Virtuelle Welt: Digitale Zwillinge für die europäische Industrie
Besonders interessant für Europa sind die industriellen Anwendungen. China integriert XR-Technologien systematisch in seine Industrial-Internet- und Industrie-4.0-Strategien. Digitale Zwillinge von Fabriken, Produktionslinien und Logistikzentren werden in virtuellen Umgebungen modelliert und mit KI-Systemen gekoppelt. Die KI analysiert Produktionsdaten, erkennt Anomalien, prognostiziert Wartungsbedarfe und simuliert alternative Szenarien in Echtzeit.
Ein häufig zitiertes Beispiel ist das BMW-Werk Lydia in Shenyang. Die gesamte Fabrik wurde zunächst als digitaler Zwilling aufgebaut und virtuell optimiert, bevor die reale Produktion startete. KI-Systeme analysierten Materialflüsse, Robotereinsatz und Produktionsabläufe. Das Ergebnis waren deutliche Zeit- und Effizienzgewinne. Solche Konzepte werden inzwischen von zahlreichen chinesischen Technologieunternehmen als exportfähige Lösungen für internationale Industriekunden angeboten.
Auch im Bereich Wartung und Service entstehen neue Geschäftsmodelle. AR-Brillen mit integrierter KI erkennen Maschinenkomponenten automatisch und unterstützen Servicetechniker mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Computer-Vision-Systeme identifizieren Fehlerbilder, greifen auf Wartungshistorien zu und schlagen geeignete Reparaturmaßnahmen vor. In Energieversorgung, Infrastruktur, Fertigung und Logistik werden solche Systeme bereits produktiv eingesetzt.
Virtuelle Welt für das Training der Mitarbeiter
Ein weiteres Wachstumsfeld ist die Schulung von Mitarbeitenden. VR-Simulationen ermöglichen realitätsnahe Trainings für gefährliche oder komplexe Tätigkeiten. KI analysiert Blickverhalten, Fehlerquoten und Reaktionszeiten und erstellt daraus individuelle Lernprofile. Dadurch entstehen personalisierte Trainingsprogramme, die sich kontinuierlich an den Fortschritt der Lernenden anpassen.
Neben Gaming und Industrie entwickelt sich auch der Einzelhandel zum Experimentierfeld für KI und XR. Alibaba, JD.com und Douyin verbinden AR, KI und E-Commerce zu sogenannten New-Retail-Konzepten. Kunden können Produkte virtuell ausprobieren, Fahrzeuge konfigurieren oder mit digitalen Verkaufsassistenten interagieren. Berühmt wurde das Starbucks Reserve Roastery in Shanghai, bei dem Besucher über AR-Overlays Informationen zu Produkten, Herkunft und Herstellung erhalten. Hinter den Kulissen analysieren KI-Systeme das Kundenverhalten und optimieren Empfehlungen, Preise und Sortimente in Echtzeit.
Obwohl auch in China der große Hype vorbei ist, wächst auch das chinesische Metaverse im Hintergrund weiter. Baidu betreibt mit Xirang eine Plattform, auf der Zehntausende Nutzer gleichzeitig virtuelle Veranstaltungen besuchen können. Hinzu kommen Social-Metaverse-Anwendungen wie Jelly, KI-generierte Avatare, Virtual Idols und virtuelle Communities. Im Kulturbereich entstehen digitale Museen, virtuelle Stadtmodelle und sogenannte Big-Space-VR-Erlebnisse. Besonders erfolgreich war die immersive Installation Horizon of Khufu, die in China hunderttausende Besucher anzog und das wirtschaftliche Potenzial solcher Konzepte verdeutlichte.
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Trotz regulatorischer Hürden drängen chinesische KI-XR-Hersteller aktiv nach Europa. Rokid, ein Pionier aus Hangzhou mit über elfjähriger Erfahrung in der KI-gestützten Brillentechnologie, hat seinen Markteintritt in Deutschland vollzogen. Die Gläser bieten Echtzeitübersetzung für über 80 Sprachen, KI-gestützte automatische Meeting-Zusammenfassungen und freihändigen Navigationsfunktionen, die auf generativer KI und Sprachmodellen basieren. Die integrierte KI kann für Menschen mit Sehbehinderung die Umgebung akustisch beschreiben und Hindernisse erkennen – ein Beispiel für inklusive KI-Anwendungen.
Auch XReal hat seine Marktposition in Europa durch einen Sieg im sogenannten XR-Patent-Erstfall vor dem Münchner Landgericht gesichert. Das Unternehmen verfügt in der EU über dutzende Patente, viele davon in KI-Algorithmen und optischen Kernbereichen. Der Fall zeigt, dass chinesische KI-XR-Unternehmen nicht nur Produkte exportieren, sondern auch ihre KI-bezogenen Innovationen patentrechtlich absichern. Die Zukunft der chinesisch-europäischen Zusammenarbeit im KI-X-Bereich liegt in der gemeinsamen Entwicklung. Wie das Beispiel des chinesischen Smart-Driving-Unternehmens Zyt zeigt, das seinen Europahauptsitz im deutschen Braunschweig eröffnet hat und mit der Technischen Universität Braunschweig kooperiert, entstehen zunehmend In-Europe-for-Europe-Strategien. Ähnliche Weichenstellungen sind im KI-XR-Bereich absehbar.
Europas Stärke liegt in der Grundlagenforschung, China glänzt mit der raschen Überführung von KI-Forschung in marktreife Produkte. Diese Komplementarität hat ein großes Potenzial. Europäische Forschung und chinesische KI-gestützte Produktentwicklung könnten gemeinsam Standards für die nächste Generation intelligenter XR-Systeme setzen. Die konkrete Umsetzung zeigt sich bereits auf institutioneller Ebene. Das in Brüssel ansässige China-EU Center und das Go Global Service Center in Shenzhen haben kürzlich eine Partnerschaft vereinbart, die KI-Unternehmen bei Marktzugang und regulatorischen Fragen gezielt unterstützt. Ziel ist nicht mehr nur der Export, sondern die Co-Creation – europäische und chinesische Unternehmen arbeiten von Anfang an gemeinsam an KI-gestützten Produkten für den Weltmarkt.
Stand: 16.12.2025
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