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Interview

Digitale Souveränität: Strategien für mehr Kontrolle Europas in der Cloud

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Offene Standards und Cloud-Fahrplan für Unternehmen

Wie vermeidet man Abhängigkeiten von einem Cloud-Anbieter ganz konkret? Wo liegen die versteckten Haken?

Prof. Dr. Iris Lorscheid: Ein oft unterschätzter Faktor sind sogenannte Data-Egress Kosten, die physische Migration großer Datenmengen bleibt aufwendig und teuer. Wer über Jahre hinweg Petabytes an Trainingsdaten, Logdaten oder Kundendaten aufgebaut hat, kann diese nicht einfach „mitnehmen“. Technisch möglich – wirtschaftlich und organisatorisch oft ein Kraftakt.

Ein weiterer, noch stärkerer Lock-in entsteht durch die Nutzung spezifischer Plattformdienste. Viele moderne Anwendungen greifen nicht nur auf Rechenleistung zurück, sondern auf Datenbanken, KI-APIs oder plattformspezifische Entwicklungsumgebungen. Wenn die Geschäftslogik tief in solche Dienste integriert ist, bedeutet ein Anbieterwechsel faktisch eine Neuarchitektur – inklusive Code-Anpassung, Testing und Sicherheitsvalidierung. Das ist kein reiner Infrastrukturwechsel, sondern ein strategisches IT-Projekt, dass sich nicht viele zutrauen.

Hinzu kommt die sogenannte „Gravitationskraft der Daten“. Rechenleistung folgt den Daten. KI-Modelle dort zu trainieren, wo die Daten nicht liegen, ist ineffizient und teuer. In der Praxis führt das dazu, dass Unternehmen ihre Daten und KI-Workflows häufig auf einer Plattform bündeln – selbst wenn sie theoretisch Multi-Cloud-Strategien verfolgen. Die Daten werden zum Ankerpunkt der Abhängigkeit.

Der eigentliche Haken liegt also in der Tiefe der Integration. Je stärker Daten, Code und Prozesse an eine Plattform gebunden sind, desto höher werden die Wechselkosten. Digitale Souveränität bedeutet, diese Mechanismen bewusst zu kennen – und Architekturentscheidungen so zu treffen, dass Abhängigkeit nicht unbemerkt zur Alternativlosigkeit wird.

Auf Nummer Sicher geht Europa, wenn es Cloud selbermacht. Doch was braucht Europa? Eigene Chips und große Rechenzentren – oder reicht ein flexibler Multi-Cloud-Ansatz? 

Prof. Dr. Iris Lorscheid: Europa braucht strategische Kernkapazitäten entlang der digitalen Wertschöpfungskette. Dazu gehören leistungsfähige Rechenzentren, spezialisierte KI-Chips, Halbleiterfertigung und energieeffiziente Infrastruktur. Nicht um vollständig autark zu sein, sondern um in kritischen Bereichen nicht ausschließlich auf externe Akteure angewiesen zu sein.

Ein strukturelles Problem ist weniger technisches Know-how als die Fähigkeit, Innovationen groß zu machen. Viele europäische Technologien entstehen hier – werden aber global skaliert, nicht dort wo sie entstehen. Souveränität entsteht erst, wenn Wertschöpfung und Plattformmacht nicht vollständig außerhalb Europas konzentriert sind.

Und daneben steht die Herausforderung der strategischen Koordination von Industrie, Politik und Regulierung. Digitale Infrastruktur ist zu kapitalintensiv, um sie allein dem Markt zu überlassen, aber zu dynamisch, um sie rein staatlich zu organisieren. Europa muss öffentliche Investitionen, Regulierung und industrielle Anreize so verzahnen, dass ein wettbewerbsfähiges Ökosystem entsteht. Das ist nicht einfach, aber notwendig.

Welche Rolle spielt die Infrastruktur?

Prof. Dr. Iris Lorscheid: Europa verfügt über zu wenig eigene Rechenzentrumsleistung im globalen Vergleich. Initiativen wie IPCEI-CIS müssen vom Pilotprojekt in industrielle Größenordnung wachsen. Ergänzend gewinnt ein europäisches Edge-Continuum an Bedeutung: Datenverarbeitung direkt vor Ort – etwa in Industrieanlagen – reduziert strukturelle Abhängigkeiten, weil sensible Daten den lokalen Rechtsraum nicht verlassen.

KI ist der stärkste Treiber von Cloud-Abhängigkeit. Wer zentrale Foundation Models nutzt, nutzt auch deren Infrastruktur. Europa braucht eigene Basismodelle und Trainingskapazitäten auf europäischer Hardware – insbesondere für industrielle und sicherheitskritische Anwendungen. 

Der strategische Fokus sollte weniger auf Konsumenten-Chatbots liegen als auf einer leistungsfähigen Industrial-AI-Cloud unter europäischem Recht.

Schließlich die Herausforderung, die Bürokratie-Falle zu vermeiden. Wenn Regulierung kleine und mittlere Unternehmen überproportional belastet, stabilisiert sie unbeabsichtigt die Dominanz der Großen. Europa braucht vereinfachte Verfahren, automatisierte Compliance-Lösungen und eine öffentliche Beschaffung, die europäischen Anbietern systematisch Marktchancen eröffnet.

KI ist der stärkste Treiber von Cloud-Abhängigkeit. 

Dr. Iris Lorscheid, Professorin für Digital Business und Data Science an der University of Europe for Applied Sciences (UE)

Offene Standards und Open Source: Wann stärken sie Souveränität – und wann entstehen neue Abhängigkeiten, zum Beispiel durch wenige Hauptbetreuer oder große Plattformen?

Prof. Dr. Iris Lorscheid: In der Debatte werden Open Standards und Open Source oft gemeinsam genannt, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen – und tragen auf unterschiedliche Weise zur digitalen Souveränität bei.

Open Standards legen gemeinsame technische Regeln fest, etwa für Datenformate, Schnittstellen oder Protokolle. Ihr großer Vorteil liegt in der Interoperabilität. Wenn Systeme auf offenen Standards basieren, bleiben Daten übertragbar und Anwendungen anschlussfähig. Das reduziert Lock-in-Effekte und erhält Wettbewerbsspielräume.

Open Source bezieht sich auf den offen zugänglichen Quellcode. Transparenz, Prüfbarkeit und die Möglichkeit zur eigenen Weiterentwicklung können Abhängigkeiten von proprietären Black-Box-Systemen verringern. Viele erfolgreiche Internet- und Cloud-Technologien beruhen gerade deshalb auf Open Source, weil sie Innovationsgeschwindigkeit und Zusammenarbeit ermöglichen.

Allerdings entstehen neue Abhängigkeiten, wenn zentrale Open-Source-Projekte faktisch von wenigen Akteuren finanziert oder gesteuert werden. Wenn Roadmaps, Wartung und Weiterentwicklung stark konzentriert sind, verschiebt sich die Macht – sie verschwindet nicht.

Zudem schafft offener Code allein noch keine Souveränität. Wer ihn nicht selbst versteht, pflegt oder strategisch mitgestaltet, bleibt in der Praxis abhängig von denjenigen, die diese Kompetenz besitzen. Zusammenfassend: Open Standards sichern Anschlussfähigkeit, Open Source ermöglicht Mitgestaltung, und Souveränität entsteht dort, wo beides mit eigener Kompetenz verbunden wird.

Wie würde Ihr Cloud-Fahrplan für digitale Souveränität aussehen? Welche drei konkreten Schritte sollte Europa in den kommenden fünf Jahren gehen, um Abhängigkeiten spürbar zu senken – technisch, politisch und wirtschaftlich?

Mein Cloud-Fahrplan für die nächsten fünf Jahre umfasst drei Prioritäten:

  • 1. Infrastruktur konsequent aufbauen: Europa braucht eigene, skalierbare Rechenzentrums- und KI-Kapazitäten. Dazu gehören leistungsfähige Rechenzentren, spezialisierte KI-Chips, Edge-Infrastrukturen und industrielle Cloud-Kapazitäten. Initiativen wie IPCEI-CIS müssen in echte Größenordnung wachsen. 
  • 2. Souveräne KI und industrielle Wertschöpfung stärken: KI ist ein wichtiger Faktor in der Cloud-Abhängigkeit. Europa sollte gezielt in eigene Basismodelle, Trainingskapazitäten und industrielle KI-Anwendungen investieren – insbesondere für sicherheitskritische und wissensintensive Branchen. Der strategische Fokus sollte auf einer leistungsfähigen Industrial-AI-Cloud unter europäischem Recht liegen. 
  • 3. Regulierung mit Skalierung verbinden: Regeln allein schaffen keine Souveränität. Europa muss Regulierung innovationsfähig gestalten, bürokratische Hürden für KMU reduzieren und öffentliche Beschaffung gezielt als Hebel einsetzen, um europäischen Anbietern Marktzugang und Skalierung zu ermöglichen. Souveränität entsteht dort, wo technologische Kompetenz, Kapital und Nachfrage zusammenkommen.

Europa muss nicht autark sein – aber in der Lage, Kooperationen aus einer Position eigener Stärke heraus zu gestalten und nicht vollständig von externen Entscheidungen abhängig zu sein. Souverän ist nicht, wer sich abschottet, sondern wer auch in globalen Abhängigkeiten selbstbestimmt handeln kann.

Digitale SouveränitätKonstantin Pfliegl
ist leitender Redakteur für das e-commerce magazin und DIGITAL BUSINESS. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung als Journalist für verschiedene Print- und Online-Medien.

Bildquelle: Foto Marquart, Tutzing

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