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KI-Fabrik „KI made in Europe“: Wie die Industrie wieder Tempo gewinnt

Das Gespräch führte Heiner Sieger 7 min Lesedauer

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Ferri Abolhassan, Mitglied des Vorstands der Telekom und CEO von T-Systems, über die KI-Fabrik München, Large Industry Models und warum Deutschland bei physischer KI zum Zugpferd Europas werden kann.

(Bild:  Deutsche Telekom)
(Bild: Deutsche Telekom)

DARUM GEHT'S

KI-Fabrik München als souveräne, europäische Infrastruktur für „KI made in Europe“ – mit Fokus auf Large Industry Models und Industrie-Use-Cases.

Konkrete Anwendungen: Digital Twins für Fabrikplanung (unter anderem Siemens/Pepsi), Robotik-Produktionen (Agile Robots), juristische Modelle (Noxtua), Sprachmodell SOOFI.

Green AI: PUE 1,2, 100 Pozent Grünstrom, Kühlung via Eisbach und Abwärmenutzung im Tucher-Park; schnelle, pragmatische Onboardings für den Mittelstand.

Wie lautet der Kernauftrag der KI-Fabrik – und welches Problem der deutschen Industrie lösen Sie konkret?

Ferri Abolhassan: Die KI-Fabrik ist für uns mehr als ein Technologieprojekt. Sie steht für „KI made in Europe“ und „made for Germany“ – sicher, offen und souverän. Wir liefern einen kompletten Stack von Konnektivität und Security über Cloud und Plattform bis hin zu smarten Business-Anwendungen. Im Zentrum stehen Large Industry Models: Modelle, die unstrukturierte Industriedaten in messbare, produktionsnahe Lösungen übersetzen. Genau hier liegen die größten Hebel für Produktivität und Automatisierung. Deutschland ist ein Industrieland. Wir haben einen enormen Bestand hochwertiger Prozess- und Fertigungsdaten. Was bisher fehlte, war eine Infrastruktur, um dieses Potenzial stärker zu nutzen, ohne die Hoheit über diese Daten aus der Hand zu geben. Mit unserer Industrial AI Cloud bieten wir hierfür eine souveräne Lösung. Wir reden nicht nur, wir handeln: Wir sind im Februar gestartet und sehen bereits eine Auslastung von rund 50 Prozent.

Der Stack ist offen, interoperabel und auf Co-Creation ausgelegt. Wir integrieren bestehende Systeme, schaffen standardisierte Schnittstellen und entwickeln gemeinsam mit Kunden und Technologiepartnern die Large Industry Models, die Europa braucht. So entsteht Tempo – ohne Vendor-Lock-in.

Dr. Ferri Abolhassan, Vorstand der Deutschen Telekom AG und CEO der T-Systems International GmbH

Woran zeigt sich der Nutzen bereits heute – können Sie konkrete Beispiele nennen?

Ferri Abolhassan: Ein prominentes Beispiel ist Siemens. Mit dem Digital Twin Composer lassen sich Fabriken oder Rechenzentren virtuell planen und simulieren; Pepsi nutzt das bereits. Was früher Zeichnungen, CAD, Simulationen und viel Planungsarbeit erforderte, gelingt mit digitalen Zwillingen schneller, transparenter und flexibler. Planung, Abstimmung und Änderungsschleifen verkürzen sich, und Qualität sowie Nachvollziehbarkeit steigen.

Gibt es Kennzahlen, an denen Unternehmen den Effekt messen?

Ferri Abolhassan: KPIs unterscheiden sich je nach Branche und Reifegrad. Typisch sind weniger Personal- und Planungsaufwand, kürzere Time-to-Design und Time-to-Factory, höhere First-Time-Right-Quoten sowie sinkende Nacharbeits- oder Ausschussraten. Die Firmen, die auf Automatisierung setzen, quantifizieren diese Effekte für ihr Business – und skalieren dann.

DER GESPRÄCHSPARTNER

Dr. Ferri Abolhassan ist seit 1. Januar 2024 Vorstand der Deutschen Telekom AG und CEO der T-Systems International GmbH. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat des DFKI, Mitglied der Expertenkommission „Wettbewerb & KI“ des Bundeswirtschaftsministeriums, acatech-Senator und engagiert bei Max-Planck-Gesellschaft und Bitkom.

Deutsche Telekom – T-Systems – KI-Fabrik
(Bild: Deutsche Telekom)

Welche Leuchtturmprojekte können Sie bereits nennen?

Ferri Abolhassan: SOOFI zum Beispiel ist ein souveränes europäisches Sprachmodell, das speziell für Unternehmens- und Industrieanwendungen entwickelt wird – mit Fokus auf Datensouveränität, Compliance und Mehrsprachigkeit. Wir als Deutsche Telekom bzw. T-Systems treiben SOOFI gemeinsam mit Partnern voran: Wir stellten dafür die souveräne Infrastruktur und das Hosting in unserer KI-Fabrik bereit, übernehmen Betrieb, Sicherheit und Compliance und integrieren das Modell in konkrete B2B-Use-Cases. Zweites Beispiel ist Agile Robots, hier adressieren wir KI-gestützte Robotikfertigung. Denken Sie zum Beispiel an die Textilindustrie. Hier ist Europa nur mit Robotik plus KI wettbewerbsfähig: Designs, Größen, Farben und Sortimente werden in Echtzeit in Produktionsaufträge übersetzt, die Roboter zuverlässig umsetzen. Unsere KI-Fabrik liefert dafür Daten, Modelle und Rechenleistung. Drittes Beispiel: Noxtua im Rechtsbereich. Das Unternehmen erschließt mit Hilfe unserer Industrial AI Cloud Millionen von Fällen, um in großen Foundation-Modellen präzisere Beratungen zu ermöglichen.

Ist die KI-Fabrik vor allem etwas für Konzerne – oder senken Sie damit auch Einstiegshürden für den Mittelstand?

Ferri Abolhassan: Wir adressieren Mittelständler ganzheitlich. Häufig beginnt es mit einem konkreten Problem, etwa Predictive Maintenance bei Klimaanlagen oder Kompressoren. Unstrukturierte Daten – zum Beispiel Geräuschprofile – erlauben Rückschlüsse auf den „Gesundheitszustand“ von Maschinen. Wir hören den Kunden zu, schärfen den Use Case und verbinden Konnektivität, Cloud, Plattform und Anwendung zu einer Lösung. So reduzieren wir Komplexität, machen hohe Vorabinvestitionen überflüssig und liefern schnell Ergebnisse. 

Wie sieht das Onboarding aus – und wie schnell geht es?

Ferri Abolhassan: Das hängt vom Reifegrad ab. Großunternehmen wie Siemens verfügen über starke Expertenteams und starten zügig. Mittelständler benötigen in der Regel mehr Unterstützung. Wir bieten strukturierte Beratung, klare Meilensteine und frühe Prototypen, damit der Nutzen rasch sichtbar wird. Schnelligkeit, Pragmatismus und Ganzheitlichkeit sind unser USP.

Welche Rolle spielt Green AI – Energieeffizienz und CO2?

Ferri Abolhassan: Eine zentrale. Unsere KI-Fabrik läuft zu 100 Prozent mit grünem Strom und erreicht einen PUE von 1,2 – das ist sehr effizient. Gekühlt wird mit Wasser aus dem Münchner Eisbach; über einen Wärmetauscher erhitzen wir das Wasser nicht, sondern nutzen die Abwärme zum Heizen des Tucher-Parks. Effizienz, Nachhaltigkeit und regionale Wertschöpfung greifen hier ineinander.

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