DB Podcast

Verbesserte Resilienz Digitale Souveränität – die Basis für die Verteidigungsfähigkeit Europas

Ein Gastbeitrag von Martin Merz 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Für Unternehmen wird digitale Souveränität zur Sicherheitsfrage: Wer in einer von Cloud und KI geprägten Welt Daten, Systeme und Prozesse souverän kontrolliert, sichert Europas Resilienz – technisch, operativ und rechtlich.

(Bild:  © atmospheric-20stock/stock.adobe.com)
(Bild: © atmospheric-20stock/stock.adobe.com)

Darum Geht'S

Digitale Souveränität ist längst eine sicherheitspolitische Notwendigkeit für Europas Behörden und Unternehmen.

Entscheidend ist die nachvollziehbare und rechtssichere Kontrolle der Technologie über den gesamten digitalen Stack.

Erforderlich ist die Kooperation statt digitaler Abschottung von Europa.

Europa diskutiert über Verteidigungsbudgets, Abschreckung und industrielle Kapazitäten. Das ist zwar notwendig, aber eine entscheidende Sicherheitsfrage wird noch immer unterschätzt: Wer kontrolliert die digitale Infrastruktur, auf der moderne Verteidigung, Verwaltung und kritische Industrien laufen? Genau dort beginnt nämlich heute Resilienz. In Krisen entscheidet nämlich nicht nur die Verfügbarkeit von Material über Handlungsfähigkeit, sondern ebenso die digitale Souveränität über Daten, Systeme und Prozesse. Wer seine digitalen Grundlagen nicht eigenständig betreiben und absichern kann, ist im Ernstfall in seiner Reaktions- und Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt.

Für Unternehmen und Behörden existiert diese Diskussion schon länger. In Zeiten stetiger geopolitischen Veränderungen wird es immer wichtiger, digitale Abhängigkeiten bewusst zu steuern. Die Risiken sind konkret und real. Manipulationen in der Produktion, Datendiebstahl oder Störungen operativer Abläufe können erhebliche Auswirkungen auf reale Wertschöpfung und Versorgungssicherheit haben. In der Industrie kann das die Resilienz von Produktionsketten schwächen, in der Logistik Versorgung unterbrechen, in sicherheitskritischen Szenarien sogar dazu führen, dass notwendige Updates für Systeme ausfallen.

Digitale Souveränität über den gesamten Stack

Eine oft genannte Fehlannahme in der Debatte ist, dass es reicht, einzelne Komponenten zu schützen oder Daten nur im Land zu speichern. Dabei ist es entscheidend, digitale Souveränität bereits auf Systemebene mitzudenken. Digitale Einsatzfähigkeit entsteht erst dann, wenn der gesamte Stack souverän betrieben wird, vom Rechenzentrum über Plattformen bis hin zu den Software-Applikationen. Dafür braucht es zudem klare Zuständigkeiten, technische und organisatorische Absicherungen, verlässliche Kommunikationswege und Notfallprotokolle, die auch unter Druck funktionieren. Nur dann entsteht aus Souveränität tatsächlich auch Resilienz.

Konflikte werden in der heutigen Zeit längst nicht mehr nur physisch ausgetragen. Cyberangriffe destabilisieren die Energieversorgung sowie innere und äußere Sicherheit, sie alle zielen darauf, Entscheidungsfähigkeit zu untergraben. Fehlt in solchen Fällen der souveräne Zugriff auf Systeme, Daten und Prozesse, nehmen Abhängigkeiten und Risiken zu: operativ, wirtschaftlich und strategisch.

Die Definition von digitaler Souveränität

Für digitale Souveränität reichen Datenschutz und der Standort eines Rechenzentrums nicht aus. Um souveräne Handlungsfähigkeit zu ermöglichen, müssen vier Ebenen als Fundament gewährleistet sein:

1. Datensouveränität bedeutet, dass Daten innerhalb des nationalen oder europäischen Rechtsraums gespeichert und verarbeitet werden und vor unbefugtem Zugriff geschützt sind.

2. Betriebliche Souveränität heißt, dass der Betrieb durch qualifiziertes, sicherheitsüberprüftes und haftbares Personal erfolgt, das dem jeweiligen nationalen Recht unterliegt.

3. Technische Souveränität verlangt Systeme, die auch im Krisenfall stabil und funktionsfähig bleiben.

4. Juristische Souveränität setzt voraus, dass Betreiber und Infrastrukturen definierten, nationalen oder europäischen Gerichtsbarkeiten unterliegen und durch lokale Governance, rechtliche Zuständigkeiten und Kontrollmechanismen geschützt werden.

Digitale Souveränität: Es geht auch ohne Abschottung

In der großen Diskussion um digitale Souveränität wird oft auf die Abhängigkeit von US-Hyperscalern hingewiesen und eine komplette Abschottung gefordert. Es greift jedoch zu kurz zu glauben, dass sich diese Herausforderungen allein durch Abschottung lösen lassen.

Europa kann nicht alle bereits vorhandenen Technologien neu erfinden, und das muss es auch nicht. Europa muss wissen, welche Systeme und Fähigkeiten unverzichtbar sind, und sie gemeinsam entwickeln, schützen und betreiben. Wo Kooperation sinnvoll ist, können europäische Partner Lösungen schaffen, die den eigenen Werten und Sicherheitsanforderungen entsprechen.

Auf diese Weise wird Sicherheit gewährleistet, ohne dabei in Sachen Innovation den Anschluss zu verlieren. Denn niemand kann sagen, wie die Welt morgen aussehen wird. Dafür sind die geopolitischen Entwicklungen zu schnell und erfordern stetige Anpassbarkeit, die bei einer Abschottung gebremst wird.

Eine oft genannte Fehlannahme in der Debatte ist, dass es reicht, einzelne Komponenten zu schützen oder Daten nur im Land zu speichern. Dabei ist es entscheidend, digitale Souveränität bereits auf Systemebene mitzudenken.

Handlungsempfehlungen für digitale Souveränität

1. Priorisierung: Nicht alle Daten und Systeme sind gleich relevant. Europa muss klar definieren, welche Bereiche für Verteidigung, Versorgung und Entscheidungsfähigkeit kritisch sind und wo gezielte Offenheit möglich bleibt. Auf diese Weise lassen sich Schutzmaßnahmen dort konzentrieren, wo sie strategisch am meisten bewirken, ohne Innovationen oder Partnerschaften unnötig zu begrenzen.

2. Souveräner Umgang mit Daten: Europa muss verstehen, welche Informationen seine digitalen Kronjuwelen sind: die Daten, die für Funktionsfähigkeit, Versorgung oder wirtschaftliche Stabilität unverzichtbar sind. Diese Daten gehören klar in vollsouveräne Umgebungen. Gleichzeitig braucht es eine klare Klassifizierung mit abgestuften Schutzmechanismen, um einen gewissen Austausch von Daten zu ermöglichen und Innovationen voranzutreiben.

3. Zusammenarbeit: Kein Akteur kann digitale Verteidigung allein stemmen. Staat, Industrie und IT-Wirtschaft müssen gemeinsam an resilienten Architekturen arbeiten und sichere Schnittstellen schaffen. Gemeinsame Standards sind entscheidend, um Kooperation zu ermöglichen, ohne Steuerungsfähigkeit aufzugeben. Multi-Cloud-Ansätze und modulare Systeme können helfen, Flexibilität mit Souveränität zu verbinden.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Europas Resilienz beginnt im digitalen Dreiklang

Europas Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit beginnt im digitalen Dreiklang aus Staat, Industrie und Gesellschaft. Deshalb sollte digitale Souveränität nicht länger als nachgeordneter Aspekt der Sicherheitsstrategie behandelt werden. Sie gehört in ihr Zentrum. Dabei muss Europa nicht alle Technologien selbst neu erfinden, aber das Wesentliche selbst beherrschen: Daten, Betrieb, rechtliche Kontrolle, resiliente Architekturen und die Fähigkeit, globale Technologie in eigene Regeln einzubetten. Genau darin liegt der Unterschied zwischen digitaler Abhängigkeit und digitaler Handlungsfähigkeit.

Martin Merz
ist President Sovereign Cloud bei SAP.

Bildquelle: Sylviane Brauer