscheidungen kontrollieren).
Souveränität erlangt strategische Priorität: Geopolitische Risiken und die Abhängigkeit von Cloud-Abietern erhöhen den Handlungsdruck. Digitale Souveränität ist entscheidend für Resilienz, also stabile Geschäftsprozesse.
Betriebsmodell bestimmt Resilienz: Die Wahl des ERP-Anbieters und des Betriebsmodells (SaaS, Public Cloud, Private Cloud, On-Prem) entscheiden über Kontrolle, Flexibilität und Lock-in-Risiko.
Das ERP-System ist das digitale Rückgrat mittelständischer Unternehmen. Es bildet alle wesentlichen Geschäftsprozesse ab – von der Angebotskalkulation über die Beschaffung bis zur Auslieferung. Genau deshalb spielt das ERP eine zentrale Rolle für die digitale Souveränität. Die öffentliche Debatte, die sich meist um Datensouveränität dreht, greift hier zu kurz. Es geht nicht nur um den Daten-Standort, sondern um Handlungsfähigkeit, Planungs- und damit Zukunftssicherheit und die Möglichkeit, die eigene Geschäftsentwicklung selbstbestimmt voranzutreiben.
Seit sich die geopolitische Lage verändert hat, rückt das Thema digitale Souveränität verstärkt in den Fokus von CEOs und IT-Entscheidern. Durch immer wieder neue Krisenlagen sehen sich Unternehmen mit gestörten Lieferketten und multiplen Herausforderungen konfrontiert. Die Unsicherheit der Zuverlässigkeit von politischen Partnerschaften schlägt unmittelbar auch auf wirtschaftliche Fragestellungen und technologische Verflechtungen durch. Eine relevante Frage ist zum Beispiel, wie Europa reagieren würde, falls der Zugang zu bestimmten Cloud-Diensten plötzlich eingeschränkt würde.
Die Zahlen sind deutlich: Laut einer Bitkom-Studie würden fast 62 Prozent der deutschen Unternehmen ohne Cloud-Dienste stillstehen. Mehr als drei Viertel halten sich für zu abhängig von den großen Hyperscalern, und jedes zweite Unternehmen sieht sich gezwungen, seine Cloud-Strategie zu überdenken. Doch digitale Souveränität ist mehr als eine Frage der Cloud. Es geht um nichts Geringeres als um die geschäftliche Resilienz – also die Fähigkeit, den Betrieb auch unter unvorhergesehenen und schnell ändernden Bedingungen erfolgreich aufrechtzuerhalten und zu entwickeln. Das ERP-System nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein, da es alle wichtigen Geschäftsprozesse abbildet.
Digitale Souveränität wird zur Chefsache
Je weiter Unternehmen mit ihrer Digitalisierung fortgeschritten sind, desto enger hängen Resilienz und IT-Souveränität zusammen. Wer seine kritischen IT-Abhängigkeiten nicht kontrolliert oder im schlimmsten Fall gar nicht kennt, kann im Krisenfall nur begrenzt handeln. Digitale Souveränität wird daher zur strategischen Priorität der Geschäftsleitung. Laut einer Studie von Lünendonk ordnen 93 Prozent der deutschen Unternehmen dem Thema bereits heute eine hohe Relevanz zu. Und 96 Prozent gehen davon aus, dass IT-Souveränität in den kommenden drei Jahren noch an Bedeutung gewinnen wird – selbst dann, wenn sich die geopolitische Lage entspannen sollte. Als wichtigste Treiber nannten die Befragten die Reduktion von hohen Abhängigkeiten in der IT-Lieferkette sowie die Stärkung der Resilienz in Krisensituationen.
In der öffentlichen Debatte steht meist die Datensouveränität im Vordergrund. Schließlich sind Daten das Öl des 21. Jahrhunderts. Die Kontrolle darüber zu behalten, wo sie gespeichert werden, wer darauf zugreifen kann und in welchem Rechtsrahmen sie verarbeitet werden, spielt eine fundamentale Rolle für den Geschäftserfolg. Doch digitale Souveränität hat zwei weitere wichtige Dimensionen.
Die erste ist Software-Souveränität: die Sicherheit, dass eine Applikation fachliche, regulatorische und branchenspezifische Anforderungen zuverlässig erfüllt und weiterentwickelt wird. Die zweite Dimension ist die Steuerungsfähigkeit, also die Kompetenz, selbst bestimmte IT-Entscheidungen zu treffen und die eigene IT zu kontrollieren. Denn selbst wenn Daten in Europa gespeichert werden, können Abhängigkeiten von global agierenden Anbietern die Handlungsfreiheit einschränken, weil Produktentscheidungen und zentrale Komponenten außerhalb des Fokus liegen.
Globale oder regionale Anbieter: Wer passt besser?
Ein ERP-System, das über viele Jahre hinweg sicher und zuverlässig laufen muss, stellt hohe Souveränitätsanforderungen. Ein wichtiges Kriterium ist, wo die Software entwickelt und gehostet wird. Nur wenn der Hersteller unabhängig von außereuropäischen Gesetzen und extraterritorialer politischer Einflussnahme agiert, ist Stabilität auch unter schwierigen geopolitischen Bedingungen gewährleistet. Kleinere Unternehmen fühlen sich meist besser von ERP-Anbietern verstanden, die selbst aus dem Mittelstand kommen, ihre Kerngeschäftsprozesse kennen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Im Zufriedenheitsranking schneiden kleinere, spezialisierte Lösungen daher besser ab als große – so eine aktuelle Studie von Trovarit.
Stand: 16.12.2025
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Internationale Konzerne verfolgen in der Regel eine globale Roadmap in der Produktentwicklung und richten sich an eine breite Kundenbasis. Die Anforderungen von KMUs und Feedback aus Europa fallen dabei wenig ins Gewicht. Auch die Umsetzung europäischer Regulatorik oder branchenspezifischer Anforderungen hat für globale Anbieter nicht unbedingt Priorität. Ändern sich Anforderungen, wird das schnell zum Problem. Ein konkretes Beispiel ist die E-Rechnung: Wird diese nativ unterstützt, oder muss sie umständlich über Drittanbieter-Add-ons implementiert werden? Trotzdem lässt sich die Frage nach dem richtigen Anbieter nicht pauschal beantworten. Wer über die Welt verteilte Gesellschaften hat, ein globales Geschäftsmodell betreibt oder sich künftig in diese Dimension entwickeln will, mag mit einem großen ERP-Anbieter besser beraten sein.
Digitale Souveränität: Das richtige Betriebsmodell wählen
Auch das Betriebsmodell spielt eine wichtige Rolle für die Software-Souveränität. Unternehmen stehen vor der Wahl, ob sie ihr ERP-System als SaaS beziehen, in einer Public-Cloud-Infrastruktur bereitstellen oder in der Private Cloud, bei einem Colocation-Partner beziehungsweise On-Premises betreiben möchten. SaaS verursacht am wenigsten Eigenaufwand, erzeugt aber auch die höchste Abhängigkeit und bietet die geringsten Individualisierungsmöglichkeiten. Dass das Interesse deutscher Unternehmen an ERP-Lösungen aus der Cloud laut der aktuellen Studie von Bitkom rückläufig ist, passt dazu. Maximale Souveränität bieten dagegen Deployments im eigenen Rechenzentrum oder bei einem IT-Dienstleister – allerdings auf Kosten der bekannten Cloud-Vorteile wie zum Beispiel Agilität und schnelle Innovationsfähigkeit.
Ein zentraler Aspekt bei der Bewertung von Souveränität ist der mögliche Lock-in-Effekt. ERP-Anbieter, die ein offenes Betriebsmodell unterstützen und Unternehmen die Wahl lassen, wo und wie sie ihre Lösung betreiben, schaffen entscheidende Vorteile. Offene Schnittstellen und eine hohe Portierbarkeit von Daten und Workloads ermöglichen es, Abhängigkeiten zu reduzieren und die IT-Strategie langfristig flexibel zu gestalten.
Resilienz beginnt beim ERP
Digitale Souveränität wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Für mittelständische Unternehmen, deren Geschäftsprozesse eng am ERP-System hängen, ist dabei nicht nur der Standort der eigenen Daten wichtig. Entscheidend ist, die Kontrolle über die eigene Handlungsfähigkeit und Geschäftsentwicklung zu behalten. Die häufigste Fehlentscheidung besteht darin, ein ERP-Projekt ausschließlich als IT-Einführung zu betrachten. Denn es geht um so viel mehr: die operative Zukunft des Unternehmens.
Es gibt keine universelle Antwort auf die Frage, wie viel Souveränität ein Unternehmen braucht. Vielmehr gilt es, Prioritäten abzuwägen und Kompromisse zwischen Innovationsgeschwindigkeit und Kontrolle zu finden. Die richtige Balance hängt stets von der individuellen IT-Strategie und Faktoren wie Branche, Regulierung, Marktumfeld und Risikoprofil ab. Da das ERP-System die zentrale Betriebsplattform des Unternehmens darstellt, muss die ERP-Strategie immer auch eine Strategie für höhere Resilienz sein.
Andreas Fresi ist Geschäftsführer der der Step Ahead GmbH. Der erfahrene Vertriebs- und Serviceexperte verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der ITK- und Softwarebranche. Sein Fokus liegt auf nachhaltigen Kundenbeziehungen, Vertriebsstrategien und innovativen Softwarelösungen für KMU.