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Digital Sovereignty

Digitale Souveränität: Europas Masterplan für KI und digitale Infrastrukturen

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Digitale Souveränität: Defizite über die gesamte Wertschöpfungskette

Was sind aus Ihrer Sicht die aktuell drängendsten Handlungsfelder für Europa?

Prof. Dr. Feiyu Xu: Wir haben ein massives Defizit über die gesamte technologische Wertschöpfungskette hinweg. Nehmen wir die Chipindustrie als Beispiel. US-amerikanische Hersteller dominieren das komplexe Chipdesign. In Europa gibt es zwar exzellente Unternehmen wie ASML, die erfolgskritische Lithographie-Technologien anbieten, aber in der gesamten Wertschöpfungskette machen sie vielleicht zehn Prozent aus. Etwa 40 Prozent der Wertschöpfung liegen in den USA und gewaltige 60 Prozent der Chipproduktion finden in Asien statt, wobei Taiwan eine absolut kritische Rolle für Hochleistungschips spielt.

Daher stellt sich die Frage, ob diese fatale Abhängigkeit bei Chips, die nicht nur für unsere Autoindustrie existenziell sind, weiter akzeptabel ist. Ähnlich prekär sieht es bei den großen Sprachmodellen aus. Zwar bestehen in Europa ambitionierte Ansätze für digitale Souveränität, aber im direkten Vergleich mit dominanten Akteuren wie OpenAI, Anthropic, DeepSeek oder Tencent hinken die heimischen Akteure deutlich hinterher. Uns fehlt somit die elementare KI-Lieferkette: Es sind schlichtweg zu wenig eigene Rechenzentren vorhanden, zugleich steht Europa vor enormen Herausforderungen bei der Bereitstellung stabiler und bezahlbarer Energie.

Die europäische Politik versucht gegenzusteuern, beispielsweise mit dem AI Act oder dem Data Act. Reicht das aus, um den Markt zu beruhigen und in geordnete Bahnen zu lenken?

Prof. Dr. Feiyu Xu: Der Data Act ist prinzipiell ein guter Schritt, um Unternehmen in die Richtung zu bewegen, Daten effektiver und zugleich sicher miteinander zu teilen. Doch diese Maßnahmen kommen eigentlich zu spät. Das weitaus größere Problem ist unsere politische Grundhaltung. Die europäische Regulierung ist stark risikofokussiert. Anders gesagt: Ziele werden bisher primär über die Minimierung von Risiken definiert. In den USA herrscht eine völlig andere Mentalität. Dort lautet das vom Weißen Haus erklärte Ziel KI-Leadership, direkt verbunden mit dem Abbau von technologischen und bürokratischen Barrieren.

Anders gesagt: Die USA verfügen über einen klaren Winning Plan. Wenn man gewinnen will, ordnet man alle Aktionen diesem Ziel unter und strebt nach maximalen autonomen Fähigkeiten. Europa und Deutschland fehlt ein solcher holistischer Business-Plan für die digitale Zukunft. Risikomanagement ist zwar wichtig, darf aber immer nur ein untergeordneter Teilbereich eines übergeordneten Wachstumsplans sein.

Organisierung eines Wachstumsplans in Europa

Wie lässt sich so ein Wachstumsplan angesichts der bisweilen schwerfälligen Strukturen in Europa finanzieren und organisieren? Müssen das die großen Konzerne übernehmen oder ist der Staat gefordert?

Prof. Dr. Feiyu Xu: Digitale Infrastruktur ist aus meiner Sicht ein zentraler Bestandteil von kritischer Infrastruktur, um digitale Souveränität zu erreichen. Bei Projekten wie dem Bahnnetz oder Autobahnen hat sich gezeigt, dass kritische Infrastruktur durch mutige staatliche Planung in kluger Kombination mit privatwirtschaftlichen Geschäftsmodellen erfolgreich aufgebaut oder erweitert werden können. Das mit Abstand beste Beispiel für eine erfolgreiche europäische Zusammenarbeit ist meines Erachtens Airbus – ein Projekt, das Jahrzehnte nach Boeing startete und dennoch zur Weltspitze wurde.

Allerdings sollte sich Europa vom dysfunktionalen Gießkannenprinzip lösen, bei dem Geld ziellos und ineffizient in die Breite verteilt wird. Für erfolgskritische, teure Technologien sind hochkonzentrierte Investitionen in zentrale strategische Projekte erforderlich, ausgestattet mit den absolut besten Köpfen und optimalen Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch, aktiv Talente und Top-Experten anzuziehen, die derzeit für US-Hyperscaler arbeiten. Viele dieser Spezialisten sind selbst Europäer, die sehr gerne zurückkehren würden, wenn sie in Europa eine adäquate Vergütung, ein gutes regulatorisches Umfeld und exzellente Standortbedingungen vorfinden würden.

Digitale SouveränitätHeiner Sieger
ist Chefredakteur der Fachpublikationen Digital Business Magazin und e-commerce magazin.

Bildquelle: Heiner Sieger

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