Sprechen wir über Gemini: Was bringt das konkret – für Großkonzerne wie für Mittelständler?
Michael Korbacher: Die Cloud demokratisiert Technologie. Ob zehn oder 100.000 Mitarbeitende: Alle greifen auf dieselben KI-Fähigkeiten zu – nutzungsbasiert, pro User. Dinge, die on-prem kaum realistisch sind, sind so leicht verfügbar. Beispiele: Tageszusammenfassungen in Gmail und Calendar mit To-dos; automatisierte Vertriebsbriefings; Wissenssuche über Unternehmensdokumente. Natürlich unterscheiden sich Komplexitäten – eine Sortimentsplanung mit 100 Artikeln ist anders als mit zwei Millionen SKUs. Der konkrete Nutzen ist aber in beiden Fällen da.
Nachhaltigkeit ist Pflicht – wo hilft KI heute schon messbar?
Michael Korbacher: KI hilft zum Beispiel bei der Vermeidung: Besseres Demand Forecasting reduziert Überbestände und Abfall. Insgesamt zum Thema Nachhaltigkeit ist wichtig zu betonen: Wir haben die globalen Energieemissionen unserer Rechenzentren im Jahr 2024 um 12 % reduziert. Im selben Jahr lieferten sie mehr als sechsmal so viel Rechenleistung pro Stromeinheit wie noch vor fünf Jahren. Unsere Tensor Processing Unit (TPU) der siebten Generation, Ironwood, ist fast 30-mal energieeffizienter als unsere erste Cloud-TPU aus dem Jahr 2018. Wir nutzen außerdem eine CO2-intelligente Computing-Plattform zur Verwaltung der Rechenzentrumslast, die es uns ermöglicht, Rechenaufgaben über Standorte und Tageszeiten hinweg zu verlagern.
Bezüglich Nachhaltigkeit im Handel: Kühlketten lassen sich bedarfsgerecht steuern, nicht jeder Bereich muss permanent auf Maximalleistung laufen. Hinsichtlich der Erzeugung: Mit Geodaten identifizieren wir geeignete Dachflächen für Photovoltaik – gerade bei großflächigen Filialnetzen ein relevanter Hebel.
Ohne Partner geht’s nicht: Wie trägt Ihr Ökosystem zur Beschleunigung im Handel bei – gerade im Mittelstand?
Michael Korbacher: Partner sind unsere zentrale Go-to-Market-Säule. Wir arbeiten mit globalen und regionalen Systemintegratoren und mit spezialisierten Boutique-Partnern, die seit Jahren Google-Technologie beherrschen. Stark ausgebaut haben wir die Zusammenarbeit mit großen Strategieberatungen. KI ist transformativ, landet auf CEO-Agenden und erfordert Change Management, Organisation- und Prozessdesign – dafür braucht es genau diese Kompetenzen. Technologieeinführung und Business-Transformation müssen Hand in Hand gehen.
Die Cloud demokratisiert Technologie. Ob zehn oder 100.000 Mitarbeitende: Alle greifen auf dieselben KI-Fähigkeiten zu – nutzungsbasiert, pro User. Dinge, die on-prem kaum realistisch sind, sind so leicht verfügbar. Beispiele: Tageszusammenfassungen in Gmail und Calendar mit To-dos; automatisierte Vertriebsbriefings; Wissenssuche über Unternehmensdokumente.
Michael Korbacher, Mitglied der Geschäftsleitung von Google Cloud Deutschland
Welchen Mehrwert liefern die großen Beratungshäuser konkret in KI-Projekten?
Michael Korbacher: Sie orchestrieren die Transformation: Prozesse neu denken, Rollen definieren, Trainings aufsetzen, Governance etablieren. Ich habe kürzlich bei einem großen Händler gesehen, wie komplette Organisationseinheiten entlang neuer, KI-gestützter Wertströme aufgebaut wurden. Das geht weit über das Implementieren eines Tools hinaus. Wir liefern die Technologie und Best Practices, die Beratungen verankern sie strukturell im Unternehmen. Denn sie steuern auch das erforderliche Change-Management.
Sicherheit und digitale Souveränität werden zunehmen zentrale Voraussetzungen: Wie adressiert Google Cloud streng regulierte Anforderungen?
Michael Korbacher: Sicherheit ist Grundvoraussetzung – ein beträchtlicher Teil unserer Belegschaft konzentriert sich auf Security, unter anderem aus der Akquisition von Mandiant. In puncto Souveränität bieten wir abgestufte Modelle: von Sovereign Controls – Datenverschlüsselung, Betrieb durch Personal im jeweiligen Markt, klare Zugriffskontrollen – über Partner-operated-Varianten, bei denen europäische Partner die Systeme betreiben, bis zur Disconnected Cloud – Google-Technologie ohne Internetanbindung im Rechenzentrum des Kunden. In Deutschland haben wir außerdem eine strategische Partnerschaft mit Stackit als Teil der Schwarz Gruppe, um sovereign Workspace anzubieten. Unsere Sovereign-Cloud-Lösungen nutzen Branchen wie Finanzdienstleister, öffentliche Hand oder Verteidigung; hierzulande arbeiten u. a. Deutsche Bank, Commerzbank, Deutsche Börse und die Bundeswehr mit uns.
GLOSSAR
Demand Forecasting: Prognoseverfahren zur Bestimmung der künftigen Nachfrage – Grundlage für Einkauf, Bestände und Disposition.
KI-Agenten/Agents: Softwareassistenten, die Aufgaben eigenständig ausführen, zum Beispiel Recherche, Zusammenfassung, Dialog und Aktionen in angebundene Systeme.
Agentspace: Google-Technologie für den Aufbau und Betrieb von Agenten (angekündigt auf Google Cloud Next in Las Vegas). Firmiert jetzt als Gemini Enterprise.
BigQuery: Serverloses Data Warehouse von Google Cloud für Analytics über sehr große Datenmengen.
CRM/ERP: Systeme für Kundenbeziehungsmanagement (CRM) und Enterprise Resource Planning (ERP), zum Beispiel Vertrieb, Finanzen, Lager.
Omnichannel: Nahtlose Verbindung von Online- und Offline-Kanälen – einheitliche Bestände, Services und Kundenerlebnis.
A/B-Test: Vergleich zweier Varianten (A und B), um belastbar festzustellen, welche besser performt.
Gemini: Googles multimodales KI-Modell – in Workspace (zum Beispiel Gmail, Docs) und in Google Cloud verfügbar.
Sovereign Controls/Partner-operated/Disconnected Cloud: Stufen der digitalen Souveränität – von lokalem Betrieb und Schlüsselkontrolle bis zur vollständig vom Internet entkoppelten Google-Technologie im Rechenzentrum des Kunden.
Shopping-Assistent in natürlicher Sprache: KI, die Nutzeranfragen wie „tailliertes Sakko für Abendveranstaltung, heute abholen“ versteht und passende Ergebnisse samt Verfügbarkeit liefert.
Quantencomputing: Rechenparadigma, das bestimmte komplexe Optimierungen deutlich schneller lösen kann – perspektivisch relevant für Forecasting, Preis- und Supply-Chain-Optimierung.
SKU: Abkürzung für „Stock Keeping Unit“. Interne Kennung für eine konkrete Produktvariante (zum Beispiel T-Shirt blau, Größe M) zur Lager- und Bestandsführung.
Viele Unternehmen fürchten den Digital Services Act oder „Hintertürchen“. Wie begegnen Sie dieser Sorge?
Michael Korbacher: Mit Transparenz und Wahlfreiheit. Unsere Souveränitätsmodelle erlauben individuell einstellbare Schutz- und Betriebslevel – bis hin zu Setups, in denen wir keinen Zugriff haben. Es gibt beispielsweise die Google Cloud Data Boundary, die Kunden die Möglichkeit bietet, eine souveräne Datengrenze zu implementieren und zu kontrollieren, wo ihre Daten gespeichert und verarbeitet werden. Mit Google Cloud Dedicated bieten wir außerdem eine Lösung, die auf regionale Souveränitätsanforderungen zugeschnitten ist und von unabhängigen lokalen Partnern bereitgestellt wird. Und Google Cloud Air-Gapped, eine vollständig eigenständige Lösung, die keine Verbindung zu einem externen Netzwerk erfordert, und vom Kunden oder einem Partner bereitgestellt und betrieben werden kann. Wichtig ist, die Anforderungen sauber zu bewerten und das passende Modell zu wählen. Dass wir diese Optionen bieten, ist kein kurzfristiger Trend – an Souveränität arbeiten wir seit vielen Jahren.
Werfen wir zum Schluss den Blick voraus: Welche Rolle spielt künftig Quantencomputing im Zusammenspiel mit KI, Daten und Automatisierung?
Michael Korbacher: Für komplexe Optimierungsprobleme – etwa hochdimensionale Prognosen oder dynamische Preis- und Bestandsmodelle – erwarte ich einen deutlichen Schub. Kurzfristig werden vor allem große Retailer mit sehr großen Datenmengen profitieren. Viele Anwendungsfälle sind noch in der Evaluierung; die Richtung ist aber klar: schnellere, präzisere Berechnungen für bessere operative Entscheidungen.
Stand: 16.12.2025
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