DB Podcast

Souveräne KI KI-Systeme made in Europe: Chancen und der Weg zur Unabhängigkeit

Das Gespräch führte Heiner Sieger 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Europa steht am Scheideweg: Im globalen Wettlauf um KI-Systeme dominieren derzeit vor allem die USA und China. Doch wie kann die europäische Industrie ihre technologische Unabhängigkeit sichern und im KI-Zeitalter wettbewerbsfähig bleiben?

(Bild:  © sam richter/stock.adobe.com)
(Bild: © sam richter/stock.adobe.com)

Jörg Bienert, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des KI Bundesverbandes, plädiert im Gespräch mit Digital Business Magazin für eigenständige KI-Systeme aus Europa und eine gezielte Bündelung von Ressourcen.

Was macht die Entwicklung eigenständiger KI-Modelle für die europäische Industrie so strategisch wichtig?

Jörg Bienert: Spätestens seit ChatGPT sehen wir, wie künstliche Intelligenz nahezu alle Lebens- und Arbeitsbereiche durchdringt und enorme Produktivitätssteigerungen ermöglicht. Aber wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. Es ist strategisch entscheidend, dass wir in Deutschland und Europa in der Lage sind, Foundation-Modelle als zentrale Infrastruktur selbst zu entwickeln, zu betreiben und weiterzuentwickeln. Nur so verhindern wir eine vollständige Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern – ein Risiko, das gerade angesichts aktueller Themen wie Strafzöllen nochmals deutlich wird.

Worin liegen die Gründe, dass aktuell vor allem die USA und China das Rennen um künstliche Intelligenz dominieren, und wie schätzen Sie das technologische Potenzial Europas ein?

Jörg Bienert: Wir verfügen in Deutschland über eine lange wissenschaftliche Tradition und exzellentes Know-how – beispielsweise wurde das Modell, das Siri und viele Sprachmodelle zugrunde liegt, ursprünglich in München entwickelt. Uns fehlt aber der Mut und die Bereitschaft, in großem Maßstab zu investieren. Während US-Konzerne wie Google, Microsoft oder Amazon über enorme finanzielle Ressourcen verfügen, mangelt es uns an digitalen Schwergewichten mit vergleichbaren Möglichkeiten. Das Potenzial ist da – wir müssen es nur konsequent nutzen.

Der Gesprächspartner

Jörg Bienert ist Mitgründer und stellvertretender Geschäftsführer beim KI Bundesverband. Der KI-Strategieberater war beziehungsweise ist Partner und Chief Customer Officer (CCO) bei Merantix Momentum und bei der Alexander Thamm GmbH, einem Data-Science- und KI-Anbieter. Zudem engagiert er sich als Mitglied im Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz.
 

Jörg Bienert KI Bundesverband KI Systeme
(Bild: KI Bundesverband)

Welche politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, damit Europa bei der Entwicklung eigener Foundation-Modelle aufholen kann?

Wir brauchen eine zentrale Steuerung und die Bündelung der Kräfte. Die öffentliche Hand sollte unterstützend tätig werden, denn Foundation-Modelle sind eine unverzichtbare Basisinfrastruktur für Wirtschaft und Gesellschaft – vergleichbar mit Autobahnen. Es braucht eine klare, koordinierte Strategie, die alle Aktivitäten zusammenführt. In der Vergangenheit wurde oft nach dem Gießkannenprinzip investiert, ohne Abstimmung zwischen Ministerien oder Wissenschaftlern. Mit einer gezielten Strategie und einem „Moonshot“-Programm könnten wir eine konkurrenzfähige europäische KI aufbauen.

Europäisches Ökosystem für KI-Systeme

Wie kann eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik dazu beitragen, eine leistungsfähige europäische KI-Infrastruktur zu schaffen?

Eine enge Zusammenarbeit ist entscheidend. Wissenschaftler, Unternehmen und Politik müssen ihre Aktivitäten stärker koordinieren und gemeinsame Schwerpunkte setzen. Nur so lassen sich Synergien heben und Ressourcen effizient einsetzen. Ein Beispiel ist die LEAM-Initiative, die den Aufbau eines europäischen Hochleistungs-Rechenzentrums für KI fordert – unterstützt von Wirtschaft, Start-ups und Forschungseinrichtungen. Solche Allianzen sind der Schlüssel für ein leistungsfähiges KI-Ökosystem in Europa.

Welche Bedeutung hat die Industrieautomation für die Entwicklung und Anwendung von KI, und wie kann Deutschland hier seine Stärken ausspielen?

Gerade in der industriellen Produktion verfügen wir über eine solide Basis bei Datenerhebung und -verfügbarkeit. Diese Chancen sollten wir aktiv nutzen, etwa indem wir Daten auch unternehmensübergreifend zusammenführen und daraus neue Systeme entwickeln, die unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken. Die Automation ohne Medienbrüche und die Integration von KI in die Wertschöpfungskette können zum echten Game Changer werden. Besonders im Bereich Robotik besteht großer Aufholbedarf, den wir mit unserem Ingenieurs-Know-how adressieren sollten.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung