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Digital Sovereignty Digitale Souveränität: Europas Masterplan für KI und digitale Infrastrukturen

Das Gespräch führte Heiner Sieger 6 min Lesedauer

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Im Gespräch zeigt Prof. Dr. Feiyu Xu, Univ.-Professorin an der German University of Digital Science, wie Europa seine digitale Souveränität durch eigene Cloud-, Satelliten- und KI-Plattformen sichern und industrielle Innovationen beschleunigen kann.

(Bild:  atmospheric-20stock/stock.adobe.com)
(Bild: atmospheric-20stock/stock.adobe.com)

Warum ist es gerade jetzt so wichtig, das Thema digitale Souveränität ernst zu nehmen und Initiativen zu ergreifen?

Prof. Dr. Feiyu Xu: Zu lange haben wir uns auf unseren wirtschaftlichen Erfolgen ausgeruht. Klassische Geschäftsmodelle der Kernindustrie Europas waren enorm profitabel, nicht zuletzt aufgrund historisch günstiger Energiepreise und des riesigen, aufnahmefähigen Marktes in China. Dabei wurde jedoch übersehen, dass sich die globale Wirtschaft beginnend bereits vor zehn bis 15 Jahren grundlegend verändert hat. Plattform-Ökosysteme und serviceorientierte Modelle haben kontinuierlich an Bedeutung gewonnen, doch diese neuen Geschäftsmodelle erfordern zwingend eine eigene, starke Cloud-Infrastruktur.

Die Veränderungen kamen schleichend und nicht abrupt, weshalb die Notwendigkeit zum Handeln lange ignoriert wurde. Erst die Pandemie, der plötzliche Boom der virtuellen Zusammenarbeit, gestörte Lieferketten und schließlich der Krieg zwischen Russland und der Ukraine haben uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie verletzlich wir in unseren industriellen Strukturen in Europa eigentlich sind und digitale Souveränität herstellen müssen.

Die gesprächspartnerin

Prof. Dr. Feiyu Xu ist sei April 2025 Univ.-Professorin of Industry AI an der German University of Digital Science, Board Member und Senior Advisor. Sie ist eine international anerkannte KI-Forscherin und eine der führenden Expertinnen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Feiyu ist Aufsichtsrätin bei Siemens Energy, ZF Group und Airbus, sowie Vorsitzende des Asia Berlin Forum. Von Forbes China wurde sie unter die „Top 50 Women in Tech“ gewählt.
 

Digitale Souveränität
Prof. Dr. Feiyu Xu
(Bild: Prof. Dr. Feiyu Xu)

Wo stehen wir aktuell im internationalen Vergleich, wenn es um KI und digitale Ökosysteme geht?

Prof. Dr. Feiyu Xu: Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Unter den zehn nach Marktkapitalisierung wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt finden sich mindestens sieben KI-Unternehmen, darunter der KI-Chipdesigner Nvidia, Chip-Hersteller TSMC, große Hyperscaler und Plattformen wie Google, AWS, Microsoft und Meta. Diese Unternehmen bilden längst eine eigenständige, hochprofitable Zukunftsindustrie. Europa spielt in diesem digitalen KI-Ökosystem faktisch keine wesentliche Rolle. Stattdessen haben europäische Firmen in China bereitwillig die dortigen Hyperscaler genutzt und im Rest der Welt blind auf US-amerikanische Infrastruktur vertraut.

Wir haben diese Technologien wie selbstverständlich konsumiert, ähnlich wie Strom oder Wasser aus der Leitung, ohne zu begreifen, dass sie die absolute Voraussetzung für das Überleben unserer eigenen Demokratie, unserer Industrie und unseres Alltags sind. Ein Beispiel dazu: Um die europäische Verteidigungsfähigkeit abzusichern, ist zwingend eine eigene Defense Cloud erforderlich. Wenn wir in diesem Zukunftsmarkt nicht sofort aktiv mitspielen, verlieren wir massiv an Wettbewerbsfähigkeit.

Digitale Souveränität durch Abkoppeln von den USA und China

Bedeutet digitale Souveränität im Umkehrschluss, dass wir uns vollständig von den USA und Asien abkoppeln müssen?

Prof. Dr. Feiyu Xu: Eine komplette Abschottung ist weder realistisch noch erstrebenswert. Schließlich profitieren Staaten enorm von globaler Zusammenarbeit, dem Austausch von Gütern und dem Transfer von Technologien. Es geht vielmehr um eine strategische Neuausrichtung. Bisher verfolgte Europa fast ausschließlich eine reine Partnerstrategie. Wir haben uns schlichtweg zu stark auf andere verlassen und zu wenig selbst entwickelt. Stattdessen ist eine ausbalancierte Make-Buy-Partner-Strategie erforderlich. Das bedeutet konkret, wir sollten messerscharf identifizieren, welche kritischen Technologien wir zwingend selbst entwickeln müssen, den sogenannten Make-Teil.

Als Voraussetzung brauchen wir eine systematische Datenspeicherung und müssen eine Datenkultur aufbauen, die das Teilen von Industriedaten aktiv fördert. Gleichzeitig sollten wir definieren, welche sensiblen Daten auf keinen Fall in die Hände ausländischer Hyperscaler geraten dürfen und zwingend unter europäischer Kontrolle bleiben müssen. Digitale Souveränität bedeutet, bewusste, strategische Entscheidungen zu treffen, nicht einfach nur Server in Europa aufzustellen.

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