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Experten-Talk Proof of Concept, und dann? Der Mittelstand und seine KI-Wahrheit

Von Konstantin Pfliegl 7 min Lesedauer

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KI im Mittelstand: viel Hype, wenig Praxis? Wir haben Experten befragt, wie es 2026 wirklich um die produktive Nutzung steht – und ob Pilotprojekte den Sprung in den Alltag schaffen.

(Bild:  © itlada/stock.adobe.com)
(Bild: © itlada/stock.adobe.com)

Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Und genau hier entscheidet sich gerade, wer die digitale Zukunft aktiv gestaltet – und wer ihr hinterherläuft. Auch in Sachen künstlicher Intelligenz. Das Digital Business Magazin fragt bei Experten nach: „Ehrliche Bestandsaufnahme 2026: Wie viel Prozent der deutschen Mittelständler nutzen Ihrer Erfahrung nach künstliche Intelligenz heute wirklich produktiv – und welche der vielen Pilotprojekte sind tatsächlich in den Regelbetrieb übergegangen und nicht in der berüchtigten ‚Proof-of-Concept-Hölle‘ gelandet?“

Maik Donner – Industry Manager AI bei Cosmo Consult 

Der deutsche Mittelstand ist 2026 zweigeteilt: Es gibt jene Unternehmen, die künstliche Intelligenz produktiv und wertschöpfend nutzen, und alle anderen. Die erstgenannten sind in der Minderheit. Die letztgenannten stecken nach wie vor in der berüchtigten „PoC-Hölle“ fest oder korrigieren gerade mühsam den Kurs.

Maik Donner: Industry Manager AI bei Cosmo Consult.(Bild:  Cosmo Consult)
Maik Donner: Industry Manager AI bei Cosmo Consult.
(Bild: Cosmo Consult)

Rolle Rückwärts: Der Grund dafür ist ein strategischer Wendepunkt. Wir beobachten ihn aktuell: Viele Mittelständler, die vor ein, zwei Jahren euphorisch mit isolierten, use-case-getriebenen Pilotprojekten gestartet sind, machen heute eine sprichwörtliche „Rolle rückwärts“. Sie stellen fest, dass das punktuelle Lösen von Einzelproblemen mit proprietären Spezial-Tools langfristig wartungsintensiv, nicht skalierbar, und schlicht zu teuer ist. Datensicherheit, Governance und die nahtlose Einbindung in bestehende ERP- und CRM-Prozesse lassen sich mit solchen Einzellösungen nicht nachhaltig abbilden.

Demgegenüber stehen die Vorreiter, die das Thema plattformbasiert gelöst haben. Wer auf eine integrierte Plattform setzt, bringt KI-Anwendungen nicht nur deutlich schneller, sondern vor allem effizient, sicher und skalierbar in den echten Regelbetrieb. Die Plattform liefert das nötige Fundament für Daten, Berechtigungen und standardisierte Prozesse.

Mein Fazit: Der Erfolg von KI entscheidet sich nicht am coolsten Use Case, sondern an der Architektur. Nur wer plattformübergreifend denkt, entkommt der PoC-Hölle dauerhaft.

Michael Bochmann – Chief Product & Technology Officer bei DocuWare

Nur knapp zehn Prozent der deutschen Mittelständler haben KI vollständig in ihre Prozesse integriert. Das zeigt der KI-Index des Deutschen Mittelstands-Bundes von Anfang 2025: Ein Drittel der Unternehmen experimentiert zwar mit KI, aber der weitaus größte Teil steckt in Pilotprojekten fest. Die KfW kommt in ihrer Erhebung vom Februar 2026 auf 20 Prozent produktive Nutzung. Selbst dieser Wert täuscht: Auf Mitarbeiterebene stellt das ifo Institut fest, dass nur jeder fünfte Beschäftigte KI regelmäßig und intensiv nutzt.

Fehlende Projekte und Datenqualität: Der Grund liegt selten in der Technologie. Er liegt in der Frage davor: Was genau soll die KI lösen? Wer mit „KI für die Buchhaltung" startet, hat kein Projekt. Wer fragt: „Wie viele Eingangsrechnungen verarbeiten wir heute manuell, und was kostet uns das?" hat einen Anwendungsfall. Nur enge Problemdefinitionen mit messbarem Erfolgskriterium überleben den Schritt vom Proof of Concept in den Regelbetrieb.

Michael Bochmann, Chief Product & Technology Officer bei DocuWare.(Bild:  Docuware)
Michael Bochmann, Chief Product & Technology Officer bei DocuWare.
(Bild: Docuware)

Dazu kommt ein Problem, das noch grundsätzlicher ist: die Datenqualität. Viele Mittelständler setzen KI auf ein Fundament, das dafür nicht vorbereitet ist. Informationen stecken in Papierakten, in unstrukturierten E-Mail-Anhängen, in Laufwerken, die niemand außer der jeweiligen Abteilung kennt. KI kann das nicht kompensieren – sie verstärkt, was vorhanden ist. Wer schlechte Daten eingibt, bekommt entsprechend auch schlechte Ergebnisse.

Unternehmen, die KI beispielsweise für die automatische Klassifizierung und Datenextraktion aus Eingangsbelegen einsetzen, berichten hingegen von stabilen Erkennungsraten und messbaren Zeitersparnissen. Der entscheidende Unterschied zu gescheiterten Projekten: Die Lösung ist in bestehende Workflows eingebettet, nicht parallel dazu aufgebaut.

Was den Mittelstand bremst, ist oft nicht fehlendes Budget, sondern fehlende Prozessklarheit. KI macht unklare Abläufe nicht besser, nur schneller. Der erste Schritt ist kein Technologieprojekt, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme: welcher Prozess kostet uns heute am meisten und warum.

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Christian Feldmann – Berater für digitale Transformation bei der GWS

Die Diskussion um den Einsatz von KI im Mittelstand ist aktuell deutlich weiter als die tatsächliche Nutzung. In vielen Unternehmen gibt es erste Initiativen oder Pilotprojekte. Von einer breiten produktiven Nutzung im Regelbetrieb kann man aber noch nicht sprechen – unserer Einschätzung nach nutzen es vielleicht 10 bis 15 Prozent produktiv.

Christian Feldmann, Berater für digitale Transformation bei der GWS.(Bild:  GWS)
Christian Feldmann, Berater für digitale Transformation bei der GWS.
(Bild: GWS)

Bestehende Prozesse: Die zentrale Herausforderung liegt dabei weniger in der Technologie selbst als in ihrer Einbettung in bestehende Prozesse. KI entfaltet ihren Nutzen nicht automatisch, sondern muss konsequent an konkrete Geschäftsprozesse, belastbare Datenstrukturen und klare wirtschaftliche Zielsetzungen gekoppelt werden. Das fehlt in vielen Projekten.

Was wir häufig sehen: Proof-of-Concepts zeigen technisch beeindruckende Ergebnisse, bleiben aber Insellösungen. Der Übergang in den produktiven Einsatz scheitert oft daran, dass der Nutzen nicht ausreichend konkretisiert wurde oder Prozesse und Verantwortlichkeiten nicht mitgedacht wurden.

Da, wo KI wirklich produktiv eingesetzt wird, ist der Ansatz ein anderer. Unternehmen starten nicht mit der Technologie, sondern mit der Frage: Welcher Prozess soll messbar verbessert werden? Erst daraus ergeben sich sinnvolle Anwendungsfälle. KI wird dann gezielt als unterstützendes Element integriert – nicht zum Selbstzweck.

Die ehrliche Bestandsaufnahme lautet daher: KI ist im Mittelstand angekommen, aber nicht flächendeckend wirksam. Der entscheidende Schritt vom Experiment zur Wertschöpfung gelingt da, wo Methodik, Prozessverständnis und klare Zielbilder zusammenkommen.